Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
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Minorität übereittstimmte- Wollte drö'britWe-Regierung ganz ' allgemein um eine sympathische Förderung der Zionistenpläne ersuchen: Darum wurde nun in einer zweitägigen Debatte getobt, so daß -die Basler Zeitung sehr wenig schmeichelhafte Vergleiche zwischen' dem Zioniftenkongreß Und den Schweizer Bürgerversammlungen anstellte und daß endlich Hie - Stadtverwaltung die Nachtsitzungen ganz verbot, weil in der Nacht von Samstag auf Sonntag, 29.—30. Juli der Radau so arg wurde, daß die Ruhe der ganzen Stadt gestört war.' Diese Nachtsttzung, welche bis nach'drei Uhr morgens dauerte, war überhaupt trotz der-ermüdenden Lange der gehaltenen Reden eine dramatisch bewegte. : Ein unwillkürlicher Vergleich führte mich auf die vor drei Jahren auf dem deutschen Rabbinerverbande gehaltene Debatte über die Chalizah-Frage. Wie leicht man sich dort zu dem Kompromiß des Szekler Landtages einigte, es weiter regnen zu lassen! Die Territorialsten, zumeist russische junge Leute, schrieen und gestikulierten wie Wilde, wenn ein Redner eine ihnen besonders unangenehme Aeutzerung tat, wie auch die Zions-Zionisten sehr erregt wurden, als Chaffan, ein Delegierter der Territorialisten, die Wasserarmut Palästinas als Argument anführte, um zu beweisen, daß es für Kolonisation ungeeignet sei. „Sie haben kein Recht auf dieser Plattform zu stehen," rief ein kleiner Lehrer aus Berdyczew, und die Zione-Zion schrieen aus Leibeskräften, als wollten sie gleich Achabs Propheten durch die Gewalt ihrer Lungen der Dürre Palästinas ein Ende bereiten. Um drei Uhr morgens kam der dramatische Moment. Eine Abstimmung sollte entscheiden, ob die Mandate der russischen Ziöne-Zion gültig seien. Die Abstimmung fiel zugunsten der Gültigkeit aus und damit war - —' zwar nicht das Schicksal des Judenstaates in Palästina', aber doch — das Schicksal des Zangwillschen Antrages entschieden. Es war nun kein Zweifel mehr, daß' die nunmehr als legal anerkannte Majorität sich noch einmal emphatisch für das Basler Programm, die rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina, aussprechen würde. Die Territorialisten waren aber entschlossen, es nicht dazu kommen zu lassen. Ein wildes Toben begann, iu welches die jungen Leute auf der Galerie mit einstimmten. Sozialistische Proklamationen wurden in den Saal geworfen, russische Hymnen, wahrscheinlich Arbeiterlieder, wurden, gesungen^ die Zions-Zionisten antworteten mit ihrer Nationalhymne. Man stieg auf Stühle, man schwang Stöcke; Pandämonium herrschte; es sah aus, als ob es jeden Augenblick zu einem blutigen Handgemenge kommen sollte. Es kam aber nicht dazu, obwohl schon am Freitag, als die Territorialisten durch die Annahme des Antrages auf Wahl von Generalrednern eine Niederlage erlitten hatten, das Gerücht durch den Saal gegangen war, es sei zu blutigen Gewalttätigkeiten gekommen. Das Gerücht entstand offenbar dadurch, daß infolge der Aufregung und Hitze mehrere Personen ohnmächtig geworden waren und man nach Aerzten ries; vielleicht auch durch den Umstand, daß einzelne' der geschlagenen Territorialisten so wild die Hände rangen und so schmerzerfüllte Mienen zur Schau trugen, daß man glauben mußte, sie seien verwundet worden. Ich hörte tatsächlich unter den Territorialisten einen ärmlich gekleideten Menschen laut schluchzen. „Das jüdische Volk ist unglücklich," schrie er. „Wir sind , vaterlose Warfen. Einen Vater haben wir gehabt" — dabei zeigte er nach dem trauerumftorten Bilde Herzls über der Rednertribüne — „der ist uns abgestorben. Was wissen die Leute von unserer Not, die in seinen Hotels wohnen und jeden Mittag ihr Glas Bier trinken können" — für ihn wohl ein lukullisches Wohlleben. — „Ich-bin rin Melammed