Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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medizinischen Gesellschaft, entsandt wurde. Wiesenthals- Interesse be'-? schränkte sich aber durchaus nicht auf den engen' Kreis seiner Standes? genossen. Gern lieh er vielmehr auch sein Ansehen und widmete er seine Mitarbeit gemeinnützigem Bestrebungen.. allgemeiner Art, vor allem solchen in unserer Gemeinde. -Sein Wirken wird noch lange in . segensreichem Andenken bleiben. 8. Berlin- 8. September. In Heidelberg ist am 5. d. M. der Professor der alttestamentarischen Theologie an der theologischen Fakultät der Berliner Universität, D. Friedrich Baethgen, im 56. Lebensjahre gestorben. Von den rein theologischen literarischen Hervorbringungen Baethgens sind zwei Werke hervorzuheben. Gemeinsam ist beiden, daß sie theologische Fragen in einer Weise behandeln, daß darum breite Schichten der Gebildeten Interesse nehmen. Dies gilt vor allem von Baethgens „Beiträgen . zur semitischen Religionsgeschichte" (Berlin 1888). Den Kern der Erörterungen bildet eine der wichtigsten Fragen der Religionsgeschichte. nämlich die, ob die Religion des Volkes Israel ursprünglich von derjenigen der übrigen semitischen Völker verschieden war oder nicht. Damals standen sich im wesentlichen zwei Meinungen gegenüber. Nach der einen fanden sich Anklänge an den Monotheismus bei den meisten semitischen Völkern. Nach der anderen handelt es sich bei dem Monotheismus der Israeliten darum, daß sich dieser aus dem Polytheismus entwickelt hat. Baethgen versuchte demgegenüber zu erweisen, daß der Monotheismus sich nur beiden Israeliten findet, und zwar in ganz reiner Form. Reste von Polytheismus, die als Vorläufer des Monotheismus anzusprechen wären, sind in der religiösen Anschauung der Israeliten nicht aufzuzeigen. Alle - polytheistischen Anklänge gehen auf fremde Einflüsse vorübergehender Art zurück. Die andere Schrift, ein Vortrag Baethgens aus dem Jahre 1880 über „Anmut und Würde in der alttestamentlichen Theologie" bietet eine feinsinnige, rein ästhetische Betrachtung der alttestamentlichen Dichtung dar. Auch hier finden sich wertvolle Hinweise auf die Besonderheit der altisraelitischen Religionsanschauungen. Vermerkt seien noch Baethgens Uebertragung und Erläuterung der Psalmen, die Üebersetzung des Hiob und seine Neubearbeitung des Niehmschen „Handwörterbuchs des biblischen Altertums". =$= Berlin, 10. September. Wie durch die Tagespresse hinlänglich bekannt geworden, hat eine furchtbare Feuersbrunst am 3. September die Stadt Adrianopel heimgesucht. Telegraphische Nachrichten, die dem Hilfsverein der Deutschen Juden von der jüdischen Gemeinde in Adrianopel zugegangen sind, bestätigen übereinstimmend, daß das jüdische Viertel am meisten durch das Feuer gelitten hat. Hunderte jüdischer Häuser sind eingeäschert und Tausende unserer Glaubensgenosien befinden sich unter freiem Himmel. Der Vorstand des HilfsVereins der Deutschen Juden hat sofort 3000 Franks nach Adrianopel zur Linderung der Not überwiesen. 8. Berlin, 5. September. Zu dem bevorstehenden großen Pückl er -Prozeß finden jetzt schon fortgesetzt Vernehmungen vor dem Untersuchungsrichter statt. Am 26. d. M. wird gegen den Dreschgrafen wegen Anreizung zum Ktassenhaß, begangen durch eine Rede in Bernau, verhandelt werden; bei weitem umfangreicher wird aber ein darauffolgender großer Prozeß sich gestalten, der dem Grafen wegen seiner letzten Berliner Reden und vor allem wegen der auf den Straßen verteilten Flugblätter gemacht wird. Graf Pückler hat vor dem Untersuchungsrichter alle Angaben über die mitschuldigen Drucker und Verbreiter der Reden verweigert. Die 'Druckfirma ist bei sämtlichen Flugblättern sehr verschieden, bei einigen findet sich ein offenbar fingierter Name, und bei einer Rede fehlt sie gänzlich. Um die Drucker und Verbreiter festzustellen, werden jetzt die Vorstandsmitglieder der „Pückler-Vereinigung" vernommen. ohne daß bisher ein Resultat erzielt wurde. a. Osterode (Ostpreußen), 6. September. Einer unserer ältesten Mitbürger, wohl seit 60 Jahren hierorts ansässig, der Rentier Jacob Krause, feierte mit seiner Ehegattin Augustine geborene Grünbaum am 28. v. M., beide in geistiger und körperlicher Frische, das Fest der goldenen Hochzeit. Herr Krause hat seit vielen Jahren das Amt eines Stadtverordneten und andere Ehrenämter bis vor einigen Jahren versehen; ebenso in seinen jüngeren Jahren das Amt eines Vorstehers und das eines Repräsentanten unserer Gemeinde.' Der Kaiser hat dem Jubelpaare die Ehejubiläumsmedaille, verliehen.