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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-15 · Heft 37 (15.9.1905) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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Hause gewohnt sind, sich mit Andersdenkenden vertragen zu müssen. Auch Rabbi Reinesvon Lida und ein Teil der Bekenner des Frankfurter „Mensch-Jißroeltums" können noch neben Nordau, dem Pater einer — wie man sagt — katholisch getauften Tochter und neben Zangwill, dessen jüdischer Nationalitätsbegriff Esra nicht befriedigt hätte, aushalten, aber damit ist die Frage nicht erledigt. Am Sabbat, wo der Kongreß offiziell ruhte, konnte man die Kongreßmitglieder in dem Postbureau und in dem Sektionszimmer Briefe - schreiben und Zigaretten rauchen sehen. Die unvermeidliche Zigarette war natürlich in der zahlreich besuchten Versammlung der Sozialisten und. sogar in der Versammlung der nnnil teils herrschend, teils geduldet, während in dem kleinen Häuflein der Misrachi sogar beim Beifallsklatschen der warnende Ruf „Schabbes!" erscholl. Merkwürdig genug sür diejenigen, die sich der Hirschschen Agitation anläßlich des preußischen Gemeindegesetzes von 1875 erinnern, daß feine Anhänger mit Leuten in einem Verbände sitzen,' die am Sabbat nicht nur Zigaretten rauchen, sondern sogar barhaupt hebräisch sprechen! Wie wird das aber werden, wenn sie miteinander Schulen oder ähnliche Institutionen gründen werden, bei denen keine Partei der anderen Konzessionen machen kann, ohne ihren eigenen Standpunkt zu. verleugnen? Interessant ist es noch zu bemerken, wie selbst im Schoße der kleinen Misrachi-Partei die Uganda-Frage eine Spaltung hervorgerufen hat. Man warf sogar dem Rabbiner Reines vor, daß er sich sür Uganda erklärt habe, und es war rührend, wie der alte Mann sich unter Schluchzen verteidigte: „Man vergießt Teichen jüdisches Blut und der Jüd walgert sich von Eck' Welt zu Eck' Welt" und da sollte er den Mut haben, einen Vorschlag abzuweisen, der tausenden von Juden eine Äsylstätte verspricht! Wer wollte die Fülle der Eindrücke beschreiben, die sich, in der internationalen Versammlung von Tausenden von Juden uns aufdrängen! Die Tatsache eines sich regelmäßig wiederholenden jüdischen Kongresses in einer Stadt, die vor dreißig Jahren noch nicht einmal den einheimischen Juden Heimatsrecht gewährte, ist schon an und für sich ein hochbedeütendes Ereignis. Man denke das Bild, das sich darbietet, wenn man in der Schweiz hebräische und jüdische Zeitungen im Einzelverkauf feilbietet, der Maskil seine utopischen Kartenhäuser in hebräischer Sprache erläutert, der Schwärmer seine palästinische Universität der allgemeinen Unterstützung empfiehlt, ein anderer, noch kühner angelegt, dem ganzen Zionismus den Untergang prophezeit, so lange man nicht ihn, den Herrn B. Wechsler in Jerusalem, als den wahren Messias anerkennen wolle. Schließlich die Teilnahme von Künstlern, wie Schatz und Glicenstein, die der Entwicklung einer Hausindustrie in Palästina ihre Kräfte widmen wollen, ein Projekt, dessen Leitung Professor Marburg übernehmen will. Kurz, der Gesamteindruck ist der, daß der Präzionist Grätz ein falsches Gesamtbild der jüdischen Geschichte hatte, wenn er sie mit 1848 abschloß und in seinem letzten Werke den Rabbinerseminaren eine providentielle Stellung in der Lösung des großen Judenproblems zuschrieb. Die Antwort scheint dem weiseren Manne Vorbehalten zu sein, den Lessings Richter in dem Märchen von den