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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-22 · Heft 38 (22.9.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. KZ. ^LdrWiig. 8». 38. ösrliL, 22. 8«Mradvr 1905. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxele». Begründet von * Rabbiner D-- Ludwig Philippson. Verlags-Expeditton: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse; Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Mtilemitilchr Schlsgworte Berlin, 20. September, egen Vorurteile und Antipathien ist schwer ankämpfen und noch schwerer Erfolge erzielen. Vorurteile wurzeln in der Dummheit, die bekanntlich eine besondere Gabe ist, und gegen die Götter selbst vergebens kämpfen. Antipathien sind ebenso wie Idiosynkrasien mehr oder weniger krankhaft, und sie werden am besten vom Arzt, .vom Psychiater behandelt. Ueber ein so bodenlos dummes und unbegründetes Märchen, wie beispielsweise das vom Ritualmord, könnte man ebenso lächeln wie die ganze Christenheit Wohl über das chinesische Märchen lächelt, daß die Missionäre Heidenkinder zu rituellen und medizinischen Zwecken töten oder verstümmeln, wenn die Verbreitung solcher Märchen nicht, wie die Erfahrung lehrt, so sehr gefährlich wäre, sowohl für die, gegen die sie, als auch für die, in deren angeblichem Interesse sie verbreitet werden. Die Gegner rechnen dabei mit der Erfahrung, daß es oft unmöglich ist, einen Beweis zu erbringen, daß sie gelogen, und darauf stützen sich fast immer, die solche Märchen in böser Absicht verbreiten; das sind Wohl die meisten, wenigstens in Ländern, in welchen es nur noch wenige Analphabeten gibt. Wir lassen daher heute solche bloße Vorurteile der Antisemiten ganz weg und begnügen uns, einige immer von neuem wiederholte falsche Behauptungen durch den Hinweis auf offenkundige und festgestellte oder leicht festzustellende Tatsachen zu. widerlegen, die auch von minder boshaften Antisemiten geglaubt werden, vielleicht nur, weil man sie ihnen so oft vorgelögen hat und aus ihre Unkenntnis der wahren Verhältnisse spekuliert. So ziemlich allgemein, wie schon gesagt, auch in nicht gerade bösartig antisemitischen Kreisen geglaubte antisemitische Behauptungen sind beispielsweise: die Juden neigen überall zur Opposition und zur Auflehnung gegen die bestehenden Verhältnisse; die Juden sympathisierten besonders mit der Sozialdemokratie; die Juden arbeiten nicht, namentlich scheuen sie das Handwerk und alle schweren Arbeiten. Jede einzige dieser Behauptungen wird durch die Wirklichkeit Lügen gestraft, wie wir Nachweisen werden. Der Grundzug des jüdischen Charakters ist weit entfernt davon, revolutionär und umftürzlerisch zu sein, ganz im Gegenteil wesentlich konservativ, allerdings nicht im reaktionären Sinne. Dieser Grundzug allein erklärt das Festhalten der Juden an ihrer Religion, ihren Gebräuchen, Sitten usw. Diesem Grundzug ihres Charakters, ist es zuzuschreiben, daß sie noch Jahrhunderte, nachdem sie Deutschland verlassen, unter den verschiedenartigsten Verhältnissen und in den verschiedensten Ländern, in Rußland, Polen, Rumänien, überall die deutsche Sprache sestgehalten haben, fester als die Germanen selbst, die gewöhnlich schon in der dritten Generation die Muttersprache nicht mehr verstehen. Man könnte nun glauben, daß den Juden besonders die deutsche Sprache zusagt, und daß sie sie darum beibehalten haben. Genau dasselbe ist aber der Fall auch mit der spanischen Sprache, welche die vor mehr als vier Jahrhunderten aus Spanien vertriebenen Juden noch heute in Marokko nicht nur, sondern auch in allen Teilen des türkischen Reiches als Umgangssprache pflegen. Führt ja der spanische Senator Dr. Angel Pulido in seinem Werke über die spanischen Juden dieses Festhalten der Sprache mit als einen Grund an für die von ihm mit größtem Enthusiasmus befürwortete Zurückberufung der aus Spanien vertriebenen Juden. Es spricht, beiläufig, dieses Eintreten des Senators für die Zurückberufung, die von keinem einzigen spanischen Blatte bekämpft und im Gegenteil von der Presse, von Schriftstellern und Politikern befürwortet wird, nicht nur für die Juden, sondern auch gegen unsere Antisemiten, die am liebsten die Juden aus Deutschland ausweisen möchten. Denn wohlgemerkt, Senator Pulido fordert die Versöhnung mit den Juden nicht etwa im Interesse der Juden, nicht etwa bloß um ein politisches Verbrechen, das vor vier Jahrhunderten an den Juden begangen worden ist, gutzumachen, sondern weil die Austreibung der Juden Spanien moralisch, geistig und materiell ungeheuer geschadet habe. Der Konservatismus der Inden ist nur nicht reaktionär; dazu sind die Juden zu verständig und zu praktisch. Darum war auch Disraeli ein Regenerator der englischen konservativen Partei. Darum haben auch in Deutschland vielfach Juden an der Regenerierung des Konservatismus mitgewirkt. Die Juden neigen nicht zur grundsätzlichen Opposition, sondern werden durch die Verhältnisse, in denen man sie zu leben zwingt, in die Opposition hineingedrängtwie sie durch die mittelalterlichen Gesetze und Verhältnisse zu Geldgeschäften, zum Kleinkram und Schacher gedrängt worden sind. Da, wo die Juden nicht unter Ausnahmezuständen zu leiden haben, werden sie sich wie andere auch aus verschiedene Parteien - verteilen. Im englischen Unterhause sitzen beispielsweise von zehn jüdischen Parlamentsmitgliedern fünf aus der Rechten, sind also konservativ! '; Nichts aber isb törichter, als den Juden eine Vorliebe für die Sozialdemokratie zuzuschreiben. Die Antisemiten setzen sich auch mit sich selbst in Widerspruch, wenn sie die Juden zu gleicher Zeit als Vertreter des Kapitalismus und als dessen Feinde, als Ausbeuter und als Ausgebeutete, hinstellen. Wohl gibt es auch jüdische Ausbeuter wie jüdische" Ausgebeutete, aber mit dem Judentum , haben weder diese, noch jene zu tun. Schon

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