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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-08 · Heft 36 (8.9.1905) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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Ä30 allen ländlichen Vergnügungen ihres Heirnatdorfes gewesen? -r-f Hatten sich um diese gebückte arme Kranke in' der Tat noch vor einem Dutzend Jahren alle-jungen Burschen gedrängt, um ihr das Spinnrad helfen nach Hause tragen zu können? — Und nun sprachen die Nachbarinnen halblaut; „Wichards Frau hört, das andere Jahr den Kuckuck nicht wieder!"? Die Leute hatten Recht. Ein von Zeit zu Zeit anstoßender Husten, die marmorweiße Hautfarbe zwischen den Wangen und den blonden Flechten der Abgehärmten bekundete es nur zu sehr, daß hier ein Leben am gebrochenen Herzen einging. Als der Arzt aus der Stadt an dem Krankenlager der still Duldenden gewesen, schüttelte er nur ernst den Kopf; Medizin verordnete er nicht. — Was hätte hier auch die Kunst noch vermocht? — Noch bevor die Ernte herangenaht, war die schwer geprüfte Frau von all ihre» Leiden durch einen sanften Tod erlöst. Unter der altehrwürdigen Kirchhofslinde, da ruht sie jetzt, die einst so Gefeierte, die der Gram und das Unglück getötet haben. Ueber das Grab dehnen sich, wie beschützend, die dichtbelaubten Zweige des mächtigen Baumes dahin. Fink und Hänfling zwitschern bei goldenen Sonnenschein in dem knorrigen Geäst. Doch des Nachts,' wenn des Mondes Licht die Gräber ringsum magisch beleuchtet, ertönt, der unheimliche Lockruf des Käuzchens. Der Wichardsche Hof wurde auf Wunsch der Verwandten und unter Genehmigung des Vormundschaftsgerichts von einem Verwalter weiter bewirtschaftet. Dem jungen Oekonomen fehlte indessen, obwohl er die Landwirtschaft auf der Universität studiert, die Praktische Erfahrung und Einsicht. Er hatte zudem auf einem größeren Gute gelernt und legte bei allen seinen Anordnungen und Verrichtungen den Maßstab des Großartigen an, vielfach zum Nachteile des von ihm administrierten Hofes. Bei der Fruchtfolge kamen bei der Eigenart des Bodens grobe Verstöße vor. Der Besitzer pflegte große Breiten seines Ackers zu mergeln; der Inspektor berwarf dieses Reizmittel und kaufte lieber teuere künstliche Düngemittel. Schon nach einigen Jahren zeigten sich einige Feldbreiten infolge der falschen Behandlung ertragsunfähig. ' Anstatt eine Anzahl von Scheffeln Roggen alljährlich verkaufen zu können, reichte so das gewonnene Korn eben für den eigenen Wirtschaftsbedarf nicht. Der Viehstand, worauf der Herr soviel gab, ließ nun auch zu wünschen übrig. Mit einem Worte: Die Oekonomie war während der Abwesenheit des Eigentümers heruntergekommen. — So fänd Wichard bei seiner Rückkehr die Dinge vor. Sah er betrübt den Verfall des einst so musterhaften Anwesens, so brolch jetzt der wildeste Schmerz über den Verlust des geliebten Weibes aus. Im Gefängnis bereits hatte man ihn ja zur Zeit von dem Heimgang seiner Marie schonend benachrichtigt, und ihm auch fünf Tage Urlaub zür Beerdigung der Verblichenen gewährt; aber nun wo 'er wieder dauernd in dem Raume weilte, wo sie einst so tätig geschaltet und gewaltet hatte, wo jedes Stück an die teure Tote erinnerte, — hätte der Arme unter der Wucht der Trauer zusammenbrechen mögen. Mitleidig sahen die Bewohner des Dorfes dem um viele Jahre gealterten Mann nach, wenn er nach des Tages Müh' und Last niedergeschlagen dem Friedhof zuwanderte. Da saß er dann, still vor sich hinbrütend, auf den grünen Rasenhügel, unter dem seine Liebe den ewigen Schlaf schlummerte, hatte das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, oder brach auch wohl gedankenlos ein Paar Blumen, welche die Hand einer Freundin pietätvoll auf das Grab gepflanzt hatte. — Der mildernde Einfluß der