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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-22 · Heft 38 (22.9.1905) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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—— 45.4 -— ' - Licht über die Jugend und über die Gemeinde ausgießen. -Die Schule aber wird wenn nicht mit ihrem, auch gegen ihren Willen kreiert werden. Hiermit schritt ich der Türe zu, die Versammlung in großer Erregung zurücklassend. Der Rabbi aber beschwichtigte seine Anhänger: „Laßt ihn gehn, es werd nischt san! Reb Leiser vermietet ihm das Haus nicht, und ein anderer auch nicht, folglich gibt es keine Schule." Ich wurde stutzig, und mich umwendend, entgegnete ich: „Reb Leiser hat sein Wort verpfändet, hat es, wie mich Reb Jidl versichert, mit Handschlag bekräftigt." Daraus der Rabbi in ruhigem Tone: „Gut, geht hin und überzeugt Euch, ob ich die Wahrheit gesprochen oder nicht." Ich ging nachdenklich in mein Hotel. Auf dem Ring fand ich massenhaft Menschen angefammelt, zumeist Proletarier, in Gruppen erregt diskutierend und hastig gestikulierend. Es war die Schulsrage, die die Leute in Hitze brachte. Kaum in mein Zimmer eingetreten, fand sich auch schon Jidale ein. Mit fliegenden Worten "berichtete er mir, daß Reb Leiser sein Wort zurückgenommen, eingeschüchtert durch die Drohungen der Chasfidim. Man brauche aber, beruhigte er, nicht 51t verzweifeln. Er bäte mich also, mich zu Reb Leiser zu verfügen und meine ganze Beredsamkeit auf ihn wirken ^u lassen. Sollte dies aber nicht fruchten, dann werden er und seine Gesinnungsgenossen schon Mittel und Wege finden, den säubern Reb Leiser zu zwingen, sein Wort einzulösen. Er zweifle keinen Augenblick, daß, ehe der Abend hereingebrochen, der Mietvertrag abgeschlossen sein werde. Ich wußte zwar nicht, welche Mittel unserem Jidale zur Verfügung standen, Reb Leiser zu verhalten, daß er sein Wort einlöse; aber ich hatte großes Vertrauen zu Jidale gefaßt, und ging ohne Widerrede zu Reb Leiser. — Mein Bemühen, diesen Mann, der zwar kein Anhänger des Rabbi war, sich aber gleichwohl hütete, ihm offen zu trotzen, umzustimmen, scheiterte. Ich wollte schon resigniert abziehen, als ein mächtiger Haufe sich gegen das Haus heranwälzte. Im nächsten Augenblick erschien Jidale an der Spitze einer Abordnung in der Tür, und hart an den Eigentümer des Hauses herantretend, sagte er: „Reb Leiser, wir kommen im Auftrag des „Olam", Euch aufzusordern, daß Ihr Euer unter Handschlag und in Gegenwart vieler Zeugen gegebenes Versprechen, Euer leer stehendes Haus der Baron Hirsch-Stiftung behufs Gründung einer Schule vermieten zu wollen, einlöset." Reb Leiser sah zum Fenster hinaus und antwortete kleinlaut, er sei nicht in der Lage, sein gegebenes Versprechen zu halten, da er die Schwierigkeiten, die sich der Erfüllung desselben entgegenstellen würden, nicht vorausgesehen habe. „Der „Olam" fordert aber entschieden, daß Jyr Euer Versprechen haltet," erwiderte Jidale streng, „er fordert es mit der größten Entschiedenheit." „Das Haus ist mein," gab Reb Leiser trotzig zurück, „und niemand kann mich zwingen, es zu vermieten." „Aber Euer Versprechen, Reb Leiser, Euer heiliges, in Gegenwart von Zeugen gegebenes und mit Handschlag bekräftigtes Versprechen gehört uns, und wir werden uns mit aller Entschiedenheit daran halten, werden unser gutes Recht zu finden und Euch zu Eurer Pflicht zurückzuführen wissen." „Wie, Ihr wollt mich zwingen, mein Haus zu vermieten?" „Das wollen wir! Das wollen wir!" tönt es aus hundert Kehlen. Die Massen drängten zur Tür herein. Reb Leiser erbleichte. Er sann eine Weile nach; dann sprach er : „Nu gut — wenn Ihr mich zwingt, dann weiche ich der Gewalt. Reicht mir den Vertrag