Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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m 444 Nun setze man sich dieses feine Chaiml einmal an: ein unreifes Chedergewächs, ein Jüngel mit scheuem Blick, von unbeholfenem Gehaben, ohne Sprache und Leben. Vom glattgeschorenen Kopf laufen ihm über Schläfen und Wangen lange' Strähnen herunter, eine Vogelscheuche, aber kein Mensch, der leibhafte Sohn der Wildnis. Und ein Mädchen von modernem Empfinden und. modernem Geschmack, es sollte voreinem solchen, so unvermittelt erschienenen Bräutigam nicht die Flucht ergreifen? — Sie läuft davon. Wohin? Gleichviel. Sie erinnert sich der wohlwollenden Behandlung, die sie während der Schulzeit von seiten ihrer Lehrerinnen genossen; sie kommen ihr auch jetzt liebevoll entgegen. Die Pforten des Klosters tun sich ihr auf, und sie sühlt sich erlöst ... . Begreift der Herr nun den Zusammenhang zwischen den Mädchentaufen und dem Chederwesen, das eine solche männliche Jugend heranzüchtet? Gebt uns gute Knabenschulen, in denen die Knaben eine tüchtige moderne Bildung erhalten, daß sie den Mädchen noch geistig überlegen werden, daß sich zwischen beiden Geschlechtern ein angenehmer und anregender, auf gegenseitiger Achtung beruhender Verkehr herausbilden kann; und Ihr werdet sehen, daß das Mädchen daheim - findet, was sie auswärts vergebens suchte, nicht mehr ins Kloster laufen wird, und daß frommer Bekehrungseifer es nicht mehr dem Elternhause und dem angestammten Glauben wird entfremden können." „Reb Jidel," rief ich in freudiger Erregung aus, „Ihr seid ein wackerer Mann! Wie konnte ich Euresgleichen — diese seltene, aber dennoch vorhandene Art — nur einen Augenblick so arg verkennen! Ihr seid ein Mann, Reb Jidl; und was die Schule betrifft, Ihr sollt sie haben. Wir wollen mutig für sie kämpfen. Und daß sie in Eurer Gemeinde ein drückendes Bedürfnis, das wußte ich schon lange, Und wenn Leute, wie Ihr, sie begehren, dann muß sie erstehen, über Nacht erstehen, und den Kampf gegen die Nacht siegreich bestehen! Und nun aus Werk und ohne Verzug!" Wir fuhren in. die Stadt. — Getreu der biblischen Kriegsverordnung: „Wenn Du ausziehst gegen eine Stadt, sie zu belagern, so rufe ihr vorerst Frieden zu", nahm ich, so oft ich in einen Ort kam, um eine Schule ins Leben zu rufen, Fühlung mit den mutmaßlichen Gegnern derselben: das waren in der Regel die Rabbis und die ihnen verbündeten Machthaber der Gemeinden, eine oft verschwindende Minderheit, aber mächtig durch den Besitz. Ich habe da die traurigsten, in Ausnahmefällen freilich die erhabensten Erfahrungen gemacht. Diese lichtscheue Partei gewann um so mehr an Einfluß, als sie, wo es galt, sich den Fortschritt entgegenzuwerfen, sich sogar mit den von ihnen gehaßten jüdischen und nichtjüdischen Polen verbanden und keine Mittel scheuten, um sich am Ruder zu behaupten. Dazu kam noch, daß aus ihrer Mitte die politischen Wahlmacher hervorgingen, die der Schlachta unentbehrlich. Ich bekam da oft einen schmerzlichen Einblick in eine der vielen Quellen, aus denen das tiefe Weh unserer galizischen Glaubensgenossen entspringt. — — Also auch in dem Städchen N. galt mein erster Besuch dem Rabbi. Ich wußte ja von vornherein, daß ich ihn für die Schule nimmer günstig zu stimmen vermögen werde. Denn, wie sollte einer, dessen Lebensbaum nur auf finsterem Grunde wurzeln kann, sich bereit finden lassen, Licht schaffen zu helfen? Aber er und seine Partei sollte ins Unrecht gesetzt und den Schwankenden in der Gemeinde die Augen geöffnet werden. Sie wurden aufgefordert, zum Heile der Armen und Elenden" mitzuwirken, und sie