Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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anzusehen war. So waren bei der im September, erfolgten Einberufung. der- Reservisten des Odessaer Militärbezirks.von 12,314 Juden. nur 7650 zur Stelle, während der Rest von 4664 — 37 Prozent nicht zufinden war. Im Kreise Chotin, Gouvernement Bessarabien, konnten noch bei der ersten Mobilmachung im .September 141 Juden eingezogen, werden. Bet der. , zwei Monate später erfolgten zweiten Mobilmachung befand, sich jedoch unter 1000 Reservisten nur noch, ein einziger Jude. Der Rest war entweder ins Ausland gegangen, oder siedelte zeitweilig in Gegenden über, wo die Mobilmachung noch nicht begonnen oder bereits beendet war. . Aber selbst von den 7650 Juden, denen' man die Mobilmachungsordres zugestellt hatte, konnten nur sehr wenig wirklich zum Militärdienst eingezogen werden. Es stellte sich heraus, daß die zu Hause gebliebenen Juden entweder Väter. zahlreicher Familien oder krank waren. Ein großer Teil der Untauglichen hatte nämlich entweder einen Bruch oder litt an Ohrenfluß. Da nur Juden von diesen Krankheiten befallen waren, so darf vermutet werden, daß diese sich, den Fehler selber beigebracht haben. Zum Ersatz der zahlreich ausgebliebenen Juden mußten die christlichen Reservisten im höheren Maße herangezogen werden, wodurch in vielen Orten „einige Unordnungen" entstanden sind." Soweit der „Rußki Invalid". In dem letzten Satze erkennt das geübte Auge sofort den antisemitischen Pferdefuß. Die „einigen Unordnungen", wie der „Rußki Invalid" die zahlreichen Reservisteukrawalle euphemistisch zu nennen beliebt, warew nichts weiter als eine wohlverdiente Züchtigung, welche den Glaubensgenossen der flüchtig gewordenen Juden von den zu oeren Ersatz in stärkerer Zahl eingezogenen Christen zuteil geworden ist. Roh und echt russisch unverschämt ist auch die Behauptung, daß die kranken Juden sich künstlich ein Leid zugesügt haben, um nicht zum Militärdienst herangezogen zu werden. Was nun die fluchtigen Juden anbelangt, so wollen wir einen Moment lang die offiziellen Angaben des. russischen Kriegsministeriums unbesehen als. richtig anerkennen und ruhig zugeben, daß sich also wirklich viele tausende Judtzp dem Krieg in Ostasien zu entziehen gewußt haben. Sollten die jüdischen Reservisten ihre Frauen und Kinder etwa der Morvlust des Pöbels, den schamlosen Erpressungen der kleinen und kleinsten Tschinowniks und der Raublust der Soldateska preisgeben, um im fernen Osten für Stiefväterchen Zar und Stiefmütterchen Rußland ihre Knochen zu Markte zu tragen? Es wäre ebenso dumm wie verbrecherisch von ihnen, wenn sie dies getan hätten. Verbrecherisch gegen ihre schutzlos in der Heimat zurückgetassenen Familienmitglieder. Merkwürdig jedoch ist, daß die Angaben des „Rußki Invalid", die wir Zeinen Moment lang unbesehen als richtig angenommen haben, vollkommen erlogen sind. Jene 4664 Juden, denen die Mobilmachungsordre nicht zugestellt werden konnte, sind entweder längst verstorben oder haben Rußland auf Nimmerwiedersehen verlassen. Trotzdem werden sie nach den bekannten Gepflogenheiten der antisemitisch durchseuchten Heeresverwaltung in den Registern , weiter geführt, um so jahrein, jahraus auf die vielen Tausend zur Rekrutierung nicht erschienenen Juden Hinweisen zu können. Dieses geht unzweideutig aus der Schlußbemerkung - des „Invalid" hervor „Das Resultatwar, daß von 54269 jüdischen. Reservisten, nur 21371 Mann, d. h. 40 Prozent zum Militärdienst herangezogen werden konnten." Also nicht weniger als 54269 Juden — 219% der gesamten jüdischen männlichen Bevölkerung des europäischen Rußlands waren als Reservisten einberufen. Bei gleicher Verteilung der Militärlasten. würde die Zahl der im europäischen Rußland einberufen en Reservisten nicht weniger als 1 105282 betragen haben. Selbst ein in militärischen Dingen vollkommen Unbewanderter muß .zugeben, daß ein solches Massenaufgebot weder möglich noch beabsichtigt war. Die Juden wurden eben wieder in weit höherem Maße als die Nichtjuden herangezogen. Sie konnten diese Last unmöglich tragen und haben nur 21371 Mann gestellt, d.