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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-22 · Heft 38 (22.9.1905) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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aus der Bibel ist ersichtlich, daß die Juden soziale Pflichten anerkennen und dem Ausbeutertum entgegentreten, im übrigen aber ist, wenn irgend etwas, . charakteristisch für die Juden ihr Streben nach wirtschaftlicher .Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Dieses Bestreben ist ihnen im Laufe der Jahrhunderte von nahezu allen Machthabern der Erde gewissermaßen eingebläut und nach und nach zur zweiten Natur geworden, die den „Rettern des Mittelstandes" doch am allerwenigsten unshmpatisch sein sollte. Es ist in der Tat einer jener Witze, die die Geschichte bisweilen zu machen liebt, daß die Antisemiten die Detaillisten in Schutz zu nehmen sich berufen fühlen, zu welchen gerade die Juden ein unverhältnismäßig großes Kontingent stellen. In den Vereinigten Staaten, wo man größere Massen eben erst in moderne Verhältnisse verpflanzter Juden in ihren Bestrebungen beobachten kann, sieht man, wie sie vor allem danach trachten, selbst unter den größten Entbehrungen und Mühen sich eine, wenn auch noch so unbedeutende Selbständigkeit zu schaffen. Nicht einmal die Gewerkvereine, geschweige denn die Sozialdemokratie, sind nach dem Geschmack der russischen Juden, über deren angebliche Vorliebe für die Sozialdemokratie die Nüssen und die deutschen Antisemiten so klagen. „Unbewußte Opposition," so schreibt die New Jork Post, „gegen die Gewerkvereine ist ein jüdisches Charakteristikum. In großen Krisen schließen sie sich der Organisation an, aber sowie die Krise vorüber, treten sie wieder aus. Der Ehrgeiz des Inden ist, vorwärts zu kommen. Wenn er Arbeiter ist, sucht er Arbeitgeber. zu werden; und darum rebelliert er gegen die Versuche der Trades Unions, allen die gleichen Löhne und die gleiche Arbeitszeit aufzuzwingen." Man mag das tadeln, aber wir führen dies alles auch nur an, um zu zeigen, wie unberechtigt der Vorwurf sozialistischer Neigungen den Juden gegenüber ist. Die Juden sind im Gegenteil Individualisten par excellence, und wo sie sich in hervorragender Weise der Sozialdemokratie, wie beispielsweise in Rußland, anschließen, ist der wahre Grund der, daß ihnen von der Negierung erschwert bezw. unmöglich gemacht wird, sich selbständig wirtschaftlich zu betätigen. Die am häufigsten von Antisemiten gehörte Behauptung ist die, daß die Juden die Arbeit nicht lieben. Aber selbst Antisemiten können eine solche Behauptrmg mir. aufzustellen wagen, wenn, sie nur, was sie als produktive Arbeit zu bezeichnen lieben, als Arbeit gelten lassen. Diesen Verteidigern des Mittelstandes gilt die Arbeit des Kaufmanns für nichts. Daß tatsächlich der kleine Kaufmann sehr schwer arbeiten muß, wenn er nur bestehen, geschweige denn, wenn er vorwärts kommen will, das scheinen die Herren Antisemiten nicht zu wissen, oder vielmehr nicht wissen zu wollen. Daß sogar der Börsenmann eine ziemlich sichere Aussicht hat, sein Vermögen zu verlieren, wenn er nicht sehr dahinter ist, d. h. fleißig die wirtschaftschaftlichen, finanziellen und Politischen Verhältnisse studiert und überall sich auf dem Laufenden erhält, das wissen sie gewiß nicht, da sie glauben, der Börsenmann brauche nur in den zwei Börsenstunden einigemal „ich gebe" oder „ich nehme", „an Sie" oder „von Ihnen" zu sagen, um dann gemächlich auf seinen Lorbeeren ausruhen und seinen Tresor füllen zu können. Ebenso ist ihnen die Arbeit jüdischer Aerzte, Rechtsanwälte, Gelehrter, Schriftsteller, Journalisten ein bloßes Nichts. Würden die Antisemiten sich in der Welt etwas mehr umsehen'und nicht