aus Kiew. Weib und Kind darben zu Hause, damit ich diese Reise machen konnte, und jetzt soll 438 — ich zürückkomrnen und ihnen sagen, daß die Abhilfe unseres Jammers wieder in unabsehbare Ferne geschoben wurde. Das jüdische Volk ist unglücklich, unglücklich!" Dabei begann er so konvulsivisch zu schluchzen, daß seine Worte sich im Schluchzen verloren. ' ■ ' Unwillkürlich mußte ich daran denken, daß' man die historischen Berichte des Talmuds doch konservativer beurteilen müsse. Wenn es möglich ist, daß Leute in solche Aufregung darüber geraten, ob man die britische Regierung um ein anderes Territorium oder bloß allgemein um die Förderung der Ziele des .Zionismus ersuchen solle, ist es gewiß möglich, daß Akabia ben Mahalalel in den Bann getan wurde, weil er gestattete, die Haare eines lahmen erstgeborenen Ziegenbockes, die dem Bock bei Lebzeiten ausgefallen waren, zu gebrauchen, während andere Gesetzeslehrer das als Sakrileg erklärten (Edujoth, V- 6). Der Melammed aus Kiew Hatte offenbar Recht. Zionisten wie Temkin und Ussischkin, die er nannte und die nicht an ihrem Leibe erfahren haben, was es bedeutet, sich jeden Abend mit der Furcht zu Bette zu legen, um Mitternacht aus die Polizeistation geschleppt zu werden, wissen nicht, wie solchen- Leuten zu Mute ist, die jeden Strohhalm, der auf der. See treibt, für ein Rettungsseil halten. Als gegen vier Uhr morgens das Bureau des Kongresses^ das bis dahin tapfer ausgehalten, jeden Widerstand ausgegeben hatte und die Delegaten in Gruppen auf der Terrasse des Kasino saßen oder im Morgengrauen fröstelnd durch die einsamen Straßen promenierten, schien es, als ob der Kongreß im wilden Durcheinander sich auflösen werde. Um so überraschender war es, als Sonntag mittags unter dem Präsidium. Nordaus der Kongreß nach kurzer Sitzung die Resolution der Zions-Zionisten annahm und die Territorialisten nach einer von ihrem Führer Dr. Syrkin verlesenen würdigen Erklärung den Saal verließen. Sie versammelten sich am selben Nachmittag in einem anderen Lokale, um eine neue Organisation zu bilden, während die Geschäfte des Kongresses einen normalen, für den Außenstehenden ganz uninteressanten Verlauf nahmen. Nichtgeringes Verdienst hatte in dieser Richtung das Bureau, dessen Mitgliedern wohl die Erfahrung in ihrem österreichischen Heimatlande, wo man an derartige Skandalszenen gewohnt ist, zustatten kam. Dieses Geschick ist um so anerkennenswerter, als am Tage der Eröffnung die Anordnungen viel zu wünschen übrig ließen. Leider mußte ich den Kongreß vor Schluß der Session verlassen, aber ich glaube die Ueberzeugung gewonnen zu haben, daß die Krise, entstandendurch den Tod Herzls und die Uganda-Frage, überwunden ist. Was kommen soll, muß die Zukunft lehren. Eine Annäherung an die frühere so lebhaft bekämpfte Wohltätigkeitsaktion und an die lächerlich gemachte Kleinkolonisation ist schon jetzt wahrnehmbar. Die Anglo Palestine ' Company ist doch heute nur der Unterstützung der Kleinkolonisation und der „Infiltration" gewidmet, und der Bericht des Aktionskomitees empfiehlt die Errichtung von zionistischen Auskunftsbureaus in den vornehmsten Einwanderungshäsen. Allerdings liegt in diesen Konzessionen gleichzeitig eine gewisse Schwäche. Der Zionismus hört auf, bloße Opposition zu sein, und mit jeder positiven Schöpfung wird er dahin gedrängt, seine eigenen Resultate aufzuweisen, statt wie bisher nur aus die ungenügenden Erfolge der Tätigkeit anderer Organisationen als Begründung seiner eigenen Existenzberechtigung hindeuten zu können. Mit der Kritik, die er heraufbeschwört, schwächt .er sein eigenes. Lager. So lange er nichts Positives.zu schaffen hat, , kann er nicht nur die positiv gerichteten portugiesischen Reverends Gaster aus London und Mendes aus Newyork in seinen Reihen behalten, die auch zu