Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang. No. 37. Berlin, 15. September 1905. Vellage zur „Allgemeinen Leitung drß Judentums LorrrlpondrnM und Mschrichtm. Deutschland. - S, Berlin, 11. September. Das Grundstück Ecke Potsdamer Straße und Schöneberger Ufer, in dem sich; die seit BO Jahren bestehende Synagoge an der Potsdamer Brücke befindet, geht mit Ende dieses Jahres in andere Hände über. Da hierdurch-der fernere Bestand der Synagoge in Frage gestellt war, bildete sich erfreulicherweise ein Verein mit dem Namen Tiergarten- Synagoge E. V. zu dem Zwecke, den dort gepflegten Gottesdienst in den bisherigen oder noch zu erwerbenden Räumen zu erhalten. Durch das Abkommen, das der Vorstand des Vereins mit dem neuen Eigentümer getroffen, ist der Bestand der Synagoge bis auf weiteres gesichert; als Rabbiner und Prediger wirkt dort seit 11 Jahren Dr. Petuchowski sehr erfolgreich. Meldungen neu eintretender Mitglieder sowie sonstige Zuschriften sind an das Bureau der Tiergarten- Synagoge, Schöneberger Ufer 26, zu richten. Wir wünschen dem löblichen Werke den besten Erfolg. 8. Berlin, 10. September. Am 6. d. M. starb hier im Alter von 53 Jahren nach kurzem Krankenlager Herr Martin Simon, das Vorstandsmitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde und derzeitige Vorsitzende der Armenkommission. Durch das allzufrühe Hinscheiden desselben ist unsere Gemeinde von einem tiefschmerzlichen Verluste betroffen worden. In noch jugendlichem Alter hatte er seine eigentliche erfolgreiche Berufsarbeit — er war der Inhaber der inzwischen aufgelösten Bankfirma Louis Steinthal jr. —. aufgegeben, eineArbeit, die ihm durch die Lauterkeit seiner Gesinnung Vertrauen und Ansehen verschafft hatte, und folgte nunmehr seinem Herzensdrange, indem er seine Zeit und seine Kraft ausschließlich gemeinnützigen Bestrebungen widmete. Seinen regen Eifer bekundete -er zunächst als Mitglied verschiedener Vecwaltungskommissionen der jüdischen Gemeinde; im Jahre 1893 wurde er alsdann in das Repräsentantenkollegium derselben berufen. Auch dieser ehrenamtlichen Tätigkeit unterzog er sich mit bewunderungswürdiger Arbeitsfreudigkeit, die Wertschätzung und Anerkennung seines selbstlosen Wirkens steigerten und vertieften sich immer mehr, und so konnte es nicht ausbleiben, daß die Aufmerksamkeit des Gemeindeborstandes auf ihn gelenkt wurde. Im Jahre 1897 wurde der Verblichene durch das einstimmige Votum der Repräsentanten in das Vorftandskollegium gewählt. Seine großen Fähigkeiten, seine unermüdliche Schaffenslust betätigte er auch in dieser neuen Ehrenstellung und speziell im Armenwesen der Gemeinde, deren Dezernat ihm übertragen wurde, hat er eine hingebende Tätigkeit entwickelt, die ihm nicht nur den wärmsten Dank der Verwaltung und aller Gemeindemitglieder eintrug, sondern die ihm auch ein dauerndes Gedenken innerhalb der Gemeinde sichert. Durch die Zahlen und Daten der Armenkommission, die wir während der Amtsdauer des Verblichenen fast alljährlich in den Spalten dieser Zeitung in einem Sonderbericht Wiedergaben, haben wir zu beweisen versucht, welches immense Maß von Arbeit hier geleistet worden ist, und stets darauf hingewiesen, daß, wenn diese Kommission ein glänzendes Bildder weitverzweigten und mühseligen Tätigkeit entrollen konnte, dies in erster Reihe dem Vorsitzenden und dessen organisatorischer Begabung zu danken war, der mit seltener Arbeitskraft, in strenger Sachlichkeit und mit herzlicher Anteilnahme an dem Geschick aller würdigen Petenten der übernommenen Ehrenpflicht oblag. In seiner Person vereinigte Martin Simon, wie selten jemand, Herz und Verstand. Den ihm unterstellten Beamten war er ein mustergültiger und allseitig verehrter Vorgesetzter, der sie nicht nur in ihrem Amte förderte, sondern der auch für Freud und Leid jedes einzelnen ein warmes Herz hatte. Ein Feind jeglicher Schematisierung, ließ er seinen Beamten die Selbständigkeit der Entscheidung und erkannte gern besondere Fähigkeiten derselben an; sein Gerechtigkeitssinn war unbeugsam. Mit . dem Vorsitz in der Armen Verwaltung war der I von dem Verstorbenen freudig übernommene Pflichtenkreis