Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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und gerettet. .7. - , Eine wahre Geschichte in Briefen - . von Clara Bäumbach:. - Newyork, den 15. Oktober 1902. Meine lieben Eltern! . Z^ine harte Zeit der Entbehrung, der Reue und Buße ist vergangen, seit ich mein' Vaterland und Euch, meine Teuren, verließ. Und in all diesen schweren, qualvollen Tagen, die ich hier in.Newyork verlebt habe, hielt nur der Gedanke an Euch, und der Wunsch zu sühnen, mich aufrecht. Gutes wollte ' ich tun, Menschen erfreuen, — bessern, helfen, da wo es not tat. Aber um das — in ausgedehntem Maße — zu können, mußte ich materiell etwas erreichen und das ist hier, wie allerwärts, nicht leicht. , Im Gegenteil, in Amerika — besonders in der ersten Zeit — fast noch schwerer, wo dem Eingewanderten, sofern er nicht mit Empfehlungen versehen ist, die einträglichen Positionen so gut wie verschlossen sind. Ihr erlasset mir wohl, Euch die kümmerlichen Zwischenstufen als Hausknecht, Kellner, Gläserspüler usw. zu schildern und die Erniedrigung, welche derartige Posten für einen gebildeten Menschen bedeuten. Und dennoch — wie gering wog dies alles gegen die seelische Qual, die mich zuweilen zu erdrücken schien. „Du hast einen Menschen getötet", — das war bei all meinem Tun und Treiben der ewige Begleitrefrain, der mich gleich einem dumpfen Klagelied zur späten Nacht in Schlummer sinken und am dämmernden Morgen mit Posaunenklängen aus wirren Träumen ausschrecken ließ. Und dann suchte ich mich in harter Arbeit zu betäuben, — ich wollte, mußte etwas erreichen, — Eure Verzeihung erlangen — und selbst vergessen können. Vergessen! Werde ich es jemals? — Eure Milde und Nachsicht, Euer großmütiges Verzeihen für die Euch bereiteten, schweren Kümmernisse hoffe ich mir wiederzuerwerben, aber — werde ich selbst jemals Ruhe finden? — Und dann sage ich mir Hunderttausendmal: „Du konntest als Jude nicht anders handeln, durftest die aus Rassenhaß hervorgegangene Beleidigung deines Studiengenossen nicht ruhig hinnehmen und mußtest deinen Feind vor die Pistole fordern, wenn dich die Zeugen des Skandals nicht der jüdischen Feigheit zeihen sollten. Einmal dem Gegner, jenen: wütenden Antisemiten und geübten Pistolenschützen gegenüber, da war: es einfach Selbsterhaltungstrieb, nicht nur ein Loch an hier Luft zu schießen!" — Und dennoch — er war ein Mensch. Wohl niemals im Leben werde ich diesen letzten, brechenden Blick, noch voll von Rachedurst und doch so schwerer Anklage für mich — seinen Mörder — vergessen können. Und dann: die wahnsinnige Verzweiflung seiner Braut, der alten Eltern. Lynchen wollten sie mich in blinder Raserei, — auf der-Stelle Vergeltung üben. — Der Pöbel nahm sich ihrer Sache an. Hier konnte er doch mal mit Berechtigung schreien: Ein Christ ist von der Hand eines Juden gemordet Wörden! ---Steinigt ihn, — kreuzigt ihn!" -— Und dann,kam das schwerste: 'der nächtliche Ueberfall der rohen Horde, wowir der 'Gewalt weichen, durchs Hintertüren aus dem eigenen Besitztum fliehen, die Fabrik im Stich lassen mußten, nur um das nackte Leben zu retten!: In eilendem Laufe 'erreichten wir die Station. In derselben Nacht -führet. Ihr, meine Teuren, - mit den Aermsten zusammen, nach Wien, — und ich nach Hamburg. Denn hätte ich meine Verurteilung erwarten' wollen, wie das