her! Und wenn Ihr mich zwingt, so schicke ich auch meine. Kinder in., die Schute. — Reicht mir den Vertrag her: Ich weiche der Gewalt." In dieser Stunde ward die Schule in N. geboren. Den Sieg hatte. Jidale errungen; aber es war für ihn. in einer Beziehung ein Pyrrhussieg. Denn noch am selben Tage wurde ihm der Dienst in der Klaus gekündigt, ihm sogar der fernere Zutritt zu derselben untersagt. Aber was lag ihm 'daran, was lag ihm an den Beleidigungen und Demütigungen, die ihm in den nächsten Wochen und.' Monaten angetan wurden, wenn er sich in einer Synagoge zum Gebet einsand? Die Seligkeit, die er darüber empfand, daß die Schule da sei und daß sein Kind und hundert andere Kinder ihren Segen genießen, sie half ihm über alle Not des Tages hinweg. Nun war aber zu befürchten, daß an dem Schebuotfest, das vor der Tür stand, die gegen den Rabbi und seinen Anhang wachgerufene Erregung in den Synagogen zum Ausbruch kommen könnte; ich legte also vor meiner Abreise den Führern der Schulpartei ans Herz, dafür zu sorgen, daß der Gottesdienst nirgends gestört werde, sonst sei es um die Schule geschehen: denn die Verwaltung der Baron Hirsch-Stiftung we^rde nimmer einem Orte eine Schule bewilligen, wo man vor einem Chillulhaschem keine Scheu empfinde. Das wirkte. Die Feiertage verliefen in größter Ruhe und nach denselben wurde fieberhaft daran gearbeitet, daß die Schule in kürzester Zeit eröffnet werden konnte. Die „Frommen", die sich bislang als die allmächtigen Beherrscher des „Olam" dünkten, hatten jetzt die. Macht des letzteren, in dessen Namen sie bisher gesprochen, zu fühlen bekommen. Sie wichen vor ihr zurück, nur heimlich, von Mann zu Mann gegen die Beschickung der Schule, „die wie ein Moloch die Kinder verzehre," agitierend. Es half ihnen jedoch nicht viel. Die Schule blühte von Jahr zu Jahr kräftiger auf und konnte bald die Massen der Einlaßbegehrenden nicht mehr fassen. Dank den rastlosen Bemühungen Jidales gelang es, eine sehr günstig gelegene, aus prächtigem Hause und großem Garten bestehende Realität käuflich zu erwerben und vortrefflich zu adaptieren. „ Jidales weiterer Verdienste um die Schule soll bei einer anderen Gelegenheit gedacht werden, wo von der unglückseligen Politik die Rede sein wird, welche die jüdischen Wahtmacher in Galizien zugunsten der Schlachta treiben, um derentwillen sie die Volkswut gegen die Juden entladen. Hier sei nur noch kurz gesagt, daß unserm Jidale der schönste und erhabenste Lohn in den letzten Jahren seines Lebens geworden. Sein Söhnchen wurde nach Absolvierung der Schule mit vielen anderen Kollegen in die Lehre gegeben. Er wählte das Schlosserhandwerk, wofür er schon beim Handfertigkeitsunterricht (Slöjd) irr der Schule Anstelligkeit und Vorliebe an den Tag legte. Zum Gesellen freigesprochen, ging er in die Welt hinaus. Er kam auf seiner Wanderschaft bis in die Schweiz, arbeitete hier in einer Maschinenfabrik, und da er tüchtig zugriff und fleißig war, kam er bald auf einen grünen Zweig. Er brachte es aus einen Wochenlohn von 30 Mark, davon er die Hälfte regelmäßig den Eltern zuschickte. Wer war glücklicher und seliger als diese? Sie konnten nicht die Hälfte von dem, was ihr Sohn ihnen schickte, verbrauchen und Jidale durfte auf seine alten Tage ein Wohltäter der Armen sein. Er wurde von allen verehrt und schließlich zum Vorsteher der Klaus gewählt, deren Schammes er einst gewesen und aus der er mit Schimpf hinausgestoßen wurde. So ansteckend wirkte seine Ketzerei in wenigen Jahren! Vor. etwa vierzehn Tagen legte er sich hin, um nicht wiederaufzustehen. Er verschied, noch nicht -61 Jahre alt. Friede seiner Asche. Das Andenken des Frommen ist zum Segen! ■Mülilüil

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