bei weitem nicht erschöpft. Er war gleichzeitig Vorsitzender der Zentralstelle für die Wohlfahrtspflege, der Durchreise-Kommission, der Ephraim- Stiftung,. ferner stellvertretender Vorsitzender des Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege. Seit Jahren hatte er den Vorsitz im Verein Jüdisches Genesungsheim Lehnitz, dessen Entstehen in erster Reihe ihm zu danken ist. Auch als Vorsitzender des Vereins Hachnassath Kallah hat er viel Segen gestiftet. Den Ferienkolonien hat er seit vielen Jahren unvermindertes Interesse entgegengebracht und für diese das Amt des Schatzmeisters verwaltet. Dem schlichten, und bescheidenen Wesen des Verblichenen entspräche es wenig, wollten wir noch mehr des Lobes über sein segensreiches Wirken hinzufügen: in den Annalen der jüdischen Wohlfahrtspflege von Berlin wird sein Name unvergänglich sein. — Das Leichenbegängnis fand heute Vormittag unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung aller derjenigen Korporationen statt, denen der Verstorbene seine Tätigkeit gewidmet hatte. Der Gemeindevorstand und das Repräsentanten- Kollegium waren fast vollzählig erschienen. In der eindrucksvollen Gedächtnisrede, die Herr Rabbiner Professor Dr. May bäum hielt, würdigte er unter Zugrundelegung des Wortes des Spruchdichters - „Ein Mann der Treue, ein Hort des Segens" die großen Verdienste des Heimgegangenen, der, ein Vater der Armen, mit Herz und Verstand begabt, die Armenpflege der jüdischen Gemeinde in hervorragender Weise ausgebaut und eine wahrhaft soziale Fürsorge angebahnt habe, der aber auch allen anderen wichtigen Gemeindefragen, speziell auch dem Kultus, reges Interesse zuwandte und stets am Platze war, wo es galt, das Ansehen der Gemeinde zu fördern. Der von dem Chor der Synagoge Lindenstraße ausgeführte Gesang eröffnete und schloß die würdige Trauerseier. Unter den üblichen Gebeten wurde alsdann die Leiche des verdi-mteu Mannes in dem vom Gemeindevorstand gewidmeten Ehrenerbbegräbnis beigesetzt. ■A. Berlin, 12. September. Einen zwüten, nicht minder schmerzlichen Verlust hat unsere Gemeinde am Sonntag durch das Hinscheiden des Geheimen Sanitätsrats Dr. Moritz Wiesenthal erlitten. 1826 zu Gommern bei Magdeburg geboren, promovierte Wiesenthal 1849 an der Universität Berlin mit einer Studie über die Behandlung des Typhus zum Doktor. Im Jahre daraus erlangte er. die Approbation als Arzt. Seither übte er in Berlin die Praxis aus. Ein gütiges Geschick gewährte ihm bis in die letzte Lebenszeit große geistige und körperliche Frische. Von jeher nahm Wiesenthal den lebhaftesten Anteil an den Bestrebungen zur Hebung des Judentums.. Seit Jahrzehnten gehörte er den Gemeindebehörden an und er war dort der entschiedenste und begeistertste Vertreter des freisinnigen Gedankens. Das ist ein unvergängliches Verdienst! Freimütig und freisinnig, dabei unabhängig, erlangte Wiesenthal deshalb auch einen gewichtigen Einfluß unter seinen Fachgenossen. Dazu kam die vieljährige Erfahrung. Fiel doch der Beginn der ärztlichen Tätigkeit Wiesenthals in die Zeit, wo nach den Stürmen des Jahres 1848 zuerst in Berlin und allgemeiner im preußischen Staat das Verlangen nach einer Koalition der Aer.zte lebendig.wurde. Als dann nach einer langen Ruhepause ■ zu Anfang der siebziger Jahre mit der Begründung ärztlicher Bezirksvereine begonnen wurde, widmete Wiesenthal ihnen eifrige Arbeit. Diese setzte er nach der Spaltung des Berliner ärztlichen Vereinswesens innerhalb der ärztlichen Standesvereine tatkräftig fort. Eine neue Möglichkeit, sich im Interesse seiner Berufsgenossen zu betätigen, erwuchs ihm mit der Einrichtung der Aerztekammern im Jahre 1887 und noch weiter 1899 mit der Schaffung der ärztlichen Ehrengerichte. Wiesenthal zählte zu den ältesten Mitgliedern der Aerztekammer für Brandenburg-Berlin und wurde von ihr mit dem Amte eines Mitgliedes des Ehrengerichts betraut. Für die Schätzung, in der Wiesenthal bei der Aerzteschaft stand, spricht auch der Umstand, daß er namens der praktischen Aerzte auch in Ehrenstellen bei den wissenschaftlichen medizinischen Vereinen, vor allem bei dem größten von ihnen, bei der Berliner