Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 2× ep/1000834
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sprochen, jederzeit für /den Mittelstand einzutreten^/Heißt es aber das .Interesse des Mittelstandes vertreten,,, wenn , man... ruhig zusieht, wie ein ganzes einst blühendes.Gewerbe,, das Fleischergewerbe, das doch zum Mittelstand gehört, seinemsicheren Ruin.entgegengeht.;, heißt es das Interesse des Mittelstandes vertreten, wenn man zugibt', daß ' den schon 'ohnehin schwer um' ihre Existenz ringenden Handwerkern und Kleinkaufleuten ein ' wichtiges Nahrungsmittel ungebührlich verteuert wird, - und doppelt empfinden diese - es: dadurch, daß auch die Kaufkraft ihrer Hauptkunden, der. Arbeiter, durch die Fleischteuerung erheblich, eingeschränkt wird;: heißt es. das Interesse der Bauern und kleinen Landwirte vertreten, die sich- .ihr Schlachtvieh selbst aufziehen, wenn man zugibt, daß die Preise für das Jungvieh auf eine , fast unerschwingliche Höhe, geschraubt werden? Heißt es endlich' das Interesse der bestehenden Gesellschaftsordnung vertreten, wenn man es auch hier wieder der Sozialdemokratie überläßt, aus der bestehenden Unzufriedenheit Kapital'zu schlagen?! Nach alledem fragen wir Sie, Herr Gräfe! Warum kommen Sie nicht zu Ihren Wählern? Halten Sie es nicht mehr für nötig, auf die Stimmung des Volkes Rücksicht zu nehmen; oder haben Sie Furcht^ Wir Wähler — und so wie ich denken gär viele— werden uns Ihr Verhalten merken, und wenn Sie im nächsten Wahlkampfe wieder mit Ihren frommen Bibelsprüchen und Ihren Phrasen , von Mittelstandsretterei kommen, dann wollen wir Ihnen eine Antwort erteilen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen soll und Ihnen sagen wird, was wir von unserem jetzigen Volksvertreter denken." Das ist recht deutlich — aber es zeigt allen, die es hören wollen, doch ziemlich klar, was von den Anklagen der Antisemiten gegen die Juden im allgemeinen zu halten ist. Das Treiben dieser Leute in einzelnen Nordseebädern, namentlich in Borkum, hat in den letzten Wochen die allgemeine Aufmerksamkeit herausgefordert. Dort ist im vorigen Monat ein jüdischer Bilderhändler, der eine Bilderausstellung mit Verkauf veranstaltet hatte, durch den ortsansässigen und ortsfremden antisemitischen Pöbel gewaltsam zum Verlassen der Insel gezwungen worden. Man brauchte von diesem. Vorfall, nachdem der Betroffene selbst und einige Badegäste sich bereits in der Presse beklagt haben, nicht weiter Notiz zu nehmen, wenn nicht die antisemitische Presse ein derartiges gewaltsames Vorgehen gegen einen Gewerbetreibenden als „gutes Recht" der Borkumer erklärt hätte. Diese antisemitische Doktrin verleiht dem einzelnen Fall eine größere Bedeutung, hebt ihn über eine einfache lokale Pöbelei hinweg, und erfordert daher eine entschiedene Zurückweisung. Jeder Staatsbürger hat das Recht, .sein Geschäft oder Gewerbe dort zu betreiben, wo er will. Und kein Ort in Deutschland hat das Recht, sich gegen irgendwelche Kategorie von Bürgern abzusperren. In jenen'Nordseebädern ist dies'aber tatsächlich der Fall, und darum erscheint es als eine Pflicht der Behörden, solchen Ausschreitungen ein Ende zu machen. Das Treiben auf Borkum lehrt gerade recht anschaulich eine Illustration in der Scherlschen „Woche". Sie zeigt das spgencmnte „schwarz-weiß-grüne Regiment von Borkum", das heißt die zu antisemitischen Radauzwecken bestehende Organisation halbwüchsiger Jungen „besserer" Kreise, die sich im Falle des insultierten Bilderhändlers besonders hervortat. Inmitten der großenteils schon ziemlich erwachsenen Büblein prangen einige höhere Staatsbeamte,, so der Staatssekretär Freiherr v. Richthofen, Eisenbahndirektionspräsident Kranold.und