Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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WWW MrsWg, 80.37. ----- - r..?\£: •5 . - ■ . - - ü .4 Berlin, 15. September 1905' Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese . Zeitung erscheint u> ö ch e n tli ch. ^Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, ipost oder direkt von der Expedition in Berlin Mnter Streifband bezogen vierteljährl. 2 Hl. ‘Zlebatteuti Sustao Uarpele«. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig PHMppson. Verlsxs-LxMtioll: Berlin, Jernsalemerstr..46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin 8V/-., Jerusalemer Straße zu richten, verlas von Rudolf Bloss«, Berlin. Aura academica. jL-i: ' Berlin, 13. September. ' ^n der letzten Woche hatte sich die Oefsentlichkeit ein wenig intensiver als sonst des Landes Brauch, mit den deutschen Studenten und den sie berührenden Fragen zu befassen; mitten in unsere so ereignisreiche Zeit hinein ertönte nun auch noch der Kampsesruf der akademischen Streiter. Eine Weilelang standen die buntbemützten deutschen Studenten geradezu im Vordergrund unseres innerpolitischen Interesses — der Kampf mit dem preußischen Kultusministerium um die Ausschüsse und das Verbot konfessioneller Verbindungen rechtfertigte die allgemeine Teilnahme an den intimen akademischen Dingen. Die Jugend forderte gebieterisch ihr Recht. Und es ist ihr auch geworden. Vorbei ist die Zeit, da sich in wenigen Begriffen, im Kommersbuch und Schläger, Cerevis und Mensur, die Vorstellung erschöpfte, die sich außenstehende Kreise von den deutschen Studenten machten. Sie fordern heute einen gewichtigen Anteil an dem öffentlichen Leben, sie haben aber auch einen Anspruch darauf. Mit der größten Wichtigkeit wurden denn nun die Zwistigkeiten zwischen Ministerium und Universitäten behandelt, die Bedeutung der konfessionellen katholischen Verbindungen beleuchtet — gerade als ob es etwas neues wäre, als ob die „Rassenfrage" nicht längst schon eine große Rolle an den deutschen Hochschulen spiele. Da erschien gerade in diesen Tagen eine kleine, kluge Schrift von Bruno Weil „Juden in der Burschenschaft", die mit dankenswerter Objektivität in getreuer geschichtlicher Darstellung, frei von Haß und Liebe, die Vorgänge innerhalb der deutschen Burschenschaft schildert, die ihren Abschluß fanden in der Resolution von Pfingsten 1896: „Der A. D. C. stellt fest, daß die aktiven Burschenschaften zurzeit ebenso wie in den letzten Semestern keine jüdischen Mitglieder haben. Im Hinblick auf diese Tatsachen gibt der %.■ D. C. der Erwartung Ausdruck,, daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen die Aufnahme jüdischer Studierender einmütig zusammenstehen werden." An Kämpfen reich war die Entwicklung der deutschen Burschenschaften,^ bis sie zu diesem Ende gelangte, beachtenswert und interessant, als ein Zeichen der Zeit. Mit Recht weist der Verfasser mit allem Nachdruck darauf hin;, daß die anscheinend nur interne studentische Kreise be-' rührende. Frageim innigen Zusammenhangs steht mit unserm gesamten öffentlichen Leben. Wer genau in den Spiegel hineinblickt, wird ein treues Abbild unserer Zeit erkennen. Nicht lange hat es gedauert, bis aus der freien deutschen' Burschenschaft ein tendenziös-antisemitischer Kreis geworden, ist,, der offen und unverkennbar seine Stellungnahme gegen die Juden hervorhebt und rechtfertigt. Kaum ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit aus der begeisterten .Schar idealer Jünglinge, die in der Freiheit des Vaterlandes ihr höchstes Ziel sahen, ein kleinlich beschränkter Haufen geworden ist, der willig dem Geheul und Gebell der antisemitischen Meute folgt. Der Nachwuchs hat arg enttäuscht, die Ernte hat nicht die- Erwartungen erfüllt, zu der die Saat berechtigte. Vielleicht liegt der eigentliche Grund aber auf einem anderen Felde. Mit der Begründung des Deutschen Reiches: im Jahre 1870 bis 1871 war der Burschenschaft der Gedanke: genommen, auf dem sie basierte. Das Ziel war erreicht,- der Freudenrausch über das Errungene konnte Wohl "noch; Semesterlang Vorhalten, aber dann kam der unvermeidliche Kater und es blieben nur leere und hohle Phrasen zurück. Da galt es denn, entweder der alten Burschenherrlichkeit ein Grablied singen oder neue „Ideale" finden — das kraftlose Vegetieren konnte nur zu einem schmählichen Ende führen. Allzubald war von den eifrigsten Suchern das Ideal gesunden — mochte es immerhin ganz abseits von dem Wege liegen, den die. deutsche Burschenschaft siegreich bisher gegangen, mochte es die alte Devise von der Freiheit ins Gegenteil verkehren und die intoleranteste Unfreiheit bedingen: im Antisemitismus wurde das Heil gesucht und gefunden. Nun waren aber noch gewaltige Schwierigkeiten zu überwinden, denn sowohl unter den Alten Herren wie in der Aktivitas befanden sich zahlreiche Juden,, die man doch nicht grundlos vor den Kopf stoßen wollte und/ konnte. Eine geschickt geleitete Minierarbeit führte alsbald zum Ziel; lange Jahre schon war die deutsche Burschenschaft „judenrein", bevor in jener oben erwähnten Resolution eine, bündige Erklärung erfolgte. Es ist schade um die alte deutsche Burschenschaft, es macht einem immer das Herz schwer, wenn man stets von neuem erkennen muß, daß widersinnigen, vorübergehenden ' Zeitströmungen, große Gedanken geopfert werden. Und die alte deutsche Burschenschaft, zu der-, die Heinrich Heine, Auerbach, Franzos, Bamberger gehörten, verkörperte einen hohen Gedanken inschöner Form, : Nun, da das Ziel erfüllt, wurde die Form von rohen Händen zerschlagen, mit einem unharmonischen, schrillen 'Ton zersprang sie . . . Zwei Fragen werden wach werden bei der kritischen Beurteilung dieser Vorgänge. Zunächst: wird sich das ändern, was wir heute bei aufmerksamer Beobachtung als schlecht uud unmodern erkannten, wird' die schwarz-rot-goldene Fahne einst wieder, in absehbarer Zeit, das Banner der Toleranz werden? MM