bloß von ihrem niedrigen Maulwurfshügel aus mit blindein Auge diese Welt beurteilen, dann hätten sie wissen müssen, daß es. auch in Deutschland jüdische Handw.erker in großer Zahl gibt. Zufällig sind wir .jetzt Zeugen, daß, zwei Völker,, denen man Trägheit wahrlich nicht zum Vorwurf machen kann, das englische und das amerikanische, "gegen ihre Neigung Einwanderungserschwerttngen beschlossen haben, die in der Hauptsache den Juden geltenaber nicht aus Antisemitismus, gegen welchen sowohl die englische wie die amerikanische Regierung aus das entschiedenste protestiert haben, sondern lediglich aus Furcht vor der Konkurrenz jüdischer Arbeit, der jüdischen Handeln erker. Chamberlain, ein Freund des Einwanderungsgesetzes, hat dieses ausdrücklich als ein Gesetz zum Schutz der englischen Arbeiter bezeichnet und daraus mit richtiger' Logik den Schluß gezogen, daß man, nachdem man die englischen Arbeiter vor der Konkurrenz der Ausländer durch die Fremdenbill geschützt habe, nunmehr auch die englische Arbeit durch Zollgesetze zu schützen sich werde entschließen müssen. In London und noch mehr, schon wegen der weit größeren Zahlt der jüdischen Einwanderer, in Newyork haben die jüdischen Einwanderer sich erst der ganzen Konfektion bemächtigt und dann sich mit gleicher Wucht und ähnlichem Erfolge auf das Bauhandwerk geworfen. Zimmerleute, Tischler, Glaser,' Maurer, Schlosser, Maler, Klempner, Metzger, Schuhmacher, Bäcker usw. sind Inden. Sie werden es keineswegs erst aus' Not in Newyork. Im vorigen Jahre landeten beispielsweise in Ellis Island 4078 jüdische Zimmerleute, 1970 Maler, 1337 Schlosser usw. Sie kommen meistens aus Rußland und etwa 90 Prozent von ihnen bleiben in Newyork. Das ist ja wahr, daß diese Leute fast ohne Ausnahme ihr Geld nicht vertrinken, verspielen und für sonstige Vergnügungen ausgeben, sondern es noch durch Ueberstunden zu vermehren trachten, um, so bald es irgend geht, sich selbständig zu machen. Man wird demnach zugeben müssen, der Vorwurf, die Juden arbeiten nicht, ist auch hinsichtlich der. Arbeit im engeren Sinne so unberechtigt als nur möglich. Selbst der Landwirtschaft wenden sie sich in letzter Zeit mit Erfolg mehr und mehr zu. Die „Boston Post" veröffentlichte, vor kurzem einen eingehenden Bericht über den Erfolg der jüdischen Farmergemeinde in Medway, Massachusetts, aus dem hervorgeht, daß die jüdischen Farmer ihre Farmen mit großem Nutzen bewirtschaften und sich sehr glücklich als Landwirte fühlen, so daß sie jedem Gedanken, wieder zu städtischen Berufen zurückzukehren, entschieden zurückweisen. Wir lassen es für heute genug sein. Wir haben uns auf Tatsachen beschränkt, die jeder wissen, beziehungsweise leicht kontrollieren und seststellen kann. Sie sollten aber genügen zum Beweise, daß die Juden nicht anders find als andere Leute, was Arbeit betrifft, und daß sie jene Vorwürfe am allerwenigsten verdienen, weil eine mehrtausendjährige Erziehung sie gegen gewisse Schwächen gefeit hat und weil sie während ihrer langen Laufbahn gewisse Eharakterzüge angenommen haben, die aber just das Gegenteil von dem sind, was man in oberflächlicher Beurteilung ihnen zum Vorwurf macht. . '; *J*4f@* . Dir Woche. Berlin, 20. September, s trifft diesmal wirklich genau alles so ein, wie. wir es im Prolog zur politischen Herbstsession wörtlich voraus-, gesagt: jetzt. tragen auch.. die Juden die Hauptschuld an der Einschleppung der Cholera in Deutschland. Zwar weiß man ganz genau, daß die Flissaken sie eingeschleppt, zwar ist noch nirgends bekannt ' geworden, daß unter den Choltzxakraüken und Choleraverdüchtigen Juden ' besonders ' sich befinden — natürlich sind Juden vor Cholera auch nicht sicher — zwar

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