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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-01 · Heft 35 (1.9.1905) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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wirb es Euch' inzwischen 'gemeldet haben, ' daßobgleich ich diesen Unglückszug Berlin—Görlitz benutzte, ich doch völlig unversehrt geblieben bin/ ''aber welchem Umstande ich inein Leben danke/ das sollet Ihr jetzt erfahren. Nun, meine Lieben, - nur der Tatsache, daß ich nicht als der reiche Mann zurückgekehrt bin/ wie Ihr esl glaubet und ich selbst es erhofft: Bei der Euch damals angedeuteten Spekulation habe ich all' mein Erworbenes verloren und mir durch Verkauf des Geschäftes usw. nur nochdas nötigste zur Rückkehr zu Euch verschaffen können. Wie habe ich geklagt, als mein Vermögen wie Spreu im Winde zerstob, nachdem ich gehofft, hatte. Euch Anteil an den Früchten meines Erfolges nehmen zu kaffen, — und jetzt, jetzt juble ich — und zittre zugleich Ihr glaubet kaum, wie die fürchterlichen Eindrücke dieser Schreckensstunden bei Spremberg noch in mir nachwirken, — so nahe demTode gewesen und dennoch heil und gesund. Welch grausig erschüttender Anblick, seine Reisegenossen, die gleich uns selbst frohgemut die Reise begonnen, starr und tot zwischen geborstenen Eisenteilen liegen zu sehen! Und ich wäre unter ihnen gewesen, käme ich wirklich als der reiche Mann zurück, der ich vor kurzem noch . gewesen; — denn E die so tragisch aus dem Leben Geschiedenen waren Passagiere der I. und II. Klasse, die ich mir, — dem Himmel sei Dank — nun nicht mehr leisten konnte. Unser Waggon III. Abteilung war der erste, welcher vom Zusammenstoßnicht betroffen worden. Und so danke ich dem Allgütigen, daß . er mich in seiner weisen Huld zum armen Manne gemacht und mich Euch, Ihr Guten, erhalten hat. Ich freue mich nun doppelt meines Daseins, nachdem es mir wiedergeschenkt worden, und mir die traurigen Erfahrungen die Kraft zu einem neuen Leben gegeben haben. Es ist wahr.: Je höheres Lehrgeld wir in der Schule des Lebens zahlten, desto wertvoller ist das Erlernte! — . < Ich bin jetzt bei Schwester Gretchen in Görlitz. Sie läßt herzlich grüßen. — Und übermorgen darf ich Euch, Ihr Lieben, in meine Arme schließen! Habet Dank, daß Ihr das Gewesene aus Eurer Erinnerung streichen und mir wieder die liebevollen Berater von einstmals seien wollt. . - Ein glückliches, durch nichts getrübtes Wiedersehen wünscht Euch Euer liebender Sohn. Der alte Lolrnkrsn?. Eine altmärkische Dorfgeschichte von Hermann Robolsky. ^1. H^ochen waren darüber verstrichen. Auf dem Wichardschen Hofe ging alles seinen ruhigen Gang. Erdmann arbeitete, wenn er Lust dazu, hatte, und wo nicht, so sagte ihm der Hofbesitzer auch nichts. An dem. Hausherrn war eine auffallende Veränderung vorgegangen. Der sonst' so heitere Mann, dem sein Glück aus den Augen strahlte, war ernst und selbst mürrisch geworden. Er, der sonst so lebensfroh war, mied jede Gesellschaft und suchte die Einsamkeit; ja selbst die Zärtlichkeit seiner um ihn besorgten-Frau vermochte ihn kaum für einige Augenblicke aufzuheitern: Dabei führ der Unwirsche häufig verstört auf, sobald irgend eine Frage an ihn gerichtet ward, und oft gab er die verdrehtesten Antworten. Marie kümmerte sich sehr um ihren Gatten und forschte ängstlich nach'der! Ursache seines Trübsinns; aber auf alle ihre Fragen erhielt sie nur ausweichende Antworten: Widerwärtigkeiten