Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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443 Baron Hirsch nicht nur den sonst der Verwahrlosung -anheimfallenden jüdischen Kindern Schulen gebensondern auch notleidenden Eltern unter die Arme greifen will, um dem vielen Elend zu steuern. Gewähren wir also braven Familien Unterstützungen, daß sie sich ein wenig aufhelfen; wir gewinnen überdies auf diese Weife ihr Vertrauen, und die Schule fällt uns als reife Frucht in den Schoß; während wir heute einen schweren Kampf ohne Gewähr des Sieges führen müßten." „Um Gotteswillen, nur keine Unterstützungen!" fiel mir Jidale leidenschaftlich ins Wort. „Nur keine Unterstützungen! Wir sind obendrein als Schnorrer geboren, sollen wir zu solchen noch gezüchtet , werden? Und was Ihr spenden oder vorschießen könntet, es wäre diesem Massenelend gegenüber ein Tropfen am Eimer; wahrend Ihr durch eine einzige Schule hunderte und tausende Kinder aus den Banden der Finsternis und damit auch aus jenen der leiblichen Not erretten und zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft machen könntet. Habt Ihr aber die Mittel und wollt Ihr neben der geistigen auch der materiellen. Not entgegenarbeiten, dann errichtet vor allem Volksschulen und gewährt den armen und halbnackten Schulkindern Kleider und Schuhe für den Winter, daß sie nicht frieren und zur Schule gehen können, gebt ihnen eine nahrhafte Mittagssuppe und gewähret meinetwegen auch ihren Eltern kleine Darlehn, um ihnen den Kampf um das trockene Brot zu erleichtern, aber vor allem die Schule! Alles übrige findet sich dann von selbst, und rascher als man erwarten würde, wie sich das einst auf demselben Wege bei unfern Glaubensgenossen in den westlichen Ländern gefunden hat." „Aber Reb Jidl," unterbrach ich ihn, der mir aus der Seele sprach,' „was ereifert Ihr Euch gar so sehr für die Schule, . ob sie jetzt kommt oder später. Euer Maklerlohn ist Euch gewiß. Eure Bemühungen werden in jedem Falle honoriert werden; Ihr müßt Euch also nicht gar so sehr für die Schule echauffieren." „Was?" sagte er gedehnt, unb sein Gesicht wurde noch fahler als sonst. „Habe ich den Herrn richtig verstanden, und ich brauch mich für die Schule zu erhitzen, weil ich ja sowieso meinen Maklerlohn bekomme? Glaubt denn der Herr wirklich, daß ich um ein Maklerlohn arbeite? Ich will keinen Maklerlohn, nie und nimmer! Ich kämpfe für das Zustandekommen' der Schule!" „Aber was ist Euch die Schule, Reb Jidel? Freuts Euch nicht mehr, Unterstützungen für Euren Handel zu bekommen?" „Was mir die Schule ist? Alles ist sie mir! Sie ist mein Träumen und mein Wachen, meine Gegenwart, und noch mehr meine Zukunft! Ich habe ein Söhnlein, das schon ins elfte Jahr geht und noch immer in der gottverhaßten Cheder sitzt und ich will nicht, daß er ein Makler wird, wie sein Vater einer geworden. Ich will, daß er ein Mensch wird, ein Mensch, der sich in die Welt zu schicken und sich eine ehrliche und gesunde Existenz zu gründen versteht, darum will ich die Schule, darum wollen sie hundert andere Väter gleich mir." Ich fing an, ihn ganz zu verstehen, blieb aber gleichwohl, um noch weiter auszuholen, zurückhaltend und erwiderte: , „Seht, Reb Jidel, Ihr seid ein frommer Mann. Ich habe aus Eurem Berufe d-ie tiefste Religiosität herausgelesen, und Ihr solltet nicht die hier zu Lande herrschende Ansicht, daß die moderne Schule zur Irreligiosität und zum Abfall vom Glauben der Väter führe, teilen? Man weist immer wieder, und scheinbar mit Recht darauf hin, daß Mädchen, diedie öffentliche Schule besuchen, leicht geneigt-sind, ihre Religion -zu wechseln. Und in der Tat hört man nur zu oft von Fällen, ' wo Mädchen, die kaum der Schule entwachsen, aus 'dem Elternhause 'entweichen, ins Kloster sich