Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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428 und Juden uns wohl uäherzubringen imstande sind, verdient Leods Buch ein eifriges Studium. Das Buch schließt,- indem Leod der Hoffnung - Ausdruck gibt, daß bald die r Japaner als Nachkommen der 10 Stamme anerkannt werden.' Wann und wie dies in Erfüllung gehen wird, ist schwer vorauszusagen. Aber sollte die übereinstimmende Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, deren sich die Juden in Japan, wie es gerade die letzten Ereignisse gelehrt haben, nicht als Schritt auf dem Wege dazu anzusehen sein? So sprechen russische Juden, die als Flüchtlinge in Shangai ankamen, in. sehr anerkennender Weise von der Behandlung, die ihnen in' Japan zuteil wurde und sind tief gerührt von dem guten.' Willen und der Herzlichkeit, mit der man ihnen entgegenkam. Ein interessanter Fall, der den Unterschied der Behandlung,, die den Juden von Russen und von Japanern zuteil wird, .in rechtes Licht zu setzen imstande ist, sei hier angeführt':^ Ein jüdischer Kaufmann, der China bereist, kam mit Waren.' und. Mustern nach Mukden. Als die Russen erfuhren, daß er' jüdischen Bekenntnisses ist, befahlen sie ihm bei der Visierung^ des Passes, den Ort innerhalb von 6 Tagen zu verlassen.'/ Hierdurch wurde er sehr in Schrecken gesetzt und außerdem/ wurden seine ganzen Dispositionen über den Hausen geworfen. Seine wiederholten Versuche, sich die Erlaubnis für einen längeren Aufenthalt zu verschaffen, blieben erfolglos. Als er seine Anordnungen für baldige Abreise traf, schwoll der Kanonendonner der Schlacht nach Mukden herüber. In der durch den japanischen Angriff veranlaßten Verwirrung vergaßen die Russen an ihn und er erwartete den Ausgang des Kampfes in einem Versteck in Mukden. Als die Japaner als Sieger nach Mukden kamen, stellte sich der Kaufmann vor und wurde,' als man ihn erkannt hatte, daß er kein Spion war, aufs beste ausgenommen. Als man erfuhr, daß er Jude war, sagtet man zu ihm: „Mit Gottes Hilfe nehmen wir Rache an den Russen für das Gemetzel von Kischinew". Ebenso charakteristisch ist der Fall des japanischen Leutnants Tutsu. Tutsu, ein gebürtiger Japaner, hatte schon oft an Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Shangai, das Ersuchen gestellt, ihn in den jüdischen Glauben auf^ zunehmen. Nach langer Zeit eifriger Vorbereitung wurde er vollständig nach dem Ritus ausgenommen, unter dem Namen Abraham Ger (das heißt Proselht). Mit großer Schnelligkeit und eben solchem Eifer lernte er hebräisch und konnte bald fließend die Gebete sagen. Veranlaßt hatte ihn die Lektüre eines Buches, das die Wiedereinsetzung eines jüdischen Reiches in Palästina behandelt, und welches von der hohen Sendung des Judentums spricht. Er fühlte den innigen Wunsch nach' Jerusalem zu pilgern, wurde aber, gerade als er abreisen wollte, einberufen und ist seitdem verschollen. Der Fall lehrt doch zweifellos einen hohen Grad von Verwandtschaft zwischen der jüdischen und der japanischen Anschauungsweise. Wenden wir uns nun zu dem Leben der Juden in Japan selbst. Die bekannteste jüdische Kolonie in Japan, in der sich Juden zu einer Gemeinde zusammengeschlossen haben, ist Nagasaki, in der Nähe von Shangai. Auch in Kobe und Jokohama gibt es eine Anzahl Juden, die aber bis jetzt noch keine religiöse Körperschaft bilden. Sehr wenige haben religiöse Neigungen, sie widmen sich fast ausschließlich dem Handel, der ihnen keine Zeit läßt, sich zusammenzuschließen. Von den Juden in Jokohama, die meist aus