Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Minimalsatz ausgestellt und jedem der 150 Geschädigten den Schadenersatz mit st. 5000 nominiert; Herr Dr. Lueger ist rechtsgültig verpflichtet, diese Ersatzansprüche in dem Zeitraum^ vom heutigen Tage bis zum 30. Dezember d. I. in Monatsraten von fl. 150 000 in bar zu Händen der Gerichtskasse zu erlegen. Das war das Strafgericht. Dieses Urteil bedeutet für das ganze System aber einen moralischen Zusammenbruch. pr?t und Dichter. Von Dr. A. Hohn. Altertum, im Mittelalter und auch im Anfang der neuen Zeit, als die Universalgelehrten, d. h. diejenigen, welche in ihrer Person mehrere wissenschaftliche Fächer vereinigten, noch keine Ausnahmen waren, gab es namentlich unter den Juden viele Aerzte, die neben ihrem Lebensberuf in verschiedenen anderen Branchen, namentlich in den schönen Künsten nicht minder hervorragten. So war z. B. jahrhundertelang die Astronomie, oder besser gesagt die Astrologie und Alchemie mit dem Gewerbe eines Arztes unzertrennbar, ebenso waren die Söhne Aeskulaps zugleich als Mathematiker, Physiker und Philosophen tätig und wurden nicht nur von ihren Fürsten, sondern von der gebildeten Welt überhaupt anerkannt und hoch geschätzt. In der Gegenwart, wo die Spezialisierung der Wissenschaften in allen Fächern auf die Tagesordnung gesetzt wurde und Universalgelehrte und Polyhistoren, wie z. B. Alexander von Humboldt oder Rudolf Virchow es war, immer mehr verschwinden, ist es aber ein seltener Fall, daß ein Arzt, besonders ein vielbeschäftigter und gesuchter, welcher sich mit der ganzen Energie seines Wesens und^ der vollen Kraft seiner Intelligenz dem medizinischen Fachstudium ergeben, noch Zeit und Lust findet, in anderen, mit seinem Speziälstudium wenig zusammenhängenden Gegenständen zu exzellieren. Daher sind Männer, welche man als die letzten Ausläufer jener ragenden wissenschaftlichen Gletscher bezeichnen kann und die deshalb das Erstaunen der Zeitgenossen Hervorrufen, fast an das Wunder grenzende Erscheinungen. Noch seltener kommt es vor, daß ein Praktischer Arzt auch als Dichter namhaftes leistet, und wenn dies der Fall ist, so geschieht es hauptsächlich in der Jugendzeit, in des Lebens Maienblüte, wo die exakte Forschung mit dem Poetischen Empfinden und Denken zuweilen noch im Widerstreit sich befindet. Dies sehen wir z. B. bei dem berühmten Chirurgen Richard Volkmann, welcher in seiner Jugend unter dem Namen „Richard Leander" seine köstlichen und sinnigen Poetischen „Märchen" herausgegeben; aber daß ein Greis noch, welcher das biblische Alter längst überschritten, nachdem er ein ganzes-Menschenleben hindurch sich ausschließlich seiner außerordentlichen Praxis gewidmet, sich der Muse in die Arme wirft und das deutsche Publikum rasch nacheinander mit einer fünfbändigen Sammlung von lyrischen Gedichten überrascht, welche weit über das Niveau der Mittelmäßigkeit hinausragen und von der seltenen dichterischen Begabung ihres Verfassers Zeugnis ablegen, ist wohl ein Unikum, von dem schon deshalb Notiz genommen werden muß. Ich rede hier von dem bekannten Potsdamer Arzt, Geheimen Sanitätsrat Dr. Bernhard Zielenziger, welcher am 12. August d. I. bereits in sein 85. Lebensjahr getreten ist. Seit 55 Jahren praktiziert er schon als Arzt in Potsdam und genießt daselbst durch seine gewissenhafte Tätigkeit und seine gelungenen Kuren als eine anerkannte Autorität aus medizinischem Gebiete allgemeine Volkstümlichkeit. In den Kriegsjahren 1864, 1866 und 1870/71 hat er sich um die Pflege und Heilung der Verwundeten große