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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-01 · Heft 35 (1.9.1905) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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angetan, Du schönes Weib! — Ohne Deine Liebe muß ich sterben.- -Ich kann nicht mehr' von Dir'lassen. Du sollst bie, Meine werden, mag es kosten, was es wolle!" 1 ' Gewaltsam hatte der leidenschaftliche Mensch die Hand der schönen Frau ergriffen, während sie mit offenem Munde und voll Furcht auf den vor ihr Niedergesunkenen blickte. „Steh auf — verlaß das Zimmer!" befahl sie unter, mühsam verhaltenen Atem. „Ich bin Frau und Du wagst es. Dich mit einem solchen Geständnis mir zu nahen? Hüte Dich, daß ich meinem Manne nicht von Deinem Betragen erzähle. Er würde Dich sofort wieder vom-Hofe weisen!" „Dein Mann? — Pah! Das ist lächerlich!" verfiel der Entsetzliche wieder in den alten rohen Ton, ohne die sich vergeblich Sträubende loszulassen. „Den werd' ich auch lange danach fragen, ob ich Dich besitzen darf oder nicht. Mag er froh fein, wenn wir ihn auf dem Hofe, meinem alten, rechtmäßigen Eigentume, dulden!" Die geängstigte Frau zweifelte nun nicht mehr daran, daß der rote Erdmann wahnsinnig geworden sein mußte. „Geh, geh, ehe es zu spät ist und Dich Gustav hier findet! Ich will Dir zu Gefallen kein Wort von dem reden, was Du mir gesagt hast - aber geh!" „Sag' ihm lieber alles! Er muß schon, wie wir wollen. Glaubst Du, süße Kornblume, ich habe mich darum mit so schwerem Geheimnis herumgetragen, Hab' mich deshalb mit zum Verbrecher gemacht, um Deinen Mann vor Schande und Schmach zu retten? — Narr, der ich gewesen wäre! — Um Dich allein, Marie, lud ich den Alp auf meine Brust, damit Du ihn nicht mitzntragen hattest. Ahnst Du denn nicht, wer den Förster in jener Nacht erschossen hat? Das Rätsel ist doch so leicht zu lösen!" Nur mühsam vermochte die Arme nach Fassung zu ringen. Was sprach der Tolle da. für verdächtige Worte? — — Sollte — —? — „O Gott, das ist ja unmöglich!" ächzte sie. „Wer soll den Waldwärter ermordet haben?" „Dein'Gustav!" Jetzt wurde der Entmutigten alles klar. Vor ihren Augen fing es an zu flimmern und unter schwerem Aufseufzen brach der Gefolterte zusammen. Stumm lag sie, als sei alles Leben von ihr gewichen, aus dem Arm des Unholdes. In verbrecherischer Liebe zog der Elende die geknickte Kornblume an sich und bedeckte ihren Mund fortwährend mit leidenschaftlichen Küssen. Da, — ein dumpfer Schlag! — Der Rote taumelte getroffen zu Boden und Wichard fing die Ohnmächtige in seinen Armen auf. Als der Hinzuspringende bang der Bewußtlosen in das bleiche Gesicht geschaut hattetrug er die Arme auf das Ruhebett und rief sie schmeichelnd bei den zärtlichsten Namen. Und Marie schlug endlich die Augen aus. Verstört blickte sie um sich. Als sie ihren Mann mit gefalteten Händen am Lager stehen sah, flog ein gramvoller Zug über ihr schönes Antlitz. „Ist es denn wahr, was der Schreckliche mir erzählt?" stöhnte sie schmerzbewegt. Gustav wandte das Gesicht. ab; er leugnete nicht und gestand alles. Bleich und starr tauschte die. Arme der Beichte ihres unglücklichen Mannes, und als dieser geendet hatte und mit verzweifelten Blicken an ihrem Antlitz hing, entzog sie ihm die Hand nicht und kein bitteres Wort des Vorwurfes kam über ihre bleichen Lipgen. „Erdmann wird sich an mir rächen!" bangte nach kurzer Pause der Bedauernswerte. „Wahrscheinlich'stehen uns schwere ' Stunden bevor, Ich will ja alles Ungemach ertragen, und meine' Strafe verbüßen/ wenn, mich der Gedankt an Dichnur micht so traurig machte!" - - , . r , : Marie legte jetzt eine Seelenstärke an den - Tag, wie man sie - bei einem schwachen? Weibe - selten findet. Sie tröstete - den Niedergebeugten, obwohl sie selbst des meisten Trostes bedurfte und kämpfte ■ gewaltsam den eigenen Schmerz zurück. Was die beiden Eheleute bang geahnt, wurde nur zu sehrschreckliche Wahrheit,? Der Oheim hatte seinen Neffen wirklich bei der Behörde denunziert. . Schon ann Abend traf ein Gerichtssekretär in Begleitung eines Exekutivbeamten in.Ebersheim ein und verhaftete im Austrage der Königlichen Staatsanwaltschaft den des Mordes beschuldigten Hofbesitzer Wichard. Ein Erdbeben vermag kaum die Bestürzung hervorzurufen, wie dies Ereignis. Wo zwei Leute! im Dorfe zusammentrafen, sprachen sie von nichts anderem als -von der plötzlichen Verhaftung des reichen Ackermannes. Viele besonders Scharfsichtige wollten natürlich das ganze Geheimnis „geahnt" haben, denn sie hätten es dem Wichard „längst angesehen", daß er den Förster erschoffen habe. Und solch'- sinnloses- Geschwätz fand auch seine Anhänger. ' Die arme Marie wurde allgemein und aufrichtig bedauert. Die Nachbarn erboten sich gern, die Herbstbestellung des Ackers übernehmen zu wollen, und sie taten dies in uneigennütziger Weise. Die Unglückliche klagte auch nicht und schien gefaßt; doch wer die früher, so Heitere gekannt hatte, dem entging es nicht, . daß sie so furchtbar litt. Die frischrote Farbe , ihres Gesichtes schwand von Tag zu Tag, und oft saß sie bis: spät in die Nacht hinein in ihrem Kämmerlein und weinte bitterlich. - Wichard hatte reumütig.ein offenes Geständnis abgelegt. Demnach-mußte das nächste Schwurgericht über die Sache verhandeln, weil die Fragevon den Geschworenen zu beantworten war, ob es sich hier um Totschlag.-oder fahrlässige Tötung handele. Die Aussage, der Aerzte brachte eine geteilte Ansicht zutage. Einige der Sachverständigen stellten die Behauptung aus, die Kugeln seien in gerader Linie in den Körper des Försters eingeschlagen; andere hielten es für wahrscheinlich, daß die Schroten aus der zur Abwehr erhobenen Flinte zufällig beim unvorhergesehenen Losgehen des Gewehrs in den Körper des Waldwärters gedrungen wären. Im ersten Falle, wenn also der Angeklagte auf den Beamten angelegt und geschossen habe, verlangte das Gesetz das Leben des Mörders als Sühne; doch hatte der mitleidige Untersuchungsrichter dem Zerknirschten den Trost gegeben, daß die Geschworenen bei Lage der Dinge wohl ihr Verdikt auf „fahrlässige Tötung" abgeben würden. Dem Verhafteten wäre die Todesstrafe keineswegs unwillkommen gewesen; aber dann tauchten wieder die Bilder seines abgehärmten Weibes und der kleinen unschuldigen Kinder, die gewiß tagtäglich nach dem Vater, fragten, in ihm auf. und oft mußte der Gefangenwärter den geistig halb Abwesenden zwei-, dreimal anrufen, wenn er ihm die mehr wie einfache Kost vorsetzte. ' So war der Termin zur öffentlichen Verhandlung herangenaht. Die Natur lag im starren Winterschlafes Tiefer Schnee bedeckte Feld und Flur. Das baldige Weihnachtsfest brachte neues .Geschäftsleben in die sonst, so stille Zeit, und in den Gasthäusern der Stadt herrschte patriotischer Jubel, über die Heldentaten der. deutschen Armee. Fast jeder Tag - hatte wichtige und für uns günstige Nachrichten aus Frankreich durch den Telegraphen gebracht.; -iAllmählich - füllte sich der Sitzungssaal des. Schwurgerichts. Der Präsident mit den Richtern hatte aus erhöhtem. Sitze

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