Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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429 Lrr alte Nolrnkrsn?. Eine altmärkische Dorfgeschichte von Hermann Robolsky. BS53 achdem der Verteidiger in glänzender Weise für seinen Klienten, gesprochen hatte, zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Ihr Verdikt laute auf „Tötung im Affekte". Das Richterkollegium mußte sich über, die Höhe des Strafmaßes nicht so schnell einigen können, denn es betrat erst nach fast halbstündiger Beratung den Sitzungssaal. Wichard wurde unter Bewilligung mildernder Umstände zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Als dem Angeklagten stehend „im , Namen des Königs" seine Strafe vorgelesen wurde; drang ein gellender Schrei vom Zuhörerraum durch den feierlich stillen Saal. Aller Augen richteten sich nach der Tribüne. Da stürzte ^ein totenbleiches Weib in aufgelöstem Haar durch die Gittertür und warf sich vor dem. Richterkollegium aus die Knie. „Habt Erbarmen, Ihr harten Männer!" rief sie weinend, die Hände bittend, erhoben, „und gebt mir meinen unglücklichen Gustav zurück! — Er hat — so wahr ich selig zu werden gedenke! — den Förster nicht erschießen wollen. Hier zu Euren Füßen flehe ich um Gnade für den Armen!. Wenn Euer Herz nicht ganz von Stein ist, so laßt meinen Mann wieder frei! — O Gott im Himmel, womit haben wir dieses schwere Leid verdient?" Ein dumpfes Murmeln ward auf dem Zuhörerraum laut. Der Präsident sprach strenge: „Sobald sich noch einmal dergleichen Kundgebungen des Unmuts oder Beifalls auf der Tribüne hören lassen, werde ich ihre Räumung anordnen!" Einer der jüngeren Richter hob die Verzweifelte vom Boden auf und bot ihr mitleidig einen Stuhl an, während Wichard wie gelähmt auf seine abgehärmte Marie starrte. „Ein Gnadengesuch an Seine Majestät kann ich leider nicht befürworten!" wandte sich der Präsident an den jungen Juristen, der einige Worte an ihn gerichtet hatte. „Das Gesetz verlangt, und das mit vollem Rechte, eine Sühne; doch gestatte' ich eine Unterredung der beiden Eheleute in der Zelle des Gefangenen." Der Gerichtsdiener führte den Verurteilten in das Gefängnis zurück. Auf einen Wink folgte schwankenden Schrittes die schwergeprüfte Frau. „Wenn Sie heraus wollen, klopfen Sie nur!" wandte sich der alte Schließer an Marie. „Es kommt auf eine halbe Stunde nicht an, weil der Herr Präsident keine bestimmte Zeit angegeben hat!" Damit schloß er die Tür. Lange, lange hielten sich die Unglücklichen umschlungen! — bald weinten sie, bald hofften sie, sich selbst ermutigend, daß die Zeit der Haft wohl noch abgekürzt werde. Dann fragte der Gefangene nach seinen Kindern. Kaum zwei Monate hatte er sie nicht gesehen, und nach seinem Sprechen hätte man folgern müssen, daß Jahre seit der Trennung von ihnen verstrichen seien. — „Länger darf ichs nicht erlauben, so leid mirs tut." Mit diesen Worten trat der alte treuherzige Wärter wieder in die Zelle. „Vier Uhr schlugt bereits, und Sie wollen gewiß noch heute nach Hause zurück, Frau Wichard. Es wird schon finster. Mein Sohn soll Sie begleiten, da Sie wohl nicht gern den langen Weg allein machen!" . - Die Abschiedsszene zwischen Marie und Gustav war eine tiefergreifende. Immer von neuem kehrte die Schluchzende zu dem von ihr. gerissenen Lebensgefährten zurück und klammerte sich, an ihn. Und er hielt