mit'dem'Gesinde, schlechte Zeiten^-„beunruhige -Dich nicht, liebes Weib! Es wird schon anders werden." — Dabei ruhte aber oft seinBlick aufdemsanftenWesenmit einem so schmerzlichen Ausdrucke, der -feine beruhigenden Versicherungen Lügen strafte. Die Gattin, verdoppelte ihre Zärtlichkeiten gegen den Unstäten. Er duldete sie wohl, erwiderte sie indessen, nicht und atmete förmlich auf, wenn er wieder allein war. Nur 'mit dem verhaßten Onkel-tat der ganz Veränderte freundlich; er nahm ihn sogar nicht selten mit in den Dorfkrug und bezahlte des Trinkers Zeche ohne Murren, selbst wenn-sie noch so hoch war. ' ' Die arme Frau härmte sich sehr um ihren Mann. „Sollte er Deiner überdrüssig sein?" hatte sie sich oft im Stillen gefragt/ Aber das war ja bei dem biederen Charakter Wichärds nicht denkbar, und nie kam-ein hartes Wort, das ihr hätte gelten sollen, über seine Lippen. . . - Oder . war der alte Soldat in dem Mürrischen wach geworden und tat es ihm leid, daß die Reklamation ihn von der Einziehung zur Armee befreit hatte, jetzt, wo Deutschlands Söhne in Frankreich von Sieg zu Sieg geeilt und der Kaiser Napoleon vor kurzem sich dem Könige won Preußen gefangen gegeben? Solche Fragen quälten das unglückliche Weib, und oft verrichtete sie unter stillen Tränen ihre -Arbeiten in Haus und Hof. - Mit dem den Frauen in solchen Dingen eigenen Scharfblick merkte Marie bald heraus, daß der rote Erdmaün zum mindesten einen Teil der Schuld an der Veränderung ihres Mannes haben mußte. — Obwohl der Geduldete sie mit einer beispiellosen Aufmerksamkeit behandelte, obgleich eralles tät, was er der kleinen Nichte an den'Augen absehen konnte, verabscheute sie den gleißnerischen Menschen aus das Höchste.' Am liebsten sah sie es, wenn er den ganzen Tag auf dem Felde zu tun hätte und erst spät heimkam. : - Es mochte wieder jährig sein, als Gustav und Marie zum Ehebunde einander die Hände gereicht. Herbstlich strich der Wind über die Stoppeln; die Felder sahen größtenteils - öde und leer aus; überall auf den Höfen klapperten im Takte die Dreschflegel, während schwer mit Säcken beladene Wagen, die der Stadt zusuhren, Zeugnis davon gaben, wie reichlich der Korngewinnst in der letzten Ernte ausgefallen war. Auch Wichard weilte in der Stadt, umblankes Geld für seiner Felder Segen bei dem Kaufmann einzuwechseln. Marie hantierte in der Stube mit gefüllten Milchsatten umher und schüttete den gewonnenen Rahm in einen größeren Behälter, von dem aus die saubere Sahne in das Butterfaß befördert. wurde. Erdmann war in das Zimmer getreten. Diensteifrig und unaufgefordert stellte er sich an das abmühende Ziehinstrument — das Butterfaß, an dem er sofort mit der ihm bekannten Manipulation begann. Die Hofwirtin beachtete den Verhaßten kaum, ließ ihn aber gewähren. Als Marie sich dann vergeblich abmühte, ein ziemlich hoch im Schranke stehendes Geschirr herabzulangen, sprang der Rote hinzu, reichte der sieißigen Frau den Napf hin und legteehe sie sich dessen versah, seinen Arm um ihre Taille. „Was soll das?" wies die Verwunderte den Unverschämten energisch zurück: „Ich verbitte mir solche Zudringlichkeiten ein für allemal'! — Geh nur nach der Scheune! Ich will meine Arbeit hier schon allein verrichten." Erdmänn ging aber nicht. „Und' wenn es mein Leben kostet," preßte er mit gedämpfter Stim me hervor-;',-ich ertrage die Qual nicht mehr! — Du hast mir-s mit Deinen''Augen

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