- h. eine Zahl, die wahrscheinlich immer noch viel stärker als die der Christen war. Eine einfache Berechnung ergibt, daß die 21371 eingezogenen und nach dem Kriegsschauplatz . nach Osiasien. geschickten Juden nicht weniger als 0,86 Prozent der gesamten männlichen jüdischen Bevölkerung des europäischen Rußlands ausmachte. Da die männliche Bevölkerung des europäischen Rußlands 50469 5ß5.ausmacht, so würde - das Ergebnis der Mobilmachung eine Armeevon 434057 . auf. die. Beine bringeneine Stärke,.-welche das russische Heer in der Mandschurei zu keiner Zeit erreicht hat. Roch absurder sind die Angaben über die Ergebnisse der Mobilmachung im Odessaer Militärrahon. Hier wohnt eine männliche jüdische-Bevölkerung von 361680, welche 12914 Reservisten ^— 3,54%) hatte. Würden die Christen in gleicher Anzahl - zum Militärdienst einberufen worden sein, das kleine Gebiet hätte nicht weniger als^ 150421 Reservisten, was, da nur-- bis zu den Jahrgängen 1887 zurückgegriffen wurde, doch geradezu absurd genannt werden muß. Von den in den Listen figurierenden jüdischen Reservisten waren 7650 — 211 gegen 0,86 Juden im ganzen übrigen Rußland zur Stelle. Und dennoch ist diese Zahl dem ,-Rußki Invalid" noch viel zu wenig. Die Juden haben während des Krieges 50000 Soldaten im Felde gehabt, haben in Wladiwostok und in Port Arthur alle Not und alles Elend durchkosten müssen, zuni Dank dafür werden sie von den offiziellen Organen des Kriegsministeriums als Feiglinge und Drückeberger hingestellt, welche wegen ihrer Feigheit von der darob erbitterten Bevölkerung eine derbe Lektion erhalten haben. Dank vom Hanse Romanow! & Die zionistische Sezession tritt nunmehr zum erstenmal vor die Oeffentlichkeit. Sie ist hauptsächlich in England vertreten. Israel Zangwill, der als Führer der Minorität auf dem Zionistenkongreß, in Basel eine besondere Rolle fpielte, hat ein Manifest erlassen, in dem er darauf hinweist, daß die Bildung einer neuen Partei Notwendigkeit wurde. Dieser neue Verband, der den Namen „Jüdische territoriale Organisation" führt, nimmt als solcher keine Stellung zu dem Zionismus ein. Es soll seinen Mitgliedern vielmehr überlassen bleiben, je nach Belieben zu der großen zionistischen Bewegung Stellung zu nehmen. Zangwill sagt, daß der neue Verband jedes Landgebiet in Betracht ziehe, vorausgesetzt, daß das Gebiet gut und erwerbbar ist. Der, Zweck des . Verbandes ist der. für diejenigen Juden, die in dem Lande, in dem sie sich augenblicklich befinden, nicht bleiben wollen oder können, ein Gebiet auf autonomer Basis zu schaffen. Zur Erreichung dieses Zieles schlägt der neue Verband vor: 1. Alle Juden, die den obengenannten Zweck billigen, zu vereinigen; 2. mit Regierungen, sowie mit öffentlichen und privaten Instituten in nähere Beziehung zu treten; 3. finanzielle Institute, Arbeitsbureaus und andere Einrichtungen zu schaffen, die für notwendig erachtet werden. Zangwill läßt sich des längeren über die Notwendigkeit des neuen Verbandes aus. Er konstatiert, daß jährlich etwa 100000 Juden den Ländern den Nucken wenden, in denen sie Not und Verfolgung zu ertragen hatten. Er weist dabei hauptsächlich auf Rußland hin. Die dortigen Bezirke sind überfüllt und da in Rußland die notwendige Ausdehnung der angesammelten Volksmaffe verhindert wird, bricht der Menschenstrom nach anderen Ländern über die Ufer und zwar hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten und England, m zweiter Linie nach Kanada, Argentinien und Südafrika. In allen Zufluchtsländern ist es, wie Zangwill nachweist, das Bestreben der Einwanderer, bei ihren Freunden zu bleiben, und dies führt seiner 'Ansicht nach zu der Errichtung der großen ungesunden Ghettos. Nach einiger Zeit sind auch diese Zufluchtsgebiete überfüllt und der Einwanderung wird dann gesetzlich Einhält getan. Zangwill sagt: „Ist es nicht unsere Pflicht, uns zu beeilen, ein eigenes Zufluchtsland zu finden, solange die Tore noch offen sind? Ist es. für jüdische Arbeit und jüdisches Kapital möglich, dieses Zufluchtsland zu schaffen?" — Die „Morning Post" ist der Ansicht, daß die Vorschläge des Herrn Zangwill jedenfalls ernstester Beachtung