Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Orthodoxie abseits;- sie wollte keinen gemeinsamen" Boden anerkennen, auf dem sie mit/ andersdenkenden Elementen kooperieren' könnte; selbst Pie Orthodoxender Würzburger und der Frankfurter Couleur waren scharf geschieden. Hingegen sitzt'jetzt ein Vertreter der Hirsch'schen „Tauro hakedüuscho^ neben dem' litauischen „Row" und beide fügen sich der Leitung eines Mannes, dem alle Religion eine lonventionelle-Lüge der Kulturmenschheit ist. ' Erinnert man sich ferner, wie Heine und Börne neben so vielen kleinen Geistern, einem Daniel' Leßman, einem Ludwig Robert, einem Moses Dobruschka rc. es für'selbstverständlich hielten, sich aus dem Judentum herauszudrücken, oder wie Meyerbeer und Michael Klapp nur Namenjuden waren/ die aller Gelegenheit, sich als Juden zu betätigen, sorgfältig aus dem Wege gingen, so muß man es als eine Errungenschaft anerkennen, wenn heute Männer wie Nordau, Zangwill, Marburg und Märmorek als Führer in jüdischen Angelegenheiten auftreteN. Stellen wir eine Gemeindewahl in einer Großstadt vor dreißig Jahren uns vor Augen! Die Männer von Ruf und gesellschaftlicher Stellung wurden ordentlich in den Dienst gepreßt; die Wähler wurden herangeschleppt: die Wahlversammlung wurde von einem mehr oder weniger gedungenen Minjan besucht, und selbst da gibt es auch eine Grenze. Ein Baron hält es mit seiner Würde nicht mehr für vereinbar, einem jüdischen Gemeindevorstande. anzugehören. Ein noch lebender Universitätsprofessor läßt sich nach eifrigem Zureden dazu herbei, ein Mandat als Gemeindevorsteher anzunehmen, Nach zwei Jahren resigniert er, denn es ist ihm unbehaglich, in akademischen Kreisen immer als hochwürdiger Herr geneckt zu werden. Der Unterschied zwischen einst und jetzt tritt uns um so eindrücklicher vor die Augen, wenn wir daran denken, daß der Zionismus eine durchaus demokratische Organisation hat. Der englische Knight, der kanadische Bauunternehmer, der Professor von einem amerikanischen Medical College, der Bankier von Odessa, der deutsche Rechtsanwalt, der Prager Großkausmann sitzen neben dem Schriftsteller, der erst sein Publikum erobern soll, neben dem Studenten, der sich durch seine akademischen Jahre durchhungert, neben dem Melammed aus Podolien, der glücklich ist, wenn er vor Hunger geschützt ist, oder neben seinem minder glücklichen Kollegen aus Nischninowgorod, der jeden Abend sich mit der Angst zu Bette legt, um Mitternacht aus dem Schlafe geweckt und aus die Polizeistation gebracht zu werden und dann mit Vagabunden und Sträflingen die unfreiwillige Reise nach seinem litauischen Heimatsstädtchen anzutreten. Dieses demokratische Element verleiht unzweifelhaft der Bewegung den wesentlichsten Teil ihrer Macht. Daneben ist ein anderer Faktor der internationale Charakter der Organisation. Sehen wir, wie in London und Amsterdam noch immer das sefardische Element sich von dem aschkenasischen abschließt, wie in orientalischen Städten, wo das aschkenasische Element aus Einwanderern jüngeren Dalums besteht, es. sich wieder von dem einheimischen fernhält, wie das in Serajewo, in Konstantinopel, in Smyrna, in Kairo und Jerusalem, der Fall ist; kennt man die Verhältnisse in Amerika, wo der deutsche Einwanderer den „Bollag" von oben herab ansieht, so muß man den Zionismus bewundern, der es fertig gebracht hat, daß der Spagnole aus Saloniki neben dem waschechten „Litwak" aus Wilkowischk sitzt, ohne daß der erstere glaubt, sich etwas zu vergeben oder der letztere das Gefühl hat, daß man sich zu ihm herabläßt. : Neben diesen demokratischen Zügen gibt sich aber ein gewisses Streben