Zeit machte sich nur sehr langsam bei dem Traurigen geltend. Seinern heruntergekommenen Oekonomie nahm sich der Hofwirt jedoch energisch an. Durch Einführung rationeller Schlagwirtschaft,- wie'sie in der nahen Provinz Hannover viel. Anklayg gefunden hattebekamen die Aecker-von neueyr bessere Ertragsfähigkeit? Ueberall war die verständige. un5, bessernde Hünd des kundigen Äckerbauers 'bald wieder zu spüren, - . - Da trat Unverhofft im Dorfe - eine bisher unbekannte vernichtende Rindviehkrankheit auf, die ganze Viehbestände total vernichtete. In Eberstein waren es die Kühe eines Grundbesitzers, die zuerst dieser bösen Krankheit erlagen. Streng würde» die Gebäude von jedem Verkehr abgeschlossen. Diese Vorsicht konnte es aber doch nicht verhindern, daß nach einigen Tagen auch noch Ställe anderer Ackersleute infiziert wurden. Auch dem Wichardschen Hofe starb sämtliches Hornvieh. Das war ein harter neuer Verlust, der doppelt schwer den sich mühsam Aufrichtenden traf. Schon bei der Wiederaufnahme feiner Wirtschaftstätigkeit hatte sich der Zurückgekehrte in der Notlage gesehen, seinen Hof mit einer Hhpothek zu belasten, da er unabweisbar etlicher Geldmittel bedurfte. Wollte der tätige Ackersmann vorwärts, so mußte er durchaus den verlorenen Viehbestand ersetzen. Dazu war wieder ein Kapital erforderlich. Nur widerstrebend entschloß sich Wichard zu einer neuen Belastung seines Eigentums. Es blieb denn aber durchaus nichts anderes übrig.; Nun kam die Zeit des Papierschwindels. Viele Leute, die über ein paar tausend Taler verfügten, wollten durch sie reich werden, wenigstens so viel wie möglich damit verdienen — und nichts tun. Gute und sichere Hypotheken wurden gekündigt, weil sie zu wenig Profit abwarfen. Ein wahres Spekulationsfieber grassierte an allen Orten. Es ist bekannt, wie schmählich hinterher der Krach kam und wie viele Tausende dabei verloren gingen. Auch Wichard waren beide Kapitalien gekündigt. Vergeblich mühte sich der fleißige Mann ab, das Geld zur rechten Zeit zu beschaffen. Er war nicht imstande, am Verfalltag Zahlung zu leisten, trotzdem er bei mehreren Geldleuten die höchsten Zinsen zu zahlen versprochen hatte. Da trat das Schlimmste tin. Die herzlosen Gläubiger beantragten die gerichtliche Subhastation des Ackerhvfes. Der arme Besitzer war der Verzweiflung nahe. „Zu nichts, als zum Ertragen von Unglück und Elend bin ich nur noch auf der Welt. Wärs nur auch mit mir vorbei!" Das waren seine bitteren Worte, als er am Terminstage die Stiege zum Gerichtsgebäude hinaufging. Käufer waren nur wenige erschienen, denn wer dachte jetzt an den Erwerb von gewöhnlichen Grundstücken. Der Richter las die üblichen Kaufbedingungen vor und wollte eben das erste Gebot entgegennehmen, als einer seiner älteren Kollegen in das Zimmer trat und ihm ein versiegeltes Schreiben vorhaltend, anhub: „Da ist soeben ein Testament eingegangen. Der Handelsmann Rosenkranz verstarb vergangene Nacht. Angehörige hat er nicht hinterlassen. Ich denke, Herr Kollege, wir könnten das letzte Vermächtnis des alten Trödlers sofort ' öffnen. Um große Summen wird es sich ganz gewiß nicht handeln!" Mit diesen Worten löste der Sprechende bedächtig das Siegel und überflog die nur wenigen Zeilen des Dokuments. „Haben Sie nicht," wandte sich der Assessor an den ihm . Gegenüberfitzenden, „in der Wichardschen Subhastationssache Termin? Ich komme dann ja als gewiß nicht ungern gesehener Störenfried. Da sehen Sie nur!" und überreichte dem Aushorchenden den offenen „letzten Willen" des verstorbenen Handelsmannes. „O, welch' seltsames Spiel des Schicksals! — Das ist mir wirklich eine Freude!" rief erstaunt der Terminsrichter aus, indem er nochmals das Testament überflog. „Wichard!" fügte

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