Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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U1 sind tm Gegenteil vorzugsweise NichLjuden. betroffen,. , deren Ansteckung fast durchweg genau festgestellt ist, trotzdem verlangen die Antisemiten: „Rußland möge seine verseuchten Juden für sich behalten, wie seine verseuchten Schweine". Es muß zugestanden werden, daß man allerdings nicht auf den ersten Anlauf die Juden verantwortlich macht. Erst wird von russischen Auswanderern gesprochen, dann wird die Cholera auf russisch-jüdisches Konto gesetzt und zuletzt sind es bloß noch die russischen Juden, die nicht über die Grenze gelassen werden dürfen, „weil man gesehen habe, welches Unheil die Mandelstamm und Silberfarb anzurichten vermögen, uud man auch gesehen habe, mit welcher Gleichgültigkeit sie das Leben ihrer Mitbürger auf das Spiel setzen." Der russischen Regierung, die in den Augen der Antisemiten freilich eine Jdealregierung ist, weil sie die Juden unmenschlich behandelt, werden keine Vorwürfe gemacht, obwohl sie, wie Dr. Dworetzki aus Moskau in einer Reihe von Aufsätzen in der „Münchener Medizinischen Wochenschrift" ausführlich dargelegt hat, vertragswidrig das Auftreten der Cholera in Rußland verheimlicht, ja die remonstrierenden Aerzte verfolgt hat. Die Vertuschungspolitik der russischen Regierung ist die wahre Ursache für die Einschleppung der Cholera in den beiden Nachbarländern geworden! Das ist heute allen klar, nur den Antisemiten nicht. Daß die Grenzsperre nicht nur ein veraltetes, sondern ein schädliches, ganz und gar zweckwidriges Bekämpfungsmittel ist und darum nicht mehr angewendet wird, das braucht antisemitische Rückständigkeit nicht zu wissen. Aber so viel hätte sie doch sehen müssen, daß zu einer Zeit, da man in ganz Deutschland über die Aussperrung der russischen Schweine klagt und ungestüm die Oeffnung der Grenzen fordert, ihr Verlangen, die russischen Juden wie die russischen Schweine zu behandeln, gerade in ihrem Sinne unangebracht ist. Oder war die Versuchung, Juden und Schweine, die beiläufig, wie unsere Gegner sehr wohl wissen, gar nicht zusammengehören, doch einmal zusammenznstellen, so unwiderstehlich? Das zeigt so recht die antisemitische Geistesarmut. <v> Wie falsch es ist von seiten derer, die die Religion dem Volke nicht nur, sondern auch den „Gebildeten unter ihren Verächtern" erhalten wollen, gegen das Judentum Front zu machen oder dieses auszuschließen, zeigt am besten die Tatsache, daß die Atheisten jetzt nicht nur gegen einzelne Konfessionen, sondern gegen die Religion an sich eifern. Auf dem Pariser Freidenker-Kongreß hat der gewesene Gymnasiallehrer Gustav Herve, der Vorkämpfer der Vaterlandslosigkeit, eine Rede gehalten, die Beachtung verdient und in der er unter anderem sagte: „Alle Kulte, alle Religionen sind unheilvoll. Sie verrohen und verdummen. In dieser Hinsicht gibt die Religion der Fahne den anderen Religionen nichts nach. Sie entsteht in der Familie, wo die Eltern ihren Sprößlingen durch lächerliche Geschenke, Säbel, Flinten, Trommeln und Trompeten, Gedanken von Kampf und Gemetzel eingeben. Sie entwickelt sich in der Schule weiter, wo infame Lehrbücher der Geschichte den Kindern den Haß gegen die Fremden beibringen. Sie erreicht ihre Vollendung in den Zeitungen, auf der Straße, in den Kasernen. Die Prozessionen werden ebenso lächerlich wie die. der Geistlichen. Das stehende Heer ist nur der Wachthund des Kapitals. Die Uebungen eines abgerichteten Hundes, die man es aussühren läßt, haben nur den Zweck, die Geldinteressen der herrschenden Klassen zu wahren, durch Kolonialkriege den großen Kapitalien Märkte zu