Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Fünfzehn Jahre find es her, daß ich Jidale kennen lernte. Er war der erste, der mir entgegenkam und sich mir mit Leib und Seele anschloß, als ich in -das von Juden massenhaft bevölkerte, an der russischen Grenze gelegene finstere Städtchen N. eintrat, mit der Absicht, eine B a r o n H irs ch -Sch ul e dort ins Leben zu rufen. Das war aber in einem von einem Wunderrabbi, der überdies über ein beträchtliches Vermögen verfügte, beherrschten und gegen die Schule fanatisierten Milieu kein - leichtes Stück Arbeit. Da stand mir Jidale in allen Nöten bei, zeigte mir den Weg, auf welchem ich mein Fahrzeug durch. § alle von den Machthabern erregten Stürme, durch alle Fähr- 7 - nisse heil durchsteuern konnte und opferte sich buchstäblich für 'v- ' die Sache der Schule, die er für eine heilige, für eine Erlösung * hielt. IJidale war ein merkwürdiges Männlein. Schwächlich, - von kleiner Statur, mit fahlem Gesicht, auf dem kein Barthaar Jr ' sprossen konnte, mochte man ihn ebenso leicht für zwanzigf als für fünfzigjährig halten. Er Hatte ein dünnes Stim'mchen .7 und stotterte dermaßen, daß er sich oft nicht verständlich / machen konnte; nur wenn. er lange genug nach Atem £ gerungen und in Erregung kam, dann floß die Rede, sich y überstürzend, von seinen dünnen Lippen, dann sprudelten oft :V Gedanken hervor, die weit über die. Sphäre des Alltäglichen 7 hinausgingen, daß man sich erstaunt fragte, woher diesem - Manne, der nie in feinem Leben ein Profanes Buch gelesen, all das komme. „ % Jidale war von Beruf — wenn es überhaupt gestattet ist, hier von einem solchen zu sprechen — das, was viele tausende \ und abertausende seiner Glaubensgenossen in Galizien noch 7 heute sind: ein „Luftmenfch". Eigentlich war er „Realitäten- 7 Makler"; in seinen freien Stunden jedoch, die sich ziemlich;? vom frühen Morgen bis zum späten Abend erstreckten, Lastenträger, Wasserträger, Leichenwächter, Synagogendiener, will sagen, Schammes einer Klaus, welch letzteres Amt den Kern seiner Existenz bildete und ihm einen Wochenlohn von fl. 1, sage von einem Gulden, abwarf. — Wie aber Jidale, der von 7 Haus aus eine nicht gewöhnliche Intelligenz besaß, so tief heruntergekommen war, ist bald erzählt. Er war der einzige Sohn achtbarer und wohlhabender 7, Eltern. Seine Mutter war eine tüchtige Geschäftsfrau, hielt , ein großes Schnittwarenlager und fuhr auf Märkte; derweil der Vater und selbstverständlich das über alles geliebte :. Söhnlein Tag und Nacht „lernten". Als Jidale achtzehn Jahre 7 alt wurde, bekam er ein Weib und lebte verheiratet nach wie vor . bei den Eltern, in den Tag hinein, lernend, nichts als lernend. Eines Tags fing die Mutter an zu kränkeln, und da weder Vater noch Sohn sich jemals um das Geschäft gekümmert 7 hatten,, also blutwenig davon verstanden, ging es immer mehr 7 abwärts mit demselben, bis Jidale. sich nach Jahr und Tag - verwaist und aller Mittel entblößt der rauhen Wirklichkeit, wo es nichts als Entbehrungen gab, Preisgegeben sah. Und k , . so machten ihn denn die harten Tage zu dem, was er war. 7 Nach fünfzehnjähriger kinderloser Ehe bekamen die Eltern zu 7 ihrer unaussprechlichen Freude ein Söhnlein und nun strengten sich beide doppelt an, durch schwere Taglöhnerarbeit ihr und ihres geliebten Kindes Leben zu fristen. Zehn Jahre war Jidales Söhnlein alt, und es saß noch 7 immer im Cheder, in dem Geist und Körper gleicher Weise J: verkrüppelnden und für die Welt untauglich machenden Cheder. 7 7 Und das schnitt dem armen Jidale täglich aufs neue ins Herz. In die öffentliche Schule getraute , er sich den Knaben nicht zu schicken; nicht sowohl, weil er das Geschrei der Finsterlinge L scheute und feinen Dienst in der Maus verlustig zu. sehen fürchtete> als vielmehr, weil - er nicht den Mut fand,-.