weigerten sich, ja sie widersetzten sich sogar einem solch humanen Beginnen und suchten es mit allen Mitteln zu stören. - Der Rabbi schien auf einen Besuch: vorbereitet, zu sein, denn ich fand bei ihm den ganzen Vorstand und auch sonstige einflußreiche Mitglieder der Gemeinde versammelt. '; ' (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. — Bacher Wilhelm: Die bibel- und traditionsexegetische Terminologie der Amoräer. Leipzig, I. C. Hinrichs, 1905, VI und 258 S. Der etwas schwerfällige Titel dieses Werkes kann als Zeichen dafür gelten, daß es sich um eine schwierige Materie handelt. Bacher sucht uns in die Werkstatt der Traditionsliterakur einzuführen, die technischen Mittel zu zeigen, mit denen man die Bibel und später die Mischna erläuterte; das Wörterbuch der Terminologie, die die Amoräer bei ihrer Auslegung der „schriftlichen" und „mündlichen" Lehre anwendeten, soll zugleich einen Einblick in die Art und Methode ihrer Tätigkeit gewähren. Bereits früher (1899) hatte der Verfasser die „tannaitische Terminologie" in gleicher Weise dargestellt. Damals handelte es sich lediglich um die älteste Auslegung der Bibel, hier-um Bibel und . Mischna. die Terminologie der Tannaiten hatte nur Palästina, die der Amoräer auch Babylonien zur Heimat. Die erstere war ausschließlich hebräisch, die letztere hebräisch und aramäisch. Freilich besteht trotz dieser Verschiedenheit keine allzugroße Differenz zwischen beiden Teilen, da die araniäische Terminologie sich an die der Tannaiten eng anschließt und ihr nach Möglichkeit folgt; die von den Tannaiten eingeführte Methode und. Ausdrucksweise der Bibelauslegung sind von den Amoräern für diese beibehalten und auf die Erläuterung der Mischna übertragen worden. Selbst die babylonischen Schulen haben sich dem Herkommen angeschlossen und nicht mehr geändert als bei der Anpassung an ihre Verhältnisse und die dort übliche aramäische Sprache notwendig war. Bachers Werk ist der erste Versuch,- den Wortschatz und Sprachgebrauch der beiden Länder Palästina und Babylonien systematisch und augenfällig zu scheiden. Es geschieht dadurch, daß das dem babylonischen Talmud entnommene Material durch kleineren Druck von dem aus den palästinischen Quellen, Talmud und Midraschim gesondert wurde. Das Werk Bachers, das mit derjenigen Gediegenheit gearbeitet ist, die wir an dem Verfasser seit langem bewundern, trägt zur präzisen Fassung und Erklärung der einzelnen technischen Ausdrücke wesentlich bei; sehr häufig werden infolge der neuen Uebersicht die Texte, häufig die Lexika korrigiert. Die zahlreichen Stellen sind im Index von Dr. Erich Bischofs verzeichnet. Einzelne Artikel des Wörterbuchs enthalten in ihrem umfangreichen Material sehr wertvolle Beiträge zur Einleitung in Talmud und Midrasch. Man vergleiche aber auch andere Artikel wie z. B. die Behandlung der Präpositionen, der Partikeln und viele andere, um die Vorzüge des vorliegenden Werkes zu erkennen. Einer besonderen Empfehlung bedarf das Werk nicht, es empfiehlt sich durch seinen inneren Wert. J. E. J>pedjfaal. Geehrter Herr Redakteur! ^n der Lebensskizzc des Prof. Dr. Georg Asher heißt es: „Georg ^) Michael Asher wurde 18 2 7 in St. Petersburg geboren. Infolge einer Judenverfolgung unter Kaisen Paul mußten seine Eltern aus Rußland flüchten." — Kaiser Paul wurde bekanntlich schon 1801 ermordet; es muß also natürlich heißen: unter Kaiser Nikolaus I., der 1825 bekanntlich zur Regierung gelangte. Ergebenst Breslau, im September. R. N. Druck.und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin., . Verantwortlich für die Redaktion: Max Baüchwitz in Berlin.