öffnen, überall und immer die Knechtung des Proletariats zu sichern Derartige verderbliche und gefährliche Anschauungen sind aber nicht die Meinung eines einzelnen Schwarmgeistessondern sie finden durch die Zeitverhältnisse einen Nährboden im Volke. Nun sollte man doch meinen, daß solchen Angriffen gegenüber die einzelnen Konfessionen über dem Trennenden ihrer 'religiösen Eigenart sich zum Kamps für die Religion an sich und gegen deren Feinde die Hand reichen sollten. Aber das verhindern leider der Judenhaß, die Rassenhetze, der nationale Chauvinismus und. andere schöne Erfindungen der neuen Zeit. fr Herr v. Plehwe hat den russischen Juden eine böse Erbschaft hinterlassen. Plehwes Tätigkeit während seiner zweijährigen Ministerschaft bestand bekanntlich im wesentlichen darin, künstlich Judenkrawalle hervorzurufen. Er mußte zu solchen Mitteln greifen, da das russische Volk seit 1881 ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat und die Zeiten, wo Judenkrawalle aus eigener Initiative der Bauernmassen entstanden, schon längst vorüber waren, als Herr v. Plehwe auf den übrigens keineswegs mehr neuen Gedanken kam, durch die Inszenierung von Judenschlächtereien den Zorn des Volkes von der Regierung auf die Juden abzulenken und letztere gleichzeitig für ihr revolutionäres Treiben zu züchtigen. Bekanntlich wurde der Kischinewer Krawall von Baron Lewendal, welcher zu diesem Zwecke mit großen Vollmachten dahin entsandt wurde, im monatelangen Minierarbeiten vorbereitet. Wie der Krawall von Kischinew, so war auch der von Homel ein Kunststück Plehwes gewesen. Gleichzeitig wurde von ihm zum erstenmal der Versuch gemacht, auf Negierungskosten gewerbsmäßige Judenhetzer zu züchten, um so stets Leute zur Hand zu haben, die jedesmal bereit sind, nach Bedarf Judenkrawalle zu inszenteren. Plehwe ist tot. Aber Plehwes Pläne leben weiter und nehmen immer größere Dimensionen an. Aus dem einen Lewendal sind dutzende, ja hunderte Lewendals geworden und die kleine Bande um Kruschewan hat sich zu der „schwarzen Hundert" ausgewachsen. Und während Plehwe in zwei Jahren nur zwei Judenkrawalle veranstaltet, reißen jetzt die Judemnetzeleien gar nicht mehr ab. Auch in einer anderen Hinsicht ubertreffen Plehwes Schüler den Meister im hohen Grade. Plehwe zeigte noch großen Respekt vor der öffentlichen Meinung, seine Nachfolger aber schämen sich nicht im mindesten mehr, und versuchen es nicht einmal, ihre Schandtaten vor der öffentlichen Meinung Europas zu bemänteln. Wie der Umfang, so hat auch der Zweck der Judenmassakres eine wesentliche Ausdehnung erfahren. Die Vorgänge in Bialystok, Kertsch, Kischinew. und Krementschug, in Minsk, Bresk-Litewsk, Lodz von den zahlreichen Keservistenkrawallen gar nicht mehr zu reden, beweisen, daß Plehwes Schüler nicht mehr die Juden als Blitzableiter für den Zorn des Volkes benutzen wollen, sondern nichts geringeres beabsichtigen, als einfach das jüdische Volk auszurotten. Die Behörden kommen entweder überall zu spät, oder ermuntern die als „schwarze Bande", als „russische Leute" und als „Patrioten" glattweg austretenden Räuber und Mörder in unverhohlener Weise. Reicht die schwarze Bande nicht aus, oder wird sie vom „Verein zum Selbstschutz" irgendwie bedroht, so treten Kosaken aus den Plan, um die sich verteidigenden Juden durch schärfe und volle Salven zu verjagen und die es gewagt Habens den geliebten Patrioten die Haut zu ritzen, zu züchtigen. Endlich wird auch in einer anderen Hinsicht die Plehwesche Politik von seinen Schülern überholt. Kruschewan hat von Plehwe zur Unterhaltung seines ausschließlich auf die Judenhetzen angewiesenen Blattes 20 000 Rbl. erhalten. Der