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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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der größere Verband zur Aufgabe gestellt hat. Man hatte die Wahrnehmung gemacht, daß die großen Verbände im Judentum nicht imstande sind, die Schäden abzustellen, die in den kleinen und kleinsten Landgemeinden, vor allem in den abgelegenen ländlichen Distrikten vorhanden sind, und dort helfend einzugreifen. Die Logen des U. O. B. B. haben sich mit diesen Fragen bereits eingehend befaßt und teilweise anerkennenswert betätigt. Nichtsdestoweniger harrt noch ein tüchtiges Stück Arbeit seiner Lösung. Wir sind, so schreibt man uns hierzu von mitwirkender Seite, mit ernsten Gedanken und mit dem klaren Bewußtsein der zu überwindenden Schwierigkeiten an diese Aufgabe herangetreten, aber mit dem festen Vertrauen, daß unsere selbstlose, zielbewußte Arbeit Entgegenkommen bei allen beteiligten Kreisen finden wird. Wir sind uns aber auch vollkommen klar darüber, daß mit der Organisation des Judentums von unten heraus begonnen werden muß, daß, wenn wir nicht diese Kulturarbeit getan haben, uns alle Verbände nichts nützen können. Diese von uns gedachte Arbeit in den kleinsten Gemeinden muß vorerst systematisch und konsequent vollzogen werden. Unser Programm haben wir in folgenden Leitsätzen niedergelegt.- Der Verband bezweckt vorzugsweise: 1. Austausch von Erfahrungen im Gemeindeleben; 2. Bestehende Mißstände in kleinen Gemeinden zu beseitigen und Differenzen zu schlichten; 3. das Gemeindeleben zu organisieren; 4. Pflege und Förderung des Religionsunterrichtes; 5. Heranziehung der Jugend zu anderen Erwerbszweigen als zum Viehhandel; 6. Hebung geistiger Kultur. Politische Fragen sind von der Verhandlung ausgeschlossen. Es ist eine Kulturarbeit, die vollzogen werden soll und muß. die weder der D. I. G. B.. noch der Provinzialverband allein zu lösen imstande ist. Aber diese Kleinarbeit muß zunächst getan werden, bevor die großen Verbände das zu leisten vermögen, was sie sollen: Organisation des Judentums, wie sie vorbildlich z. B. in Baden vorhanden ist. Zum Verständnis für solche Aufgaben muß aber die große Masse der Juden in den kleinen Gemeinden erst erzogen werden. Nur wer sich eingehend mit dieser Frage beschäftigt, ist imstande, solche Verhältnisse genügend zu beurteilen und zu werten. Darum darf der Verband auf eine tatkräftige Unterstützung seiner Bestrebungen seitens aller beteiligten Kreise hoffen. ji. Frankfurt a. M., 21. August. Wie alljährlich gewährt auch diesmal der Bericht über die Tätigkeit des „Deutsch-Israelitisch en Kinderheims" in Diez im Jahre 1904 ein erfreuliches Bild des Aufschwungs. . Die Anzahl der Zöglinge, die sämtlich die Volksschule in Diez besuchten, betrug 41, von denen Preußen 20 angehören, die sich folgendermaßen auf die einzelnen Provinzen verteilen: Rheinprovinz 4, Hessen-Nassau, Brandenburg, Sachsen, Westpreußen je 3 Schleswig-Holstein 2, Hannover und Posen je 1. Aus den^ übrigen Ländern des Reiches gehören Sachsen 6, Bayern 5, Hessen-Darmstadt 3, Elsaß-Lothringen 3, Sachsen-Weimar, Hamburg, Lübeck, Bremen je 1 an. Zu Ostern dieses Jahres verließen 3 Zöglinge die Anstalt, von denen einer zu einem Sattlermeister in die Lehre trat, zwei in den Kaufmannsstand übergingen. Den Religionsunterricht empfangen die Kinder in der Anstalt; zeitweilige Revisionen dienen dazu, Leistungen und Fortschritt zu überwachen. Der, Handfertigkeitsunterricht, an dem 25 Zöglinge teilnahmen, findet innerhalb der Anstalt vor wie nach seine Pflege und liefert schöne Resultate. Zu den Kaddischstiftungen sind seit dem letzten Berichte zwei hinzugekommen, und zwar von Frau Bertha Levita für ihren verstorbenen Mann Sakky Levita sel. in Diez und von Frau Witwe Heymann- Limburg für ihre Schwägerin Fräulein Henriette Heymann sel. in Limburg. Besonderer Dank gebührt dem jüdischen Handwerkerverein in Frankfurt a. M., der den Vorstand öfters bei Unterbringung entlassener Zöglinge ratend und unterstützend zur Seite stand, wie auch denjenigen deutschen Logen der Bnei-Bris, die, sobald der Vorstand mit Wünschen an sie herangetreten, dessen Zwecke gefördert haben. Der Bericht gedenkt auch eines Mannes, der seit der Gründung der Anstalt ein eifriger Förderer derselben war, und der im achtzigsten Lebensjahre im Januar d. Js. aus der Welt geschieden ist. Es ist Herr "Jsaac Lamm s. A. in Erfurt. Er war eifrig tätig für die Anstalt, er wußte Freunde ihr zu gewinnen und zu Geldbeiträgen zu veranlassen. Die Verwaltung des „Deutsch-Israelitischen Kinderheim" besteht ans folgenden Herren: M. Apelt-Halle, Herm. Cramer- Frankfurt a. M., Louis Feist (Fa.: Beer, Sondheimer & Co.), Frankfurt a. M., Jul. Goldschmidt (Fä.: I. & S. Goldschmidt), Frankfurt a. M., Bankdirektor Carl Herzberg-Franksurt a. M., Rechtsanwalt Dr. H. Gottschalk-Leipzig, Aron Hirsch (Fa.: Aron Hirsch & Sohn), Berlin, L. Mainz-Frankfurt a. M., Jnstizrat Memelsdorf-Limburg, Leop. Rosenthal-Diez. Pros. Dr. 2U Sulzbach-Frankfurt a. M. GesterreiH-Llnsarn. □ Wien, 21. August. Der Geburtstag des Kaisers war wieder ein Fest für das schwergeprüfte Oesterreich. Und daß die Juden aller Kronländer dies Fest in freudiger Verehrung des greisen Monarchen feierten, können Sie sich wohl denken. Wie hoch auch die Wogen der antisemitischen Bewegung gingen — und man weiß, daß diese selbst in der kaisexlichen Familie ihre einflußreiche Protektion hat! bis an die Stufen des Thrones vermochte sie nicht zu gelangen. Jetzt in den letzten Tagen hat Kaiser Franz Joseph wieder einen neuen Beweis seiner vorurteilsfreien Gesinnung gegeben, durch die von mir bereits früher avisierte und nun vollzogene Berufung des Präsidenten der Reichenberger Handelskammer Alois Neumann ins Herrenhaus. Derselbe hat sich bei der Vorbereitung des Handelsvertrages mit Deutschland hervorragend betätigt. Alois Neumann wurde am 16. August 1852 in Jungbunzlaü geboren. Seine Jugend verlebte er in Grünwald, wo sein Vater unter der Firma S. S. Neumann eine Manufakturwarenhandlung betrieb. Das Geschäft übersiedelte später nach Gablonz und 1868 nach Reichenberg, wo das Unternehmen, das mittlerweile in eine Wollwarenfabrik umgewandeli worden war, sich rasch zu einem der angesehensten und größten Etablissements der Textilindustrie entwickelte und in dessen Leitung sich Herr Alois Neumann mit seinen Brüdern, den Herren Karl und Dr. Rudolf Neumann teilte. Alois Neumänn nimmt unter den Industriellen des Reichenberger Handelskammerbezirks eine hochangesehene Stellung ein. Er gehört seit dem Jahre 1885 der Reichenberger Handels- und Gewerbekammer als Mitglied an. wurde im Jahre 1891 zum Vizepräsidenten und im Jahre 1895 zum Präsidenten dieser Körperschaft gewählt, welche Stelle er seither, stets einstimmig wiedergewählt, zum besten der nordböhmischen Industrie und des Gewerbestandes bekleidet. Neumann, der ein gründlicher Kenner der industriellen Verhältnisse der Monarchie ist, hat bei der Vorbereitung über den Zolltarif und über die Handelsverträge mitgewirkt und sich um die Errichtung eines Gewerbeförderungsinstitutes, wie an der würdigen Beteiligung der österreichischen Industrie auf der Weltausstellung in Paris 1900 besondere Verdienste erworben. Diese Verdienste wurden im Jndustrierate von Em. R. v. Proskowetz 1903 durch eine überaus schmeichelhafte Dankesrede anerkannt und Neumann von einer Reihe von Handelskammern zum Ehrenmitglieds ernannt. Im August 1898 wurde ihm der Orden der Eisernen Krone dritter Klasse, im Jahre 1901 das Komthurkreuz des Franz Joseph-Ordens und im Jahre 1904 der Stern hierzu verliehen. Wetzten. g. Brüssel, 15. August. Die Nachricht vom Tode des Professors Leo Errera, der am 6. d. M. hier im 47. Lebensjahre verstorben, haben Sie bereits gebracht. Leo Errera stammte aus der bekannten altangesehenen Familie. Er war Botaniker von Beruf und hat sich in seiner Wissenschaft einen angesehenen Namen erworben. Für das nächste Studienjahr wurde er zum Rektor der Universität gewählt; außerdem war er Mitglied der Akademie der Wissenschaften- Seine innige Liebe zu seinen Glaubensgenossen führte ihn zur Zeit der Judenhetzen in Rumänien in die Arena des Kampfes. Sein Buch über die Lage der Juden in Rußland, dessen deutsche Uebersetzung Theodor Mommsen mit einer Vorrede begleitet hat, ist ein flammender Protest gegen das Moskowitertum. Die Beerdigung des hochan-; gesehenen und beliebten Mannes fand am 8. d. M. unter zahlreicher Beteiligung weiter Kreise statt. Zahlreiche Reden wurden am Grabe gehalten, die die Verdienste Erreras nach allen Richtungen seiner Tätigkeit würdigten. Es sprachen Chev. Marchart für die Akademie, Vantyier für die Universität, Reichler für die Fakultät, der der Verstorbene angehörte, Durand, Direktor des Botanischen Gartens und verschiedene andere. Am Grabe hielt der Großrabbiner von Brüssel, Armand Bloch, die Leichenrede. Das Andenken des in der Blüte der Jahre dahingeschiedenen Gelehrten wird in dem Kreise, den er durch sein Wissen und seinem Charakter ausgesüllt, sortleben.

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