- sein geliebtes Kind einem .mehrjährigen Martyrium, dem Hohne seiner christlichen Mitschüler,, den spitzen Bemerkungen des Lehrers, der es dem Judenknaben nie vergessen kann, daß er keine Sprache, sondern einen Jargon in die Schule mitbringe, und ihm einen Pariaplatz in der Schule anweist, den Verfolgungen einer verwilderten Chederjugend und.Belferhorde (Chedergehilsen) auszusetzen. . Um diese Zeit nun drang auch zu Jidales Ohren die Kunde, daß in Galizien an verschiedenen Orten Baron Hirsch- Schulen kreiert werden, und fein Herz pochte vor freudiger Erregung. Warum sollte nicht auch in seiner Gemeinde, die doch an Finsternis und an Verwahrlosung der Jugend keiner andern in Galizien nachsteht, nicht ebenfalls eine Volksschule gegründet werden? So dachte er und ruhte und rastete von diesem Augenblick an nicht mehr, bis er die breiten und kinderreichen Schichten feiner Gemeinde für die Sache der Schule gewonnen hatte. Darauf setzte er sich hin und schrieb im auserlesenen Hebräisch einen Brief an die Verwaltung der Baron Hirsch- Stiftung, in welchem er mit lapidaren Worten die desolaten Zustände seiner Gemeinde schilderte und im Namen des „Volkes" um Gewährung einer Schule für die in Unwissenheit und Verwilderung verderbende Jugend bat. Bald darauf erschien ich im Städtchen, dessen traurige Zustände mir schon aus früherem Reisen in Galizien nicht unbekannt waren, und der erste, der mir, als ich aus dem Eisenbahncoupe stieg, da entgegen kam, war Jidale. Er bat mich, ihm, bevor ich ins Städtchen fuhr, eine Unterredung unter vier Augen zu gewähren, um mich ungestört informieren zu können, da er befürchtete, daß die geplante Schulgründung unterbleiben könnte, wenn ich unvorbereitet auf die zu erwartenden Schwierigkeiten stoßen und ohne genügende Kenntnis der wahren Sachlage in den schulfeindlichen offiziellen Vertretern der Gemeinde die Gemeinde selbst erblicken würde. Wir gingen in die menschenleere Wartestube. Machte schon die ganze Erscheinung des wachsgelben, sehr beweglichen, voll Verlegenheit zappelnden Männleins den Eindruck des Komischen auf mich, so erhöhte sich dieser, als Jidale zu sprechen sich anschickte. Es dauerte lange, bis er sich nur einigermaßen verständlich machen konnte, so daß ich mich anfänglich nicht, mit dem Gedanken vertraut machen mochte, es mit einem ernsten Menschen zu tun zu haben. Doch allmählich sollte ich eines Bessern belehrt werden. Inzwischen hatte er sich gefaßt und sprach so vernünftig und so klar, so instruierend und überzeugend, wie es nur von einem viel erfahrenen und viel denkenden Menschen von nicht gewöhnlicher Intelligenz zu erwarten war. Er. informierte mich gründlich über alles Wissenswerte, .verhehlte mir auch nicht die Schwierigkeiten, die die gegenwärtigen-Machthaber in der Gemeinde, die Anhänger des Wunderrabbi, der Gründung einer Schule in den Weg legen werden, zeigte mir aber auch, daß durch Beharrlichkeit alle diese Widerstände bewältigt werden können. Ich hört ihm mit steigendem Interesse zu; aber gleichwohl störte mich immer vom neuem der Gedanke, daß ich es mit einem Unterhändler zu tun habe, dem die Erwartung des bei der Miete eines Schüllokals sich ergebenden rechtschaffenen Maklerlohns die Zunge gelöst und die Begeisterung für die Sache der Schule eingeflößt, und ich beschloß, ihn eingehend zu prüfen. „Wie ich sehe," sagte ich, „wird es kaum möglich sein, zum mindestens vorläufig nicht, hier eine Schule ins Leben zu rufen, schon aus dem Grunde nicht, weil wir kein Schullokal bekommen werden, da ja, wie Ihr selbst sagtet, die Besitzenden in der Gemeinde zu den Gegnern der Schule halten und uns kein Lokal vermieten werden. Mein Plan ist sonach der, daß wir. auf Umwegen zum Ziele zu gelangen trachten werden..- Ihr wißt, daß