selbstverständlich meine- Absicht gewesen, so würde ich, dank der IrefUHen Organisation russischer Zustände, diesen Zeitpunkt nicht mehr erlebt haben. .; Verzeihet, daß ich Euch diese Schreckensbilder nochmals vor Augen führte! Aber all' was Furchtbare, mit dem ich einen ständigen Kampf führe, um die Erinnerung gewaltsam zu unterdrücken,. — stand nun wieder mit so grausamer Deutlichkeit vor meinen Blicken, daß ich es einmal niederschreiben - mußte, um dessen alsdann vielleicht eher Herr zu werden. Ich darf Euch nicht fragen, ob Ihr in Wien eine Existenz gefunden und nun wieder sorglos lebet, — nachdem Ihr durch meine Schuld arm und brotlos geworden, — aber ich erhoffe, ersehne es in qualvollem Wunsche! — Gott sei mit Euch. Eure Nachrichten zu erbitten ' wage ich nicht, aber einstmals kommt wohl der Tag, wo 'Ihr mich wieder Euren Sohn nennen werdet. , - , In steter Dankbarkeit ....... . Euer Emil. ' Newyork, den 10. April 1905. Verehrter Vater, gute Mutter! Grüße von Euch! Ein Festtag ist es, der sie mir brachte! Kuczynski mußte mir stundenlang erzählen, wie Ihr ausschaut und wie es Euch geht. Ich bin unbeschreiblichglüMich, ' Gutes zu hören. „Vielleicht-sehen Sie unsren Sohn in Newyork, dann grüßen Sie ihn von uns," hast Du, mein Mütterchen gesagt, — und er sah ihn, als er kaum einige Tage hier war. Wie ich höre, hat auch ihn die judenfeindliche Haltung der Bevölkerung aus Rußland vertrieben; schade.. daß er in Wien keine passende Position gefunden, denn hier muß sich nun der Aermste in einem Restaurant, wo auch ich „meine Laufbahn begonnen", als Kellner tüchtig abplagen. Aber ist es hier auch schwerer wie in Europa, eine geeignete Stellung zu finden, so führen dennoch „drüben" und besonders " in Rußland nur selten Tatkraft und Energie so schnell zum Erfolge, wie hier im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Denn hier gilt noch der Mensch, ganz gleich welcher Konfession er angehören möge, -und dieses demokratische, allen Sentimentalitäten ferne Land hat mich vor Mir selbst und meinen schon halb zum Wahnsinn führenden Grübeleien - gerettet. Ich wollte nicht denken, — nur erringen, erwerben.; Und ich habe, mich durchzusetzen gewußt und bin heute — ich darf es wohtz sagen — aus dem besten Wege, ein wohlhabender Mann zu werden. Nun sendet Ihr mir Grüße! Eure Nach- ' sicht und Güte wendet sich mir wieder zu. — Jetzt kenne ich nur den einen Wunsch: Euch.wiederzusehen, bald in meine ' Arme schließen zu dürfen. Nur noch ein größerer GeschäftsabsHW, der mein Erübrigtes hoffentlich nach oben hin hübsch abrundet, soll abgewartet werden, dann verkaufe ich hier alles, und kehre zu Euch zurück. - Die Sehnsucht läßt mich nicht , ruhen. — Du, lieber Vater, wirst dann hoffentlich in Deinem " Geschäfte, das ja erfreulicherweise so schnell einen großen Umfang angenommen hat, eine Anstellung für mich haben: Ich bin nämlich jetzt mit Leib und Seele Kaufmann, da mir " im Lande des Handels, und eisernen Erwerbfleißesder Glaube, daß. die Akademiker „erstklassige Menschen" seien, verloren gegangen ist. . ' - . . Nehmet in. Gnaden bei Euch auf Euren getreuen Sohn/ Görlitz, den 7. August 1905. Teure Eltern! ’ " Was ich Euch eigentlich erst in den nächsten Tagen von Aug' zu Auge beichten wollte, das diktiert mir die große Erregung des heutigen Tages in die Feder. Mein Telegramm ,\.-ß . Lz 4 nJ