Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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er dann Heiter hinzu,' „ich gratuliere von Herzen! — Das Glück scheint sich -glänzend mit Ihnen aussöhnen zu wollen. Rosenkranz hat Sie zum.Universalerbenseines ganzenOab und Gutes eingesetzt.' /Sie; bekommen •500.0 Taler bar, und zudem ist das Haus in der Steinstraße mit dem dahinter befindlichen Garten Ihr; Eigentum geworden. Der -Mann muß Ihnen sehr zugetan gewesen sein!" - Der Angeklagte war wie aus den Wolken gefallen. — War es denn möglich? — Was hatte er denn da den alten Händler so hervorragend Gutes getan, daß dieser seiner gedachte? — Da fiel es dem Ueberraschten wie Schuppen von den Augemund ex gedachte wehmütig des Tages seiner Hochzeit, und wie er den schwer Gekränkten mit an die eigene Tafel genommen hatte. In einem kurzen Nachsatz des Testamentes sprach der Erblasser sich auch dahin aus, daß er sich niemanden aus der Welt mehr verpflichtet suhle, wie dem zum Erben Eingesetzten. Der Verkaufstermin ward selbstverständlich ausgehoben. Wichard konnte nun seinen Verpflichtungen Nachkommen und behielt noch ein gut Stück Geld zur vollständigen Aufbesserung seines Geweses. Das Haus in der Steinstraße ward von dem Erben vermietet. „Denn," sagte er, „wenn mein Junge den Höf übernehmen kann, ziehe ich in die Stadt!" — Es schien auch wirklich, als habe der Richter im Termin wahr gesprochen, als er meinte, das Geschick söhne sich glänzend mit dem Hartgeprüften aus. Wichards Felder konnten als Musteracker in der ganzen Dorfmarkung gelten, und sein Viehstand war der ältermächtigste weit und breit. Ging er des Sonntags zufrieden durch seine. Flurbreiten und freute sich des sichtlichen Gedeihens der üppigen Saaten, Pflegte er oft leise vor sich hinzusprechen: „Es ist ja noch alles gut geworden, und Gott weiß, daß ich an dem Tode des Försters unschuldig bin! — O, könnte nun auch meine selige Marie all dieses Glück mitgenießen!" . ÄWK; heringsÄorkkr Dialoge. II. Personen: Landrichter Hirschfeld-Berliu. Sanitätsrat Dr. Aronsohn-Stralkowo. Ort der Handlung: Auf der Strandpromenade. H.: Sie glauben also wirklich, da etwas tun zu können? Offen gestanden: ich begreife Sie nicht. Ein Mann wie Sie, dem nichts menschliches fremd ist und der sich für alles Schöne begeistern kann, soll sich um solche veraltete Dinge ernstlich bekümmern. Da müssen Sie am Ende die Schechitah auch noch beaufsichtigen? A.: Warum nicht? Wer einmal eine Aufgabe übernimmt, der muß sie auch ausführen. Und ich glaube, mit diesem Amte zugleich eine Kulturarbeit zu vollziehen. Sie können sich kaum eine Vorstellung davon machen, was so ein Landarzt in einer kleinen Stadt oder Gemeinde im Posenschen für Kulturaufgaben zu lösen hat. Heute so gut wie vor fünfzig Jahren! Ihr Großstädter habt ja leine Ahnung davon! H.:, Aber gerade um dieser Kulturaufgaben willen ntörfjte ich doch diese Sonderbestrebungen eher bekämpfen als fördern. Mir, von meinem rein menschlichen Standpunkte aus, erscheint das alles geradezu unbegreiflich. A.: Sie würden mich gewiß anschreien, wenn ich das übliche Hamletzitat: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden" hier anbringen wollte. Aber'glauben Sie mir, es ist doch viel Schulweisheit in solchen Anschauungen. Das praktische