Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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berüchtigte Scharapow aber, welcher die beiden von ihm heraus gegebenen Zeitungen ausschließlich mit Angriffen aus Juden füllte bekommt von der russischen Regierung jährlich 81 000 Rbl. Und Suworin? Dieserin Sünden grau gewordene Geschäftsäntisemit erhält seit einiger Zeit enorme Summen dafür, daß er die offiziellen Bekanntmachungen der Behörden in seiner >,Nowoje Wremja" veröffentlicht. Dasselbe geschieht mit dem getauften Juden Gringmut, dem Erzreaktionär und Herausgeber der „Moskowskija Wjedomosti". Auch die offiziöse russische Telegraphenagentur sendet beständig judenfeindliche Nachrichten in die Welt hinaus. Und dennoch wird die Regierung trotz der russischen Telegraphenagentur, trotz Suworin, Gringmut und Kruschewan ihr Spiel verlieren. Das russische Volk ist eben seiner Regierung über den Kopf gewachsen. Es denkt schon lange nicht mehr daran, selbst Judenkrawalle zu inszenieren und ist etwa seit Jahresfrist darüber empört, wenn ein Judenkrawall von der schwarzen Bande veranstaltet wird. Bekannt sind die öffentlichen Proteste der Arbeiterschaft in Poltawa und Jekaterinoslaw. Die Arbeiter in Samara, wo in zahlreichen Proklamationen für den 5. d. M. ein Judenkrawall verkündigt wurde, haben erklärt, jeden Versuch zur Ruhestörung mit ihren Arbeiterfäusteü entgegenzutreten, was jedermann sich merken, solle, der die Juden auch nur mit den Finger berühren würde. Um dieser Erklärung Nachdruck zu verleihen, versammelten sie sich in einem Wäldchen jenseits der Wolga, um da öffentliche Schießübungen abzuhalten; die Wirkung war, daß die schwarze Bande es nicht gewagt hat, sich auf der Straße zu zeigen. In Kertsch werden alle Ladeninhaber, Hoteliers, Kaufleute und Beamte, die sich während des dreitägigen Krawalls unfair benommen haben,, von der gesamten Bevölkerung boykottiert. Am schwersten leidet unter diesem Boykott derdortige Täbakfabrikant Mefsaxsudi, ein Karäer, dessen 20jähriges Goldsöhnchen Alexander eine Plündererbande geleitet hat. Alle Hotels, welche den Juden in ihrer Not Schutz und Zuflucht versagt hatten, werden vom Publikum gemieden. Ja selbst die Magistratsbeamten, die anläßlich des traurigen Ereignisses ihre judenfeindliche Gesinnung nicht zu unterdrücken vermocht haben, werden von ihren Kollegen derartig behandelt, daß viele von ihnen um ihren Abschied eingekommen sind und die Stadt verlassen haben. Die gesamte russische Intelligenz, die Arbeiter wie der Mittelstand stehen jetzt auf seiten der mißhandelten, sich aber heldenmütig wehrenden Juden. Die Regierung ist ziemlich isoliert und muß sich mit den Sympathien des Lumpenproletariats begnügen. Die Juden haben durch ihr heldenmütiges Verhalten die gesellschaftliche Gleichberechtigung sich bereits erkämpft, die bürgerliche und politische können nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Regierung sucht freilich, so lang es eben geht, einer Lösung dieser Frage auszuweichen. Neuerdings hört man, daß siedas W e st g e b i e t von der allgemeinen Gesetzgebung absondern und die Juden lediglich, dort, unter keinen Umständen aber ins eigentliche Rußland zulassen will. Es liegen auch Vorschläge vor, die den Aufenthalt der Juden in Moskau noch mehr erschweren sollen, als bisher. Herr Witte hatte in dieser Frage keinerlei Vollmachten, weshalb die jüdischen Bankiers, die eine Anleihe unter der Bedingung einer Besserstellung der^Juden gewähren wollen, gut daran tun werden, vorsichtig zu sein. Die Newyorker Bankiers äußerten sich allerdings enthusiastisch über ihre Abschiedsaudienz bei Witte. Dieser versprach,-, -feinen . ganzen Einfluß, im Interesse der