Amerika und Australien stammen, haben einige Japanerinnen zu Frauen. Die Gemeinde von Nagasaki besitzt ein schönes Gotteshaus in der „Beth Israel Synagoge", die im Jahre 1904 erbaut wurde. Die Mittel zu dem Bau stiftete der verstorbene Hevr - R. H. Goldenberg und der jetzige Vorsteher-Herr S. D. Leffner. Die. Frau des Herrn Goldenberg ist Japanerin, ^die mit ihren beiden. Söhnen zum Judentum übertrat, Die. .Knaben besuchen täglich das- Gotteshaus und sind.im Hebräischen wohlbewandert. Dieser Fall, in dem Eingeborene Juden wurden, steht in Nagasaki nicht vereinzelt da. So wurden kürzlich ein Engländer und ein Portugiese in den jüdischen Glauben ausgenommen. Die Juden in Nagasaki stammen zum großen Teil aus Rußland oder Rumänien. ^Mehrere von ihnen haben wegen des Krieges und des Aufhörens des Handels den Ort verlassen. - Die „Nagasaki Jewish Benevolent Association", eine wohltätige Stiftung der Gemeinde, die ihr Entstehen Herrn S. D. Leffner verdankt, gab jetzt beim Kriege dem „Roten Kreuz" eine Summe von 100 Hen. Der verstorbene Herr Leo Leffner (der Vater des Herrn S. D. Leffner) war Ehrenmitglied des -obengenannten Vereins und sein Tod anr 4. Oktober 1904 wurde von der Gemeinde als schwerer Verlust für die Sache der Juden und des Judentums in Japan sehr betrauert. In Gemsibnschaft mit seinem Vater war Herr S. D. Leffner sehr bemüht, der Gemeinde eine feste und gesunde Basis zu geben. Er ist im Grunde genommen ihre Hauptstütze. Es gibt keine Bewegung, die für jüdisches Interesse eintritt, bei der nicht Herr Leffner mit Leib und Seele dabei ist. Bei jedem guten Werk steht er an der Spitze. So wurde durch seine eifrige Tätigkeit die Möglichkeit gegeben, eine Zweiggemeinde der Anglo-Jewish Association in Nagasaki ins Leben zu rufen, an deren Spitze er steht und die j>r glänzend unterstützt. Als Anerkennung seiner unermüdlichen Tätigkeit widmete ihm die Gemeinde vor zwei Jahren eine Adresse mit einem schönen Geschenk. In letzter Zeit war sein Augenmerk hauptsächlich darauf gerichtet, die Lage der jüdischen Kriegsgefangenen zu verbessern. So verschaffte er ihnen durch eine Sammlung Mazzot und Osterwein am letzten Passahfest. Im Jahre 1904 machte sich der Mangel an einem jüdischen Begräbnisplatz unangenehm fühlbar. Die Mittel zu seiner Beschaffung gab Herr Ginsburg, ein reicher Glaubensgenosse. Im Laufe der Zeit ist der Friedhof allmählich gefüllt und Herr Leffner hat die Absicht, ein angrenzendes Grundstück anzukaufen. Um dem Begräbnisplatz eine würdige Umfriedung zu geben, gehen augenblicklich Listen unter den Juden von Hongkong, San Francisco, Kobe und Jokohama von Hand zu Hand. Die materielle Lage der Juden in Nagasaki ist als durchaus befriedigend zu bezeichnen. Sie sind als Hotelbesitzer und Kaufleute sowie als Regierungsagenten tätig. Sie stehen in politischer Hinsicht auf gleicher Stufe wie die eingeborenen Japaner. Religiöse Vorurteile find gänzlich unbekannt und die in Japan wohnenden Juden haben allen Grund, der Nation, die ihnen Schutz vor Verfolgung und Tyrannei gewährt hat, dankbar zu sein. Hätte Japan den Fremden nur gestattet, die Waffen zu ergreifen, die Juden würden in erster Reihe gestanden haben, um ihrer Loyalität, ihrer Liebe zu Japan Ausdruck zu geben. Ein hoher japanischer Würdenträger hat erst jüngst in sehr anerkennender Weise über die Tapferkeit der russischen Juden in den Kämpfen vor Port Arthur und Mukden sich ausgesprochen. Es ist keine Frage, daß Japaner und Juden, wenn sie erst einander näher kennen lernen, sich sympathisch ergänzen werden.