Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Bielleicht . . . Der Verfasser der kleinen Schrift'sagt voll Vertrauen auf unsere akademische Jugend: ja. Ein glücklicher Optimismus spricht aus. ihm, dem wir aber doch nur sehr bedingt beistimmen können. . Gewiß,- es kann., anders werden, wenn große ,. erstrebenswerte Ziele einmal > wieder die Allgemeinheit zum Kampfe wachrufen, wenn gemeinsame -Ideen/ , gemeinsame Wünsche ein gemeinsames Handeln auch den letzten Mann zur Erfüllung seiner Pflicht rufen. Wenn dann die, jüdischen Studenten mit 'Energie .und Klugheit . Vorgehen, ..dann wird sicher auch die geistig freie Studentenschaft sie wieder gern und freudig in ihren Reihen aufnehmen. Dann wird auch die Taufe nicht mehr das Entreebillet zur deutschen Burschenschaft werden, wie einst Heine spöttisch bemerkte. Ob es aber wirklich anders 'werden wird, erscheint , recht. zweifelhaft. Zu lies eingewurzelt ist schon das verderbliche Unkraut des Antisemitismus, das nur mühseligste Arbeit wieder ausroden könnte. Und dann, es fehlt an der passenden Gelegenheit . . . Vielleicht auch an den geeigneten Männern. Und damit ist der zweite Punkt berührt, der Beachtung und herbe Kritik erfordert. Längst schon ist es auch den außenstehenden Kreisen als feststehende Tatsache bekannt, daß die deutsche Burschenschaft seit ungefähr 8 Jahren vollständig „judenrein" ist; weit länger konnten die Eingeweihten die antisemitischen Bestrebungen beobachten. Und nicht tatenlos und gedankenlos durften die zusehen, die es am meisten anging, die Juden, die der Burschenschaft angehören. Eine Ueberlegung gab es gar nicht, durfte es auch nicht geben, ein Mittelweg war nicht vorhanden, entweder die antisemitische Strömung wurde eingedämmt oder sie brach sich siegreich Bahn und — die Juden mußten austreten. Eine große Anzahl von ihnen tat es dann auch, die echt burschenschaftlich denkenden Christen folgten ihnen. Nicht sanglos geschah es; mit folgenden beredten Worten, die einer edlen, vornehmen Gesinnung Ausdruck verleihen, begründeten sie ihr protestierendes Vorgehen: - „Der Freiheilsgedanke und der Geist vorurteilsloser Duldsamkeit hat der deutschen Burschenschaft bisher stets und überall ihre besondere Zier gegeben. Ohne Ansehen der Geburt und des religiösen Bekenntnisses haben alle deutschen Studenten, die sich im idealen Streben für Freiheit, Vaterland und Ehre in ihr zusammengefunden hatten, für die hohen Aufgaben der Burschenschaft zusammengewirkt. Schulter an Schulter haben Christen und Juden in ihr gekämpft für die Errungenschaften der Freiheit und — als es not tat — auch für des Vaterlandes Ruhm und Größe. Eine Scheidung nach konfessionellen Bekenntnissen war unerhört in der deutschen Burschenschaft. Mit bänger, ernster Sorge sehen wir Alten Herren unter der jungen Generation eine Bewegung sich entfalten, die „Klassenhaß und Rassenhaß" predigt und Unduldsamkeit übt. Wir weisen solch finstern Geist, der weder deutsch noch christlich ist, der den altgeheiligten Grundsätzen der deutschen Burschenschaft Hohn spricht und die Bande inniger Freundschaft unter Bundesbrüdern verschiedener Konfession zu zerreißen trachtet, weit von uns zurück. Ein Beharren auf dem eingangs erwähnten Beschlüsse muß zu einer Trennung der alten Burschenschaft führen. Vereinigungen im Zeichen des Antisemitismus haben nach unserer Ansicht kein Recht, den stolzen Namen „Burschenschaft" weiter zu führen." Leider sind nicht alle Juden diesem Beispiel gefolgt; noch heute gibt es eine Anzahl, die sich nicht scheuen, mit den Mützen und dem dreifarbigen Band die Verbindung zu den Stiftungsfesten und sonstigen Veranstaltungen zu besuchen, die sich nicht scheuen, diesen rein antisemitischen Verbänden anzugehören. Sie