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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-22 · Heft 38 (22.9.1905) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
Seite 449 (sequence 5)
Language
German
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449 statt. Erschienen waren als Vertreter des Statthalters Unterstaatssekretär Dr. v. Schraut, als Vertreter des Staatssekretärs Ministerialdirektor Mandel, ferner Unterstaatssekretär Dr. Petri, Reichstagsabgeordneter Justizrat Riff, als Vertreter der Stadt drei Beigeordnete u. a. Nach einem von einem Schülerorchester unter Leitung des Chordirigenten der Synagoge, Stanislaus Schlesinger, gespielten Largo von Händel hielt der Präsident des Verwaltungsrates, Herr Sanitätsrat Dr. Levy, Präsident des israelitischen Konsistoriums, die Festrede. Er begrüßte zunächst die Ehrengäste und hob hervor, daß es das drittemal seit kurzer Zeit sei, daß der Statthalter, sei es persönlich, sei es durch einen Vertreter, der Einweihung von Gebäuden der indischen Gemeinde beiwohne, und daß die kaiserliche Regierung somit den Geist der Toleranz bekunde, der einst Kaiser Friedrich den Edlen sprechen ließ: der Antisemitismus sei die Schmach des Jahrhunderts. Hierauf gab er einen Ueberblick über die Geschichte der Anstalt, die andern Handwerkerschulen im In- und Ausland öfter als Vorbild gedient habe. Das Datum der Gründung lasse sich nicht mehr feststellen, doch könne man ungefähr das Jahr 1819 dafür annehmen. Damals war die Schule ein Externat, die Schüler wohnten in der Stadt und besuchten unter Aufsicht eines Komitees die Werkstätten. 1832 wurde ein Haus in der St. Barbaragasse gemietet, 1848, ein Jahr in dem die Anstalt auch von höchstgestellten Persönlichkeiten Zuwendungen erhielt, wies der Präsident des Konsistoriums Louis Ratisbonne ihr das Haus in der Halbmondgasse an, das er ihr später als Eigentum überließ. Ueber 1000 Schüler seien aus der Anstalt hervorgegangeu, darunter Männer, die es zu Ansehen und Reichtum gebracht hätten. Im neuen Heim hoffe man die Zahl der Zöglinge von 58 auf 80 zu erhöhen. Der Neubau kostete 190 000 Mark, zu denen nur noch 20 O00 Mark fehlen, die man aufzübringen hoffe, ohne das Vermögen der Anstalt angreifen zu müssen. Zum Bau wurden vom kaiserlichen Statthalter 3000 Mark gestiftet. Besonderen Dank sprach der Redner Herrn Isidor Gentzbourger, Mitglied des Verwaltungsrats, der vor kurzem den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten hat, ans, für seine rege Tätigkeit bei der Sammlung zum Bau. Er schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß auch in dem neuen Bau die Ideale des Stifters der Anstalt verwirklicht werden und mit den Schillerschen Worten: Arbeit ist des Bürgers Zierde usw. Hierauf hielt Unterstaatssekretär Dr. v. Schraut folgende Ansprache: „Der Herr Statthalter hat mich beauftragt, Ihnen seinen Dank für die freundliche Einladung und seine besten Wünsche für das Gedeihen der Anstalt auszusprechen. Ihre Anstalt hat schon viele Jahrzehnte gewirkt; ihre Geschichte, die uns der allgeehrte Herr Präsident soeben mitgeteilt hat, ist eine ununterbrochene Ehrentafel von Arbeit, Opferwilligkeit und stolzen Erfolgen. Sie haben hierdurch Ihr volles Verständnis dafür bekundet, wie nützlich humanitäre Einrichtungen sind,, die den Unbemittelten eine berufsmäßige Ausbildung und die Erziehung zur Selbständigkeit ermöglichen. In unserer wirtschaftlich, technisch und sozial so bewegten Zeit kann der Einzelne, nur durch eigene wirtschaftliche Einsicht und Charakterstärke vorwärts kommen und sich im Beruf und öffentlichen Leben nach dem alten Satze zurechtfinden: Prüfet alles und das