Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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432 der schon in den Wickelkindern seiner Genossen die' künftigen Konkurrenten seiner Nachkommen wittert, dehnt} sich eine lange, lange Leiter, auf 'deren Sprossen jeder > nach ■ seine r Art sich seinen 'Platz suchen muß. Wirsuchen - beide, lieber Freund, und wer von uns kann sagen, daß er schon den rechten Platz gefunden hat? : Also die Gegenfrage: Haben Sie den Mut zu sagen, daß Ihr Platz mehr aus der Sprosse der Leiter ist, die nach Stralkowo neigt, oder auf der, die zur ethischen Kultur führt? : Lieber Freund, ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich die streng juristischen Alternativen nun einmal nicht liebe. Und ich wüßte nicht, was in Fragen der Religion und Ethik damit ausgerichtet werden könnte. Wir Mediziner sind immer mehr für Palliativmittel. : Das ist es eben, und dadurch wird das Rein-Menschliche fortwährend hinter das Beschränkt-Konfessionelle zurückgedränkt! Ein Mann wie Sie, der doch den Babel-Bibel-Streit so aufmerksam verfolgt hat, der somit über den Ursprung der jüdischen Religion so genau unterrichtet ist, der seinen Häckel und Hartmann gelesen und also über den Ursprung der Gottesidee sicher zuverlässigeres weiß als die alten Rabbiner, der kann in der Synagoge.zu Stralkowo nicht mitbeten, und wenn er es um des lieben Friedens willen dennoch tut, so hindert er dadurch den Fortschritt seiner Mitbrüder. Das ist meine feste Ueberzeugung. : Aber gerade weil ich alle diese Bücher und angeblichen Beweise gegen das Judentum und gegen das Dasein Gottes kennen, gerade darum fühle ich mich in der Synagoge zu Stralkowo wie im Vaterhause. Denn alle diese Beweise verschwinden gegen den Beweis, den ich im Herzen trage. : Das erinnert mich lebhaft an einen Scherz, den ich Ihnen wohl erzählen darf, da unser Thema für den Ort und die Zeit ja doch zu ernst geworden. . Wenn Sie ihn aber kennen, dann bitte, unterbrechen Sie mich ohne weiteres — ich bin nicht beleidigt darüber. Der Lehrer lehrt seine Kinder in der jüdischen Schule,daß der liebe Gott überall sei. Worauf der kleine Cohn aufsteht und die naseweise Frage an den Schulmeister richtet: „Ich bitte sehr, Herr Lehrer, ist der liebe Gott auch im Weinkeller von meinem Vater?" Daraus sagt der Lehrer: „Natürlich!" — Sagt der kleine Cohn: O, mein Vater hat gar kein Weinkeller!" : Nun aber müssen Sie mir so gut wie die Gegenfrage jetzt auch den Gegenwitz erlauben. Mich erinnern wieder die sogenannten Beweise gegen das Dasein Gottes an den Witz von dem Studenten, der aus Berlin in den Ferien nach Hause kommt zu seinem alten Vater, und der' auf die naive Frage, was er in Berlin gelernt, hochmütig antwortet: „Philosophie!" Der Vater fragt: „Was ist das?" Sagt der Sohn: „Nun, Philosophie ist eine Wissenschaft, mit der man alles beweisen kann." — „Was kannst Du mir beweisen, Du Dummkopf?" — „Nun, ich kann Dir beweisen, daß Du gar nicht da bist!" — „Beweis mir das, wenn Du kannst!" -r- „Nicht wahr," erwiderte der Sohn, „wir sind doch jetzt in Kobhlin?" — „Gewiß," sagt der Vater. — Und darauf fragt ihn der Sohn: „Nun, bist Du etwa in Kempen?" — „Gott soll schützen. Du Dummkopf," ruft der Vater entrüstet aus. — „Also," ruft der Sohn triumphierend aus: „dann bist Du doch anderswo und wenn Du anderswo bist, bist Du doch nicht da!" — Daraus sagt der Vater: „Sehr gut," hebt die Hand auf und' gibt dem Jungen einen Patsch -r- Sie. erinnern sich doch noch dieses terminus technicus — daß er an die Wand fliegt und heulend ausruft-: ° „Warum schlügst Du mich denn?" — Sagt der Vater: „Ich Hab Dich geschlagen? Ich bin doch gar nicht da!" Nichts für ungut, lieber Freund und. auf Wiedersehen bei Lindemann! \ . G. K. Literarische Mitteilungen. --- Pierre Nahor (Emilie Lerou): Jesus. Ein Roman. Autorisierte Uebersetzung von Walther Bloch. Berlin 1905. B. Behrs Verlag. Ein seltsames Buch — dieser Roman. Seltsam schon wegen seines Verfassers: eine Schauspielerin, eine gefeierte Tragödin hat Nach ihrem Rücktritt von der Bühne sich jahrelang liebevoll in den Stoff versenkt, um ein farbenprächtiges Gemälde von bestrickender Anschaulichkeit zu schaffen. Seltsam, daß eine Frau ein so männliches Buch geschrieben, ein Buch, das in jeder Einzelheit einen reisen, historisch ungemein geschulten Blick verrät. Seltsam die Kühnheit und Unerschrockenheit, mit der die Verfasserin ihre völlig neue Anschauung vom Wesen Jesu verficht. Der Roman geleitet uns durch die Straßen von Nazareth; im bläulichen Schatten der Tempelhallen wandern wir und an den heißen Usern des Nils; die buntbewimpelten Barken der Kurtisanen von Liberias gleiten vorüber, wo, unbewußt, am User des Sees zwei Welten' und zwei Epochen aneinander stoßen: die untergehende Welt des Heidentums, die morgendämmernde neue Welt. Das Puch ist ein Glaubensbekenntnis und als solches ein Kampfbuch, das auf vielen Seiten Widerspruch finden wird, aber auch begeisterte Anhänger. Sxrechsasl. Geehrter Herr Redakteur! 3n Nr. 34 bringen Sie einen Aufsatz „der smarte Witte", welcher gewiß allgemeiner Zustimmung sicher ist, jedoch schreiben Sie darin, daß unter anderen Herren auch Herr Jesse Selig man von Minister Witte empfangen worden ist. Nun ist Herr Jesse Seligman, der langjährige Vorsitzende der v. Hirsch'schen Verwaltung in Amerika sowie vieler sonstigen wohltätigen und gemeinnützigen Anstalten, leider schon vor 10 Jahren gestorben und setzte nach seinem Hinscheiden dessen Neffe, Herrn Jsaac Newton Seligman, einer der eifrigsten Vertreter des Judentums in den Vereinigten Staaten, seine menschenfreundlichen Werke (ausgenommen die v. Hirsch'sche Verwaltung) fort, um in gleichem Sinne und in ebenso würdiger Weise wie der Verstorbene für unsere unglücklichen Glaubensbrüder zu wirken. Demnach nruß es auch heißen, daß Herr Jsaac Newton Seligman empfangen wurde, statt wie Sie irrtümlich schreiben, Herr Jesse Seligman. ' Berlin, 30. August. Hochachtungsvoll Geehrter Herr! ^>^ußer Prof. Grunmach in Berlin-Charlottenburg ist neuerdings auch Prof. Dr. Minkowski-Köln als Ordinarius nach Greifswald berufen worden. Beide sind Juden! Also — es kommt doch noch manchmal vor. Ergebenst X. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.