Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
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in Anspruch nehmen sollte,oder nicht. Jcl,, die Ausstreuungen reaktionärer Kreise in .Petersburg, gehen noch einen Schritt weiter. , Man behauptet, daß seitens der Juden Anstrengungen gemacht würden, um durch die Hergabe von Geld Rußland einen schimpflichen ' Frieden annehmbarer zu-machen und um im selben Augenblick sich in Rußland selbst alsdann. Sondervorteile zu sichern. ,_■■■■■ Demgegenüber muß festgestellt^werden, daß die M aff e der Iuden in Rußland sich mit der Masse des russisch'en V o l k e s solidar i s ch fühlt, und diese Elemente sind politisch reif genug, um die Solidarität nachdrücklich auch in der Oeffentlichkeit zu betonen. Das angesehene jüdische Organ „D e r F r a i n d" in St. Petersburg schreibt bereits in seiner Nmnmer vom 14. d. M.,. daß Sonderbegünstigungen niemals in Frage kommen könnten und daß es sich nicht um Einwirkungen auf diese oder jene Person handeln könne, sondern um die Ersetzung des-jetzigen Systems durch ein anderes: „Ohne Rücksicht darauf, daß Ihr in dem freien Amerika lebt und wir hier in Rußland nur das Wort Freiheit zu hören bekommen, so haben wir dennoch die Vorstellung, die Ihr von uns haben könntet, überlebt .... Hunderttausende des.jüdischen Volkes haben mit dem System des 'Fürbitteneinlegens gebrochen und wollen nicht mehr zu diesem System zurückkehren. Wir haben den gelben Fleck abgelegt; wir haben es satt, „hohe Herren" um etwas zu bitten, und fordern auch von unseren amerikanischen Glaubensgenossen, gleichfalls aus das Bettelngehen zu verzichten. Nur durch Kamps gelangt man zum Recht. Unsere Rechte fordern wir, aber wir bitten nicht mehr. Was wir fordern, weist Julius Witte ganz genau. Er war Vorsitzender des Minister-Komitees und hat als solcher Hunderte von Memoranden gelesen, in denen die jüdische Bevölkerung ihm offen, stolz und selbstbewußt alles deutlich gesagt hat, viel ^deutlicher und besser als.Ihr Amerikaner es zu sagen imstande seid. Nicht bitten, sondern fordern und mahnen soll man, und das können nur wir allein tun, die eben ^zu fordern haben. Ändere Leute und selbst wenn es unsere nahen Blutsverwandten sind, können diese Aufgabe unmöglich für uns aus sich nehmen. Ob Julius Witte aber den guten Willen hat, unsere Forderungen zu erfüllen, wissen wir nicht und können wir nicht wissen. Aber selbst beim 'besten Willen hat dieser Mann nicht die Macht dazu. Denn es handelt sich nicht um persönliche Wünsche, sondern, um die Aenderuug eines ganzen Systems. Diejenigen aber, welche die Macht haben, dieses System zu ändern, wollen es nicht tun. Wir betteln nicht mehr und verbieten auch anderen, es für uns oder gar in unserem Namen zu tun." Man beurteile nach dieser Probe, ob die russischen Juden für die Emanzipation reif sind oder nicht! In England folgte "man nicht ohne Herzklopfen den Verhandlungen der jüdischen Bänkfirmen in Portsmouth mit Herrn Witte. Die Daily Expreß schreibt dazu: „Was immer für eine Summe Rußland zu borgen für Nötig halten sollte zur Finanzierung seiner Friedensaxrangemeyts, würde ihm nicht aus einmal geliehen werden. Wahrscheinlich werden zwei Anleihen gemacht werden, die eine für die Bezahlung der Kriegsschulden und die andere für innere Angelegenheiten. Jede dieser Anleihen wird auf 50 Jahre befristet. Die Bedingungen werden liberal sein. Die betreffenden Bankiers wollen den Russen keine harten Bedingungen auferlegen, vorausgesetzt, daß die im Reiche des Zaren lebenden sechs oder sieben Millionen Juden menschlich behandelt werden. Die auf den Finanzplan sich beziehenden Abkommen wurden bereits vor einigen Monaten von dem' unterdessen verstorbenen Baron Alfons Rothschild in Paris