^ Herr Bürgermeister Elwenszöck überreichte diese Mit einer Ansprache und einem huldvollen Glückwunschschreiben aus dem Zivilkabinett. HeEPr.ediger Sturmann hat das greise Jubelpaar in seiner.Behausung, umgeben von Kindern, Enkeln. Verwandten und Freunden eingesegnet unter Zugrundelegung des Psalm. 128. Die Eltern des Herrn Krause haben hierorts, vor M Jahren, die goldene, vor 16 Jahren die diamantene und vor 11 Jahren die eiserne Hochzeit gefeiert. Möge auch diesem. Jubelpaare ein solches Glück beschieden sein. Uebrigens ist es das siebente Ehepaar, welches in den letzten verflossenen 26 Jahren in der hiesigen kleinen Gemeinde das. 50. Ehejubiläum feierte. Alle diese Ehepaare wurden von Herrn Prediger Sturmann teils in der Synagoge, teils in ihren Wohnhäusern wieder eingesegnet. Das Jubelpaar stiftete für die hiesige Synagoge zwei kostbare Kandelaber und teilte Spenden aus an städtische und Gemeindearme, Vereine und die ostpreußische Pensionskasfe. - Halberstadt, 7. September. Auf dem hiesigen Bahnhof hat sich vor einigen Wochen ein Schalterbeamter den „Witz" gemacht, einen ihm um Auskunft angehenden polnischen Juden in. seiner Antwort in Sprache und Gebärden nachzuahmen. Auf eine von dritter Seite hiergegen eingereichte Beschwerde hat der Vorsteher der Königl. Eisenbahnbetriebs-Inspektion Magdeburg, wie uns mitgeteilt wird, unterm 24. Juli folgende Antwort erteilt: „Auf das gefällige Schreiben vom 12. d. M. teile ich Ihnen ergebenst mit, daß der Beamte am hiesigen Fahrkartenschalter wegen seines unpassenden Benehmens dem polnischen Juden gegenüber eine Zurechtweisung erhalten hat." 6. Mainz, 1. September. Eine gedeihliche Tätigkeit entfaltet seit vielen Jahren der Verein zur Unterstützung israelitischer Seminaristen im Großherzogtum Hessen. Er gewährt den Seminaristen Stipendien und sorgt auch für Unterricht in den hebräischen Disziplinen, einschließlich Kantorat; der Unterricht in Bibelkunde, nachbiblischer Geschichte und systematischer Religionslehre wird auf Staatskosten am Seminar zu Alzey erteilt. Die so für ihren Beruf ausgerüsteten Kandidaten haben bis jetzt, Dank der Liberalität unserer Regierung, alle im Staatsdienst Verwendung gefunden und bewähren sich in Schule und Gemeinde, gewiß eine Genugtuung für alle, die sich den Interessen des Vereins widmen. In der vorigen Woche hielt der Verein unter dem Vorsitz unseres Rabbiners Dr. Salfeld eine Sitzung im Gemeindehause ab. Den hauptsächlichsten Punkt der Tagesordnung bildete die Beschlußfassung über Stipendien an Präparanden und Seminaristen. Für 1905 erhalten 6 junge Leute, die der Unterstützung bedürftig-sind, 1200 M. Außerdem zahlt der Verein, welchem keine besonders hohen Mittel zur Verfügung stehen, für die Erteilung des Religionsunterrichtes in den Seminarien und Präparandenschulen Hessens an Rabbiner und Lehrer jährlich über 700 M. o. Alzey, 10. September. Der großherzogliche Bezirksrabbiner Dr. Julius Lewit hatte die Ehre, am 30. v. M. im Schlosse zu Darmstadt Audienz bei dem Großherzog von Hessen zu haben. Derselbe erkundigte sich bei Dr. Lewit über einige Verhältnisse der Bezirksgemeinde und über die Art der rabbinischen Tätigkeit in den Gemeinden. Hierauf wurde Dr. Lewit im Staatsministerium empfangen, wo Ministerialrat Braun eingehend mit ihm über den neuen Gesetzentwurf für die. jüdischen Gemeinden in Hessen sprach, nach welchem die Stellung der Rabbiner besser geregelt und auch die Religionslehrer staatlich angestellt werden sollen. Der Ministerialrat nahm es als bestimmt an, daß der Gesetzentwürs im nächsten Landtag und sodann in . den beiden Kammern zur Annahme gelangt. i. München, ü. September. Die Fleischnot und deren Ursachen veranlaßt eine Massenversammlung, welche am 22. v. M. im Saale des Kindlkellers abgehalten wurde. Die mannigfachsten Gründe kamen zur Geltung, und. damit der Jude hierbei auch nicht ganz leer ausgehe, fand sich ein Herr Münch bemüßigt, zu erklären, daß an den hohen.Preisen die Juden und Großhändler schuld seien und der Zwischenhandel gänzlich beseitigt werden. müsse, um reelle Preise zu erzielen, während Reichstagsabgeordneter und Gemeindebevollmächtigter Birk gegen den Vorwurf, jenes Redners erwiderte, die Juden seien noch lange nicht so schlimm wie die - Agrarier ynd