empfinden nicht die Schmach, daß sie nur darum geduldet sind, weil sie nicht entfernt werden können, sie empfinden nicht mft HhrewEl^^tznsbrüdern den schmählichen Undank, der jahrzehntelangst Kämpfen und Streben mit dem Ausschluß lohnte, sie Hrkv es, die immer wieder die .Feuer des Antisemitrsmusivschü'ren und>'zu hellew Flammen' emporlodern lassen. Denn ihr ünverstänhliches Beginnen wird Non unseren-Gegnern schon richtig gedeutet und - beurteilt-., sie . handeln -so/ weil sie Juden sind, heißt dann nur allzu schnell, und die große Mehrheit hat unter diesen wenigen wieder einmal zu leiden. Einst klang der MüsMurscheru Heraus", . wenn es galt, fürs Vaterland, für Freiheit und Recht mit dem Schläger in der Hand einzutreten, heute heißt es: „Juden'heraus" . : . . . Dir Wache. Berlin, 14. September, ie Fl ei sch not ist natürlich die Schuld der Juden. Offen gestanden, wir wundern uns, daß diese Anklage erst jetzt, und zwar aus Berlin und aus München zugleich, ertönt, nachdem die Klagen über die Fleischteuerung doch schon mehrere Wochen die Blätter füllen. Die jüdischen Viehhändler tragen selbstverständlich den Hauptanteil der Schuld -- so doziert ein agrarischer Antisemit überaus treffend. Als ob diese nicht, gern billig verkaufen. würden, wenn nur genügend Vieh eingeliefert würde. Aber da liegt eben die Sache. Auch die Antisemiten wollen die Grenzen nicht öffnen. Daß dem Mittelstand, den man doch „retten" will, das Fleisch verteuert wird, daß das dem Mittelstand zugehörige Fleischergewerbe ruiniert wird, spielt keine Rolle. Die Juden! Andere Gründe gibt es für die Kalamität einfach nicht. Wenigstens bei den Lesern jener-Blätter, nicht, die ja doch nach menschlicher Erfahrung nie alle werden. Für alle anderen ist diese neueste Klage ein wertvolles Pendant zu unseren vorwochigen Ausführungen über die Verwandtschaft des modernen mit dem mittelalterlichen Antisemitismus. . Freilich, in einer Beziehung haben wir doch Fortschritte gemacht. Denn wenn man den mittelalterlichen Antisemiten leider nicht Nachweisen konnte oder durfte, daß sie die Missetaten begangen, die sie den Juden in die Schuhe schoben, so kann man dagegen sehr wohl den modernen Antisemiten sehr oft. Nachweisen, daß sie sich all das zuschulden kommen lasten, was sie den Juden vorwerfen. Gerade die neueste Phrase von der „Mittelstandsretterei" und die Anklage wegen der Fleischverteuerung liefern hierfür ein drastisches Beispiel. Die Führer der antisemitischen Bewegung stehen nämlich zum großen Teil mit denen der Agrarier in innigem Bunde und deshalb nehmen sie gegenüber der Fleischteuerung nur eine sehr laue Stellung ein. Einer derselben, der Abgeordnete Gräfe-Bautzen, wird deshalb von seinen eigenen Anhängern in sehr scharfer Weise angegriffen. Es heißt in dem betreffenden Artikel u. a.: „Wo bleibt der gewählte Vertreter der Volksinteressen, wo bleibett Sie, Herr Gräfe? Wäre es nicht Ihre Pflicht, jetzt Ihre Stimme zu erheben, wäre es nicht Ihre Pflicht, im Verein mit Ihren Parteifreunden die Regierung zu Maßregeln zu veranlassen, welche eine Linderung der Fleischnot herbeiführen? Aber freilich, die Antisemiten scheinen jetzt andere wichtigere Dinge zu tun zu haben : sie müssen sich einen neuen Häuptling suchen. Oder aber sind Sie der Meinung, daß eine Fleischnot nicht existiere? Wieviel mehr wäre es. dann Ihre .Pflicht, vor Ihre Wähler hinzutreten und ihnen zu sagen, ihnen klarzulegen, daß es keine Fleischnot gibt, daß sie,, durch böse Hetzer verleitet, an das Bestehen einer Fleischnot glauben, die gar nicht vorhanden ist. Nichts von alledem geschieht! Sie sitzen ruhig in Ihren Weinbergen und scheinen ganz vergessen zu haben, was Sie vor Ihrer Wahl Ihren Wählern versprochen haben. Haben Sie nicht ver-