Leben lehrt uns und gerade uns Aerzte vor allem, mit Dingen und Verhältnissen zu rechnen, die Ihnen veraltet und überwunden scheinen, und die doch nie veralten und noch nach Jahrhunderten nicht überwunden sein werden, weil sie nicht im Geiste, sondern, wenn ich so sagen darf: im Herzen sitzen. H.: Und das sagen Sie, der Arzt? A.: Gerade als Arzt sage ich Ihnen dies. Als Arzt, der nicht ,bloß Rezepte verschreibt und, wenn er die Runde der Besuche abgefertigt hat, seine Aufgabe erfüllt zu haben glaubt. Kommen Sie nur einmal etwa in den Herbstfeiertagen zu uns und studieren Sie unsere Juden — da werden Sie manches erleben, von dem Sie überrascht sein werden! H.: Ach, icf) kenne ja das alles: Ich bin ja selbst aus einer. kleinen Landgemeinde. Aber weil ich es kenne, wünsche ich, daß endlich einmal gründlich damit aufgeräumt werde. Mit dem Herzen macht man keine Politik, und mit dem Gemüt keine Weltanschauung. Sie können doch unmöglich von mir verlangen, daß ich meine Kinder in derselben Weise erziehe und in religiösem Sinne bilde, wie unsere verehrten Glaubensgenossen in Stralkowo. Auf der anderen Seite muß ich Ihnen aber auch sagen, daß mir alle künstlichen Galvanisierungsversuche und alle religiöse Flickarbeit ebenfalls sehr wenig behagt. So bleibt für uns Gebildete tatsächlich nur die Alternative: Ethische Kultur oder — Stralkowo! Ich habe mich für erstere entschieden. A.: Aber merken Sie denn nicht, welche Uebertreibung in dieser Alternative liegt und muß ich Sie wieder mit dem Alltagszitat behelligen, daß die Wahrheit in der Mitte liegt? Glauben Sie mir: auf dem Wege von Stralkowo zur ethischen Kultur, die ich übrigens durchaus nicht miß-, billige, gibt es so viel gerade für Leute unseres Schlages zu tun, daß wir gar nicht nötig haben, an das Ziel zu denken. Und schließlich: was kann Ihnen die ethische Kulturgesellschaft mehr bieten, als die alten israelitischen Propheten uns geboten haben? Ich sage Ihnen: meine Juden in Stralkowo, wenn sie am Versöhnungstage das bekannte Kapitel aus dem Propheten Jesaja lesen, sind im vollsten Sinne des Wortes eine Gesellschaft für ethische Kultur! H.: Lieber Rat, Sie sind trotz Ihrer grauen Locken ein rechter Schwärmer. Wer von Ihren Strälkower Ethikern^ hält sich' denn aber am nächsten Morgen an jene allerdings hochethischen Vorschriften der alten Propheten? A.: Das fragen Sie, der Jurist? Ja, wie viele von Ihren ethischen Kulturträgern halten sich denn an die Paragraphen und Statuten' jener Gesellschaft? Im übrigen sehen Sie, daß auch wir noch nicht ganz den alten Juden abgewaschen haben. Auf jede Frage antworten wir mit einer Gegenfrage! H.: Mich interessiert bei diesem ganzen Thenm eigentlich nur eins: Da Sie und die auf gleicher Bildungsstufe mit Ihnen stehen, doch tatsächlich alle die zahllosen Gebräuche und Zeremonien, die die. jüdische Religion vorschreibt, ja doch nicht halten, nicht halten können, was geht Sie die ganze Geschichte eigentlich denn an? A.: Was sie uns angeht? Die Antwort auf diese Frage hat einen weiten Spielraum. Neulich habe ich von einem klugen Manne ein gutes Wort gehört. Er sagte: Zwischen dem Bierphilister, der die Erzählung . eines fremden Erlebnisses zu hören ablehnt, da ihn kaum seine eigenen - Angelegenheiten interessieren, und dem schlauen Streber,