flüchten, um zu konvertieren." „Aber das ist auch ein Grund ja eben," ries Jidale hastig aus, „warum ich die Schule für unsere Knaben verlange?" „Wie," entgegnete ich, „weil jüdische Mädchen nicht selten von der Schule zur Kirche übergehen, verlangt Ihr diese Schule auch für Knaben? Ist das nicht der Helle Widersinn, Reb Jidl?" . Jidale sah mich mit seinen treuherzigen Augen eine Weile lächelnd an, dann sagte er: „Der Herr beliebt zu scherzen oder will mich nicht verstehen. Wäre es sonst denkbar, daß der liebe Herr, der unsere galizischen Zustände so genau kennt, nicht schon längst den Zusammenhang, der zwischen den Mädchentaufen und der Verwahrlosung, in der unsere männliche, der Schulbildung völlig entbehrende Jugend heranwächst, besteht, herausgefunden haben sollte?" „Nehmt an, Reb Jidale, daß ich ihn noch nicht herausgefunden, und daß ich auch kein Gedankenleser bin und erklärt Euch deutlicher." „Also seht: Während die öffentliche Schule in der chasidiftischen Gemeinde nur äußerst spärlich von Knaben besucht ist, so daß sie oft nur auf einer einzigen Bank Raum finden und da abgesondert von ihren Mitschülern sitzen, sind die Mädchenschulen von jüdischen Mädchen überfüllt. Denn selbst der vernageltste. Ehasid läßt sein Töchterchen in die christliche Schule gehen. Warum auch nicht? Das Mädchen ist. an die religiösen Gebote und Gebräuche ungleich weniger gebunden als der Knabe, es ist in religiöser Beziehung minderwertig; es braucht auch nicht, wie der Knabe, Tag und Nacht Thora und noch weniger Talmud zu lernen. Eine Schulbildung kann ihr nicht schaden. Auch ist es, zumal in wohlhabenden Familien, von großen Nutzen, wenn wenigstens ein Mitglieds im Hauso der Landessprache in Wort und Schrift mächtig, daß man nicht mit jedem Polnischen Schriftstück zum Gemeindeschreiber laufen muß, um es sich entziffern zu lassen. Und endlich schmeichelt es den Eltern, wenn ihr Töchterchen in christlichen Häusern verkehren darf und dem Veamtentöchtern an Bildung nicht nachfteht. — Was ist die Folge? Das jüdische Mädel besucht acht Jahre hindurch die christliche Schule, erst die Volks- und dann die Bürgerschule, assimiliert sich den christlichen Mitschülerinnen um so leichter, als ihr der im Elternhause herrschende, bis auf die kleinste Kleinigkeit sich erstreckende religiöse Zwang lästig und unerträglich wird und sie mit Neid aus die freie Bewegung sieht, die ihre Religion der christlichen Mitschülerin gestattet. Der .Lerneifer und Ehrgeiz, die dem jüdischen Mädchen eigen, treiben sie an, alle Bildung, die die Schule zu geben vermag, in sich aufzunehmen, um nicht den Andersgläubigen nachzustehen. Das Mädchen liest alle möglichen Bücher zusammen und die Gedankenwelt, die sie da in sich ausnimmt, ist eine ganz andere als jene im Elternhause, dem sie sich immer weiter entfremdet, in dem sie sich schließlich tief vereinsamt fühlt: Dazu kommt noch, daß sie im engen und beengendem Kreise ihrer Glaubensgenossen keine Ansprache findet, sich aber heimischer in jenem der Andersgläubigen fühlt, wo sie sich ungleich besser verstanden glaubt und ungleich freier bewegen darf. 'Da interessierten sich für sie und bewundern ihr unvergleichliches Polnisch der Postbeamte, der Gerichtsadjunkt, der Offizial im Steueramt und die sonstige Intelligenz des Städtchens, stets bedauernd, daß ein so herrliches Geschöpf eine Jüdin sei. Für all das aber haben die Eltern keine Augen, und schließlich denken sie: Kommt Zeit, kommt Rat; ist sie verheiratet, dann hat das ganze harmlose Spiel mit eins ein Ende. Und eines trüben Tages ist sie da, diese Zeit, und der Vater eröffnet dem zum Tod erschrockenem Töchterchen, daß sie morgen mit dem seinen Jüngele Chaiml ihre Verlobung feiern werde, zu welcher der Olam (die Gemeinde) bereits eingeladen seien. —