nach aristokratischer Erscheinung kund. Das Aktionskomitee erscheint zumeist * im: Frack, Sir Francis Montefiore erscheint auf der Rednertribüne im Tuxedo und weißen Glacehandschuhen; man wohnt im Hotel aux trois rois, wo man in Soireetoilette sichzu Tisch setzt, die Damen in reichem Diamantenschmuck, die Herren in Gala. Den Amerikaner, der nicht gewohnt ist, daß man in öffentlichen Versammlungen solchen Luxus entfaltet-/berührt das besonders fremdartig, und ein amerikanischer Besucher behauptete allen Ernstes, er hätte einem Mitglieds des Aktionskomitees, der im Speisesaale des Hotels am Fenster stand, zugerufen: Bringen Sie mir . mein Frühstück, aber rasch; ich habe Eile! Er hatte ihn wegen seines Fracks für einen Kellner gehalten. * Daneben aber gibt es, wenn man so sagen darf, viel Salonplebejertum. Die russischen Studenten in der Vundistenbluse mit langem dichten Haare, so wie Maxim Gorki auf den Bildern erscheint, ihnen entsprechend die jungen Damen mit kurzen Röcken, kurzen Haaren, die sich ungeniert in öffentlichen Lokalen ihre Zigaretten drehen. Das intellektuelle. Element ist überhaupt in bedenklicher Weise überwiegend. Schriftsteller, besonders Jargonliteraten, Wettbegtücker der verschiedensten Kategorien, überhaupt ungewöhnlich viele Leute, welche während der Teilung der Erde im Olymp geträumt haben und mit dem Pegasus viel besser umzugehen wissen, als mit einem Joch Zugochsen. Wenn ein Staat durch geschichtsphilosophische Essays gegründet werden könnte, wäre der Judenstaat längst eine vollendete Tatsache. Zangwill hat diesem Gedanken in seiner klassischen Weise Ausdruck verliehen, indem er sagte: Wenn wir für jede halbe Stunde Redens einen Quadratfuß Land bekommen hätten, besäßen wir nicht nur Palästina, sondern die ganze Erde. Dabei wurde im großen und ganzen nicht gut gesprochen. Mit Ausnahme der Gedenkrede Nordaus auf Herzl und der mit geistreichen Apercus gespickten Rede Zangwills scheint nur eine russische Rede, von einem sehr jungen Mann gehalten, sich über das Niveau der Mittelmäßigkeit erhoben zu haben. So mußte ich wenigstens aus der Lebhaftigkeit, mit der der Redner sprach und aus dem Beifall, der ihm folgte, schließen. Das Charakteristischste wardaß es sich bei der Debatte um ein Prinzip handelte, das man mit dem talmudischen Ausdruck „messianische Halachah" nennen kann. Das Uganda-Projekt, welches auf dem sechsten Kongresse so viel Erregung hervorgerufen hatte, konnte doch schon vor Beginn des Kongresses als abgetan gelten. Die. drei Mitglieder der Kommission hatten, obwohl sie in ihren. Anschauungen nicht ganz übereinstimmten, doch einstimmig erklärt, daß das angebotene Territorium nur für Viehzucht geeignet sei und nur eine beschränkte Zahl von Siedlern aufnehmen könne. Es handelte sich daher bei der Erledigung des Berichtes nur darum, ob man die Eventualität eines anderen Territoriums in Aussicht nehmen oder auf Palästina als dem einzigen jüdischen Territorium bestehen sollte. Für das letztere waren die große Masse der Delegatendie Zions-Zionisten (Zione Zion), während , für das/ erstere die Minorität, die Territorialisten, Sozialisten und andere verwandte Gruppen stimmten. Mit ihnen stimmte Zangwill, der eine Resolution vorschlug, welche-der btitifchen Regierung den Dank für ihr großmütiges Anerbieten und zugleich das Bedauern aussprechen sollte, daß das Angebot für eine jüdische' Ansiedlung unannehmbar fei, und damit, sollte die Bitte verbunden werden, die britische Regierung möge ein anderes Territorium für die Zionisten aüsfuchen. Die Majorität hingegen, die in - der dankbaren Ablehnung des Uganda-Projektes mit der