Judenemanzipatiyn , aufzpbieten. Angeblich, .wurden dabei keinerlei AnleiheproMe erörtert. Wir haben bereits betont, daß Witte schon ans politischen. Gründen seinen Einfluß zugunsten einer Besserung der Lage der russischen Juden in die Wagschale werfen wird. Nur ist die Frage, ob er seinen Anschauungen in dieser Hinsicht wird Geltung verschaffen können. fr Ueber die Juden in Südafrika schreibt ein deutscher Politiker, Prof. Paul Samassa, in seinem eben erschienenen Buche „Das neue Südafrika" S. 276 folgendes: „In ihrem leidenschaftlichen Streben, an Stelle der feindseligen Heimat sich ein anderes freundlicheres Vaterland zu begründen, sind die russischen Juden auch in das weit entlegene britische Südafrika eingewandert. Während dort der Zensus von 1891 wenig über 3000 Israeliten nachgewiesen hatte, zählt der von 1904 schon 19 509 aus, was einer Vermehrung von etwa 600 Prozent entspricht. Früher waren die Juden bei der europäischen Bevölkerung recht populär, deren ungebildeten Bestandteile „Juden" und „Deutsche" für ziemlich gleichbedeutend hielten; man konnte von den Buren wohl die Meinung hören, die Juden müßten doch eine tapfere Nation sein, weil sie die Franzosen so furchtbar verhauen hätten. In dem kolonialen Treiben fällt der starke Erwerbssinn der Juden nicht weiter auf, denen hierin z. B. die Schotten mindestens gleich stehen. Bei ihrer kleinen Anzahl waren die Juden auch genötigt und geneigt, sich schnell ihrer Umgebung anzupassen, zu asiikanisieren. Die starke Einwanderung des äußerlich fremdartigen polnischrussischen Elements hat die Sachlage sehr verändert. In Kapstadt bildet es bereits ein Zehntel, in Johannesburg mindestens ein Viertel der Bevölkerung. Der Wettbewerb, den diese jüdischen Einwanderer den als Kleinhändler angesessenen Kaufleuten bereitet, wird in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs wie jetzt doppelt drückend empfunden, zumal sich unter den Juden selbst eine arge Armut geltend macht. Das Gesetz, das hauptsächlich gegen Einwanderung von Indern gerichtet ist, fordert freilich für den Einwanderer den Nachweis, daß er in einer Kultnrsprache lesen und schreiben könne; aber das „Jiddisch", das viele der jüdischen Emigranten allein beherrschen, ist von dem Oberrichter der Kapkolonie für eine Kultursprache erklärt worden. Allerdings ist es wahrscheinlich, daß gerade infolge der immer mehr zunehmenden russischen Einwanderer bald strengere Bedingungen der Zulassung durch neue Gesetze aufgestellt werden." Der Autor des Buches, dem wir diese Notiz entnehmen, war oder ist noch Redakteur der „Alldeutschen Blätter". Das erklärt alles. Objektive Beobachter haben von den Schäden und „drückenden" Empfindungen nichts gemerkt, oder doch, falls ihnen etwas derartiges aufgestoßen, es nicht gerade den jüdischen Einwanderern in die Schuhe geschoben. Demgemäß lauten ihre Berichte über die jüdische Einwanderung auch ganz anders als die des alldeutschen Professors. Die ilrselitilche Lunlt- und Gewerbeschule in Strstzburg. Straßburg, 4. September, as Bedürfnis nach Licht und Luft war der Anlaß, daß die hiesige israelitische Kunst- und Gewerbeschule im neuen Stadtteile, Jülianstraße 14, ein Heim erhielt, das der Stadt und besonders der jüdischen Gemeinde zur Zierde gereicht. Das Streben, die alten engen, winkligen Gäßcheu der Altstadt zu erweitern, veranlaßte die Stadt, das alte Anstaltsgebäude in der Halbmondgasfe anzukaufen und der Schule dasür einen Bauplatz und 80 000 Mark zu geben. Nachdem die Uebersiedlung letzten Donnerstag stattgefunden, wurde der schöne Renaissancebau heute vormittag 11 Uhr feierlich eingeweiht. Die Feier fand in der die Rückseite des Hofes abschließenden festlich geschmückten Turnhalle