drei Ringen verheißt. Das Strafgericht. Ein Brief aus Wien von S. Fischer. Wien, 31. August. ien feierte in diesen Tagen ein eigenartiges denn es sind eben 10 Jahre verflossen, seitdem der Antisemitenhäuptling und zugleich Gründer des Antisemitismus in Wien zum Bürgermeister gewählt wurde. Seitdem steht das Volk von Wien unter einem furchtbaren Druck, denn Dr. Lueger führt einen Vernichtungskampf gegen alles, was nicht antisemitisch ist. Dieser Kampf richtet sich weniger gegen die Juden als gegen die christlichen freisinnigen Bürger. Sämtliche Stellen, die die Stadt zu besetzen hat, sind ausschließlich mit Antisemiten besetzt. Doch das genügte dem antisemitischen Wüterich nicht. Sofort als er Bürgermeister wurde, ließ er ein Verzeichnis anlegen von sämtlichen Wählern, die nicht antisemitisch gestimmt hatten, und über dieser Liste stand: Der Bürgermeister wünsche, daß niemand bei einem, der auf der Liste steht, etwas kaufe oder etwas arbeiten lasse. Diese Liste wurde in sämtliche Wohnungen der antisemitischen Wähler verteilt und so verhängte der Bürgermeister von Wien den Boykott über Hunderte christliche Geschäftsleute. Diese geschädigten Geschäftsleute hatten damals das Aussichtslose einer Gegenwehr voraussehen müssen, denn keine Macht der Erde hätte ihnen diese vorlorenen Kunden wieder zuführen können. Nun aber ist ein großer Teil dieser Boykottierten total heruntergekommen und jetzt lag ihnen nicht mehr daranob sie Kunden bekamen, jetzt wollten sie für den Schaden, den sie erlitten, Ersatzansprüche stellen. Sie hatten eine große Anzahl jener Boykottlisten aufbewahrt, damit gingen sie . zu dem bekannten und berühmten Rechtsanwalt von Königshausen, der am Oberlandesgericht funktioniert, dieser machte Anzeige bei dieser Behörde und am vergangenen Dienstag war die Verhandlung. Und da stand der Dr. Lueger vor dem Richtertisch und mußte von der Galerie ein hundertfältiges Pfui hören, als die Anklageschrift verlesen war. Der Vorsitzende hat es wohl gerügt, er selbst aber sagte: Wenn irgend ein Kaufmann oder Fabrikant seinem Personal verbietet, bei einem gewissen Jemand etwas zu kaufen, so ist das eine Handlung, die erlaubt ist. Wenn aber ein Bürgermeister, dessen erste Pflicht es ist, das wirtschaftliche Wohl der Bürgerschaft zu fördern, das Gegenteil tut, so begeht er ein Vergehen. int Amte, das unter den § 386 fällt, der tautet: „Wenn ein hoher Beamter seine Macht in der Weise mißbraucht, daß er. innerhalb des Bereiches seiner Macht Existenzen materiell zugrunde richtet, so ist der Beamte für den ganzen Schaden, mit feinem ganzen Vermögen haftbar," der nachweisliche Schaden, den die von Ihnen Boykottierten erlitten haben, beträgt rund eine Million Gulden. Der Antisemit uni> Advokat Dr. Lueger stand nun da und machte keinesfalls ein geistreiches Gesicht; auf seinem Gesicht zeigte sich vielmehr die Angst eines Mannes, der jahrelang unbeobachtet seine häßliche Agitation trieb und. endlich doch, an den Pranger gestellt wurde. ' Die Richter zogen sich zur Beratung zurück und das Urteil lautete, wie folgt: Der Bürgermeister Dr. Lueger ist schuldig des Mißbrauchs der Amtsgewalt, begangen an 150 Kausleuten, die dadurch einen nachgewiesenen Schaden von einer Million. Gulden erlitten haben. Mit Rücksicht darauf, daß diese Schadenssumme von dem Angeklagten, trotzdem er ein Gesamtvermögen von 1^/2 Millionen hat, schwer, aufznbrjngen sein würde, so hat das Gericht einen

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