andere als „Ehrengäste". Nach den Textbemerkungen der „Woche" bildete das Regiment eine „Organisation zur körperlichen Kräftigung und vaterländischen Erziehung." Von dem Radauantisemitis- . mus m Borkum ist in.dem Artikel natürlich nicht die Rede. Um derartige unbequeme Dinge wissen sich die Scherlschen Organe immer geschickt herumzudrücken. Aber darum existiert er. doch, und es ist-Pflicht allex anständigen^ Elemente, diesem Unfug ein Ende zu. bereiten. / *; . In der russischen Reichsduma werden die Juden trotz der ihnen eingeräumten Wahlrechte nur spärlich. vertreten sein. Jüdische Kandidaten werden bestimmt nur in Wilna, Odessa und Warschau gewählt werden. Die jüdischen Kreise hegen auch die Hoffnung, daß die. liberale Partei in Petersburg bie: Kandidatur eines Juden aufstellen wird. .. Wahrscheinlich wird einer, der, berühmten Advokaten in Betracht kommen. Im ganzen hätten somit die Juden höchstens drei Vertreter in der Reichsduma. In Wilna verfügen die Juden über ein absolutes Uebergewicht bei den Wahlen, denn auf die gesamte Zahl von 2017 Stimmberechtigten entfallen 1068. Juden. Die Kandidatur eines Juden aus Wilna wird überdies auch von Seite der polnischen Wähler eine Unterstützung erfahren. Dafür bleiben den Polen, die jüdischen Stimmen bei den Wahlen in den Landgemeinden aller Gouvernements von Litauen gesichert. In Wilna werden die Juden-die Kandidatur des Chirurgen Dr. Romm aufstellen, in Odessa die des ansgewiesenen Rechtsanwalts Pergament. , Inzwischen nehmen die Juden hetzen unter polizeilicher Toleranz oder gar Fürsorge ungestört ihren Fortgang. Ein Bericht des „Standard" aus Warschau ist allerdings bis jetzt, noch nicht bestätigt worden. Dagegen liegen schreckliche Mitteilungen über die Exzesse in Kertsch und Kischinew vor. Aus letzterer Stadt wird gemeldet: „Gelegentlich der Beerdigung zweier jüdischer Mädchen, welche erstochen worden'wären, wurden fünfzig Juden von Polizeiagenten auf offener Straße erschossen. Zum Zeichen der Trauer wollte die jüdische Bevölkerung die Geschäfte schließen. Die Polizei gab jedoch dies nicht zu. Die Sozialisten nahmen sich der Juden an und eilten zum Gouverneur. Die Polizei, welche mit den von dem berüchtigten Agitator Kruschewan befehligten Banden gemeinsam operierte, umzingelte des Palais des Gouverneurs, vor welchem ein schreckliches Blutbad stattfand. Der Gouverneur war machtlos, da die-Banden ihn hinderten, das Palais zu verlassen. Es.ist. sicher, daß Polizeiagenten unter der Maske von Sozialisten im Zuge zu demonstrieren begannen, um die Polizei und die Gendarmen zum Einschreiten zu veranlassen." Unter, solchen Umständen rückt die gleichfalls noch sehrder. Bestätigung bedürftige Petersburger Meldung der „Schles. Ztg." in eine eigentümliche Beleuchtung, daß Witte mit Unterstützung der jüdischen Bankiers in Amerika eine Anleihe im Betrage von 400 Millionen Rubeln zu 3 v. H. abgeschlossen haben soll; Bedingung hierbei soll sein, daß die russischen Juden die Berechtigung erhalten, sich überall in Rußland anzusiedeln. Dir Oknüllns- und Leliktenkslle der Lrutlchm Ssbbinrr. ___ (Nachdruck erwünscht.) er Zentralausschuß des Rabbinerverbandes in Deutschland, hat in seiner Sitzung vom 28. v. M. beschlossen, die Ruhegehalts-, Witwen- und Waisenkasse der Rabbiner Deutschlands mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde am 1. Januar 1906 ins Leben treten zu lassen. Damit ist eine der bedeutsamsten Standesfragen, welche die deutschen Rabbiner und insbesondere die.Rabbinerverbände seit Jahrzehnten, und zwar bisher immer ohne praktischen Erfolg beschäftigt hatte, ihrer baldigen Lösung näher gerückt. Freilich wird auch' diese Lösung all den weitgehenden Wünschen und Ansprüchen^. die