die Seine fest, als wolle er ste nimmer von sich lassen. Tränen im Auge, stand der im Dienst ergraute Gerichtsdiener an der Tür und vermochte es nicht, die Scheidenden energisch zu trennen. . Jetzt fiel die Tür ins Schloß. Marie befand sich auf dem Korridor. Willenlos folgte sie dem freundlich auf sie einredenden jungen Mann, der sie nach dem Dorfe geleitete. Was galt ihr noch die ganze Welt, nun sie ihren braven Mann verloren! — Wie eine menschliche Maschine, teilnahmlos gegen . alles, was um sie vorging, arbeitete die. Beklagenswerte wohl nach wie vor fleißig in der Wirtschaft; doch fehlte ihr jener fördernde Eifer, jene Lust und Liebe zum Dinge, die alle Mühe geringe macht. Ihre einzige Freude bestand darin, in stiller Dämmerstunde sich mit ihren lieblichen Kindern zu beschäftigen. Nur wenn des Knaben Mund die Worte stammelte, ob der Vater nun bald von seiner Reise wiederkomme und ihm hübsche Spielsachen mitbringe — war es der unglücklichen Mutter, als sollte ihr das Herz zerspringen. „Ja mein Sohn," beschwichtigte sie dann feuchten Blickes den kleinen Frager, „wenn wieder Weihnachten wird, kommt Dein Vater zurück und verreist dann gar nicht wieder!" — Ach, und das schöne Fest mußte ja noch so oft wiederkehren, ehe sich dem Gefangenen bie Kerkertüren für immer öffneten. Vom roten Erdmann hat man nicht viel wieder gehört. Der Fluch des Verrats ließ ihn nirgends mehr Ruhe finden. Als er sah, wie die arme Kornblume hinwelkte und ergeben ihr unverdientes Schicksal trug, da floh er unstät laus dem Dorfe. Es hieß, er sei der deutschen Armee nach'Lrankreich gefolgt und seine riesige Figur habe ihm Aufnahme in ein hiesiges bayrisches Infanterie-Regiment verschafft. Faktum war es, daß die lange amtliche Verlustliste der ^bayrischen Truppen von den Kämpfen bei Orleans anfangs Dezember unter vielen anderen einen Toten aufführte mit den knappen Worten: „Musketier Erdmann tot, Schuß durch den Kopf. Heimatsort unbekannt." Wahrscheinlich verschwieg der Unstäte seinen wahren Familiennamen. Zweimal wieder hatte der Frühling seit der Verhaftung des Hoswirts Wichard die Natur mit dem schönen grünen Kleide frischen Lebens geschmückt. Auf den Dächern pfiffen und musizierten die Stare. Storch und Schwalbe hatten bereits ihre alten Heimstätten aufgesucht, vom fernen Wiesengrund her tönte der heisere Ruf des Kibitzes, jenes gebannten, irrenden Geistes, und während bescheiden Vergißmeinnicht am Bache ihre milden Sternenaugen inmitten dicht verwobenen Kräutergewirres auftaten, lugten bereits neugierig die ersten Kornblumen aus dem wogenden Meer« üppig emporwachsenden Getreides. Und Marie, das beklagenswerte Weib? — Selbst ihre Lieblingsblume rührte sie nicht mehr an. Das Sprichwort: „Steter Tropfen höhlt den Stein!" könnte auch nach bildlicher Bedeutung oft im menschlichen Leben seine Wahrheit finden.— Vermag dort das winzige Tröpflein Wasser in ununterbrochenen Fall die Härte des Granits zu zerstören, so kann nicht aufhörender Kummer und Gram bekanntlich auch das blühendste Leben vernichten. An Wichards Frau bewahrheitete sich jetzt diese traurige Tatsache sehr. War denn jenes langsam einhergehende Weib mit den tiefliegenden Augen wirklich die einst vor Gesundheit strahlende Kornblumen-Marie?—War diese vollständig hingesiechteDulderin faktisch einstmals die flinkste und ausgelassenste Tänzerin bei