getroffen. Es wird ganz bestimmt behauptet, Rußland habe sich mit gewissen jüdischen Bankhäusern mit Bezug auf eine Friedensanleihe bereits in Verbindung gesetzt, bevor Roosevelt intervenierte (? soll doch heißen: die Friedenskonferenz, anregte.) Diese Häuser hatten sich aber früher geweigerten russischen Kriegsanleihen teilzunehmen, dann aber erklärten die Bankiers. sich bereit, eine? Anleihe abzuschließen-- aber nur unterder Bedingung, daß Rußland gewisse Zugeständnisse-machen müsse in bezug auf eine menschliche Behandlmrg seiner -jüdischen Untertanen." . .Selbstverständlich ist das alles nur in der englischen Phantasie vorhanden. - ' Drokellar Bv. Georg Ushrr. - Paris, im August 1905. . ier ist am 12. v. Mts. nach kurzer Krankheit ein Mann gestorben, der es wohl verdient, daß seiner an dieser Stelle in Ehren gedacht wird, nämlich der Professor der Rechte Dr. Georg Asher. Zunächst, was das wichtigste ist: Georg Asher ist als Jude geboren, hat als Jude gelebt und gelitten, ist als Jude gestorben und nach jüdischem Ritus auf dem Friedhofe St. Ouen in Paris, wo Christen und Juden friedlich nebeneinander ruhen, beerdigt worden. Die Biographie dieses Mannes ist eine recht interessante. Georg Michael Asher wurde 1827 in St. Petersburg geboren. Infolge einer Judenverfolgung unter Kaiser Paul" mußten seine Eltern aus Rußland flüchten und zogen nach Berlin — nachdem sein Vater, der ursprünglich Kaufmann, in London, dann Diamantenhändler war und dem der Aufenthalt in Petersburg, ja die Stelle eines kaiserlichen Bibliothekars für den . Fall angeboten worden war, daß er zum Christentum übertrete, es abgelehnt hatte, um diesen Preis in Rußland zu bleiben. Adolf Asher, der bekannte Hebräist und Verlagsbuchhändler, Begründer der Firma A. Asher & Comp, in Berlin, dessen Name in der jüdischen Literatur durch die vorzügliche Ausgabe des Benjamin von 'Tudela einen guten Klang hat, wurde von der Bücherliebhaberei her zum Buchhandel geführt. Ein Schüler des Grauen Klosters und im Besitze einer nicht gewöhnlichen Bildung, erwarb er sich so umfangreiche und gründliche bibliographische Kenntnisse, daß er auch in Fachkreisen in hoher Schätzung, stand. Ein Zeichen dafür ist, daß ihn das Britische Museum und die Bodlejanische Bibliothek in Oxford damit betrauten, für ihre Sammlungen auf dem Kontinent die Ankäufe zu machen. Asher war in allen größeren europäischen Bibliotheken heimisch. Sein besonderes Verdienst ist, den Bücherverkehr zwischen England und Deutschland organisiert zu haben, wie er auch sonst ganz allgemein den internationalen Buchhandel wesentlich gefördert hat. Auch die Neigung seines Sohnes gehörte von Jugend aus der Wissenschaft. Auch er sollte Buchhändler werden, und mußte, um dieses Fach gründlich praktisch zu erlernen, zunächst als Setzer in einer Druckerei und dann in einer Buchhandlung als Gehilfe arbeiten. Ohne Lehrer lernte er nun aber lateinisch und griechisch, machte als Extraneus das Abiturientenexamen und widmete sich an den Universitäten Berlin und Heidelberg historischen und rechtswissenschaftlichen Studien. 1863 wurde v Asher in Heidelberg Privatdozent für römisches Recht und erhielt nach einigen Jahren den Profesfortitel. 1870/71 machte er — bereits Professor — als freiwilliger Krankenpfleger den Krieg gegen Frankreich mit, und widmete sich speziell der Aufgabe, auf den Schlachtfeldern und in Lazaretten Sterbenden und Schwerverwundeten, die selbst nicht'mehr schreiben konnten — Deutschen wie Franzosen — Briefe an ihre Angehörigen zu schreiben. : Nach dem Kriege nahm Asher feine Lehrtätigkeit in Heidelberg nicht mehr . auf. Der Einladung einer einflußreichen russischen Persönlichkeit folgend, begab er sich nach Petersburg und von da nach Samara und Saratow und