Verdienste erworben; so war er z. B. 1866 Dirigent am Gardelazarett zu Potsdam und im deutsch-französischen Kriege Abteilungsches daselbst. Noch jetzt einer seltenen geistigen und körperlichen Frische sich erfreuend, verfügt er über eine aüsgebreitete Praxis. Niemand hätte es diesem ernsten und eifrigen Arzt angemerkt, daß er in seinem Nebenberuf eigentlich ein ausgezeichneter Lyriker sei; da plötzlich im Jahre 1891, als seine innigst geliebte Frau Emilie, mit der er fast ein halbes Jahrhundert verheiratet war, ihm durch den Tod entrissen wurde, öffnete sich seine poetische Ader und er gab, wie gesagt, fünf umfangreiche Bände lyrischer Gedichte heraus, welche keine gewöhnlichen Reimereien sind, sondern mit Fug und Recht inhaltlich und formell zu den guten Erzeugnissen der lyrischen Dichtkunst in der Gegenwart gerechnet werden können.. Sein Stoffgebiet ist ein sehr mannigfaltiges und umfaßt die verschiedensten Gebiete; sowohl in seinen ernsten wie in seinen scherzhaften Liedern zeigt er sich als eine Eigennatur voll Originalität und Selbständigkeit. Wie aus einem unerschöpflichen Füllhorn strömen ihm die finnigen, tief empfundenen und formgewandten Lieder zu und auch den schwierigen Formen der Sonette. Ghaselen und anderer Dichtungsarten weiß er durch eine Summe inniger, weihevoller Ideen und tiefsinniger Gedanken ein reiches poetisches Feld abzugewinnen. Er ist noch ein Dichter der alten guten Zeit, welcher, den alten klassischen Kunstsormen huldigend, sich von aller formlosen Sezession fern hält und nur da, wo er glaubt, im Sinne der Kunst Veränderungen des Alten vornehmen zu dürfen, die moderne Richtung einschlägt. Was aber seine Poesien vor allem auszeichnet, ist der Umstand, daß er im Gewände der Dichtung so manche naturwissenschaftliche Probleme und Fragen aufwirst und behandelt. Geboren wurde Bernhard Zielenziger am 12. August 1820 in der Altmark als der Sohn eines Kaufmannes; doch übersiedelten seine Eltern noch in demselben Jahre nach Potsdam, in welcher Stadt er mit Ausnahme seiner Studienjahre und späteren Reisen seine ganze Lebenszeit verbrachte. Nach Absolvierung des Gymnasiums widmete er sich dem Studium der Medizin und besuchte dann zur Wiederherstellung seiner geschwächten Gesundheit mehrere klimatische Kurorte. . Großes Vertrauen schenkte ihm das deutsche Kronprinzenpaar, welches ihn 1870/71 ins Neue Palais bei Potsdam und 1876 auf drei Monate in das Berliner Schloß berief, als die oberste Hofdame und Erzieherin der Prinzessin Charlotte -- der jetzigen Erbprinzessin von Meiningen — die Gräfin Reventlow, auf den Tod erkrankt daniederlag. Man hat anläßlich des Ablebens der Kaiserin Friedrich viel von ihren Aerzten gesprochen, dabei aber des Geheimen Sanitätsrat Dr. Zielenziger meines Wissens zu erwähnen vergessen, und so dürfte es denn gewiß von Interesse sein, einiges Authentische über diese Beziehungen des Arztes zu der hohen Frau zu erfahren. Er hatte in jenen Jahren fast täglich Gelegenheit, mit der Kronprinzessin, der späteren Kaiserin Friedrich, zusammenzukommen, sich mit derselben oft längere Zeit in eingehendster Weise zu unterhalten und ihre ausgebreiteten Kenntnisse auf den verschiedenen Gebieten der Wiffenschast, Kunst und Literatur zu bewundern. Sie pflegte sich mit ihm stets aufs gründlichste über Kranke und Krankheiten im allgemeinen zu besprechen, und nicht selten wurden die Debatten sehr lebhaft unter Gründen und Gegengründen geführt. Bei ihrem lebendigen und kritisch veranlagten Geiste ließ sie sich nur schwer von einem Widerspruch abbringen; sie