Gute behaltet. Namentlich im Handwerk kommt auf die persönliche Geschicklichkeit und Tüchtigkeit das meiste an. Anerkennung findet daher jede werktätige Hilfe, die der Jugend die Erreichung dieses Zieles erleichtert, und volle Anerkennung gebührt auch allen denen, die mit Rat und Tat, ohne ein Opfer zu scheuen, die Gewerbeschule fördern. Auch die Regierung wird die Entwicklung dieser Anstalt wie j alle für das Handwerk nützlichen Einrichtungen mit Interesse;i verfolgen. Lassen Sie mich mit dem Wunsche schließen, daß J der Schule auch fernerhin ein günstiges Geschick beschieden f sein möge, zum Vorteil ihrer Zöglinge und zum Nutzen des 1 Handwerks." ] Lebhafter Beifall dankte dem Unterstaatssekretär für die a Ansprache, worauf der Oberrabbiner Urh die Weiherede hielt. Er begann mit dem Segensspruch: Schehechejonu, schilderte J wie Bibel und Talmud die Arbeit verherrlichen, während im heidnischen Altertum der Arbeiterstand verachtet und Vulkan, der Gott der Arbeit, als lächerliche, häßliche Figur dargestellt ' wurde. In wirkungsvoller Weise wies er darauf hin, daß das unduldsame Mittelalter die Juden in das Ghetto gewiesen und sie vom Handwerk ansgeschlossen habe, bis die Neuzeit ';■ ihnen auch dieses Menschenrecht wiedergegeben habe. Mit;; einem Gebet und denV Priestersegen schloß er die mit großem s Beifall aufgenommene Rede, worauf ein Chor „Lobet Gott" . die Feier beendete. Hierauf wurde unter Führung des Architekten Müller, von dem der Entwurf zu dem Neubau stammt, das Gebäude besichtigt. Im Untergeschoß befinden sich die Pförtnerloge, § ein Baderaum mit Dusche, Schrankzimmer, Putzraum und : die Wirtschaftskeller. Im Erdgeschoß ist die Wohnung des \ Direktors, die Geschäftszimmer und der Sitzungssaal des ' Verwaltungsrats, der mit der Büste Louis Ratisbonnes geschmückte Speisesaal, Küche und Anrichte und ein Aufenthaltsraum für die Zöglinge, der gleichzeitig als kleiner /- Lehrsaal dient. Im ersten Stock drei Schlafsäle und ein Waschraum, sowie der große Lehrsaal. Im zweiten Stock endlich finden wir einen Ausstellungssaal, Krankenzimmer, Waschküche und die Zimmer für die Dienerschaft. Daß alles den modernsten hygienischen Anforderungen entspricht, braucht nicht erst gesagt zu werden. „Schön und gediegen", damit, ist das neue Lehrlingsheim charakterisiert und bildet damit auch einen Mahnruf an die Zöglinge, für das, was sie leisten sollen. —x. vsm Wiener Orirk. Von S. Fischer. j: Wien, im September. \§ er galizische, damals 53 jährige Kaufmann Samuel Grünblatt aus Brody wurde in Kiew in Rußland am ' 15. April 1892 verhaftet wegen des unbegründeten Verdachts, | daß er im Auftrag der österreichischen Regierung Spionage | in Rußland betreibe. 4 Unter unsäglichen moralischen und physischen Leiden wurde Grünblatt im Kiewer Gefängnis sestgeh alten, es | wurden ihm Haar und Bart ganz kahl geschoren und er sah 4 nun trotz seiner Unschuld wie ein Verbrecher aus. < Im Juli 1894 wurde er mit 39 anderen desselben Verbrechens angeklagten Israeliten in Kiew vor ein Kriegsgericht gestellt und zu 13 Jahren schwerer Zwangsarbeit in den Bergwerken Sibiriens verurteilt. 4 Infolge verschiedener Amnestien - wurde seine Strafe in J Sibirien derart abgekürzt, daß er bereits im Jahre 1900 4 Zwangsansiedler wurde. Nun konnte er sich freier bewegen und da beschaffte er sichi eine Landkarte von Rußland. Auf dieser studierte er seinen Fluchtplan; er wählte einen Weg, der eine Tagereise nach Osten ging, weit er wußte, daß auf dieser Seite ihn niemand verfolgen werde. Von da marschierte, er 4 fortgesetzt in südlicher Richtung und vermied dabei, eine Stadt

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