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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-08 · Heft 36 (8.9.1905) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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befinden sich dadurch in einer Notlage, durch die bei dein Wen Hm- und Herwogen/ der Bevölkerung die' Gesamtheit leidet. Wohin nämlich die dadurch eingetretene Vernachlässigung der religiösen Einrichtungen naturgemäß führt, sehen wirmur zu deutlich. Doch darüber-ein anderes-Mal! : : -r Älsaticus. Jüdilchr Arilkdrirkk. Von Professor Dr. Gotthard Deutsch. II. Aus der Tscherfa. ^ei meiner Ankunft auf russischem Boden wurde ich jedenfalls ohne viele Förmlichkeiten von der Polizei durchgelässen. Däs Schiss, auf welchem ich am 12. Juni in Odessa landete, hieß Lazareff, und obwohl das kleine Erlebnis, welches ich hier mitteile, nicht ganz in einen jüdischen Reisebries gehört, will ich es den Lesern doch nicht vorenthälten. Ein Franzose, der mit mir reifte, fragte mich, auf die Inschrift eines Rettungsgürtels deutend, wie das Schiff heiße. Ich gab ihm die gewünschte Auskunft. Aus seine weitere Frage, was dieses Wort bedeute, erwiderte ich, daß ich wohl die russischen Schriftzeichen lesen könne, aber der russischen Sprache nicht mächtig sei, jedoch sei das Wort wahrscheinlich ein Eigenname. Darauf meinte der Franzose: „Le nom est propre, mais le bäteau est sale.“ Typisch für russische Verhältnisse war auch unser Empfang in Odessa. Als das Schiff an dem Kai sestlag, kamen etwa ein halbes Dutzend Beamte an Bord, setzten sich in den Salon, wo sie trinkend und Zigaretten rauchend plauderten, ohne sich um uns Passagiere zu bekümmern, wiewohl wir alle natürlich je schneller je lieber ans Land kommen wollten. Aus unsere Frage, wann uns das Landen erlaubt sein würde, erwiderte man, wir müßten: warten, bis der Kapitän der -Gendarmerie unsere Pässe geprüft haben würde, welche übrigens der Schiffskapitän schon sofort bei unserer Abreise von Konstantinopel uns abverlangt hatte. Unter den Passagieren befand sich auch ein Inspektor des Norddeutschen Lloyd, der Geschäfte mit der Negierung hatte, indem seine Gesellschaft einen Transport von Verwundeten und Kriegsgefangenen von dem ostasiatischen Kriegsschauplatz nach Odessa gebracht hatte. Obwohl der legitimierte Kapitän des Lloyd-Schiffes an Bord gekommen war, um seinen Vorgesetzten zu begrüßen, war es dem Letzteren doch nicht gestattet, das Schiff zu verlassen. Dieser Umstand und die höchst langsame Prozedur des Versiegelns der Schiffsluken durch einen Zollbeamten, während in deutschen Häsen in solchen Füllen zuerst die Ladung gelöscht wird, veranlaßte den Inspektor zu keineswegs schmeichelhaften, aber nicht ungerechtfertigten Vergleichen zwischen deutschen und russischen Methoden. Nach mehr als zwei Stunden kam endlich der Herr Kapitän, eine stattliche Erscheinungen seiner kleidsamen weißen Uniform und brachte unsere Pässe. Während er jeden anderen Passagier nach dem Zweck und der beabsichtigten Dauer seines Aufenthalts fragte, sagte er zu mir,. als ich meinen Namen genannt hatte, bloß: „Amerikansky!" und händigte mir meinen Paß ein. Ich merkte mir das und steckte eine amerikanische Flagge in die Tasche, um im Falle, als ich in einen Pogrom geraten sollte, dieselbe mit den Worten „Amerikansky": 31t schwingen. Höchst typisch für die russischen Verhältnisse war noch ein anderer Vorfall, der sich an Bord des Lazareff ereignete. Ein junger russischer Baron, der mit-uns führ, hatte den Mut, den Gensdarmerieosfizier wegen der. rücksichtslosen Behandlung per. Passagiere zur Rede. zu stellen. Der Letztere war durchaus nicht'provoziert, sondern sagte kaltblütig : „Wenn Sie in St. Petersburg sind, Herr Baron- .stehen Sie gewiß nicht vor 8 .Uhr auf.; Wenn Sie dieselbe Lebensweise hier eingehalten hätten, .so hätten Sie Nicht warten brcNlchen." Odessa war, als ich es betrat, eine ganz ruhige Stadt. Ja, es schien für eine Großstadt geradezu schläfrig. Breite, regelmäßige Straßen, die' sich meistens rechtwinklig schneiden, eine schmalspurige Straßenbahn, deren Wagen, wenn man die amerikanischen Verhältnisse noch frisch im Gedächtnisse hat, wie Spielzeug aussehen; die eigentümlichen Droschken ohne Rücklehne mit den in lange Kittel gekleideten bärtigen'Droschken-. kutschern, deren Wagen mit' mörderlichem Getöse über das holprige Granitpflaster Hinwegrollen und für den Spottpreis von 20 Kopeken eine Fahrt machenalles, das macht nicht den Eindruck einer Großstadt. Jedenfalls dachte niemand daran, daß Odessa das Zentrum einer revolutionären Bewegung werden könnte, die alles in den Schatten stellen sollte, was bisher in dieser Richtung in Rußland geschehen war. Däs einzige Zeichen abnormaler Verhältnisse war ein Streik der Telephonbeamten, welcher es unmöglich machte, das Telephon zu benützen. Nur unter den Juden bestand eine Furcht, vor dem kommenden griechischen Pfingstsonntag, an dem man Exzessen entgegensah. Derartige Dinge sind aber so gewöhnlich, daß man nie wissen kann, ob die Befürchtung einer übertriebenen Nervosität entstammt, oder ob die Drohungen, die man hie und da unter dem Pöbel hört, auf einer vorbedachten Veranstaltung von Geheimagenten der Negierung beruhen, deren einzige Politik es ist,'das Verlangen nach einer parlamentarischen Negierung als. jüdisch zu diskreditieren. . . Odessa ist auch'in' jüdischer Beziehung eine moderne Stadt; es hat kein' eigentliches Judenquartier: seine Synagogen sind durchaus modern und groß, und es besitzt eine ganze Reihe von . ganz hervorragenden „Maskilim". Der greise Moses Löb Lilienblüm ist Sekretär der Beerdigungsgesellschaft- A. L. Lewinsky, der unter.dem Namen Reb Koref schreibt, verbindet in höchst seltener Weise schriftstellerische Begabung mit kaufmännischem Geschick, denn er ist Leiter der Filiale des Karmel und Geschäftsführer der Verlägsgesellschaft Moriah, welche besonders in der Herausgabe von hebräischen Jugendschriften rühmliches geleistet hat. Außerdem sind.Mitglieder dieses Kreises der bekannteste Essayist der neuhebräischen Literatur, Ascher Günzburg; der Dichter der ergreifenden Klage um die Märtyrer von Nemirov, welcher Name, aus Rücksicht auf die russische Zensur den von Kischinew ersetzen mußte, der ökonomische Schriftsteller Mendlin und der pädagogische Autor Rabnitzki, endlich der liebenswürdige Humorist der Jargonliteratur Abrahamowitz, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Scholem Alechem". Das Moderne in dem Gemeindeleben'Odessas zeigt: sich, wie gesagt, bereits in den Synagogen. Obenan steht die sogenannte Broderschul, sehr bezeichnend in bezug auf die geschichtliche Entwicklung des modernen Judentums. Brody, als eine bedeutende Handelsstadt, bat Beziehungen mit Westeuropa, und die Kultur seiner reichen Kaufleute verlangt eine moderne Synagoge und eine, moderne Schule. Brodyer Kausleute haben Beziehungen nach Odessa, wo sich viele von ihnen niederlassen, und so wird die Reform eines musikalischen Kantors mit einem geschulten Chor und einem deutschen Prediger nach der Hafenstadt mm schwarzen Meer verpflanzt. Es bleibt aber merkwürdigerweise dabei stehen. Seit dem. Tode. Schwäbachers ist die Predigerstelle unbesetzt. Der gegenwärtige Kronrabbiner, der als solcher nur provisorisch fungiert, übrigens nicht :Theologe sondern Chemiker ist, wurde, längst von der Gemeinde abgesetzt, aber infolge des Rückhaltes, . den. er. an. ' - ' - - ..

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