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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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69. J ahrgang. No. 34. Berlin, 25. Aiigust 1905. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums KorrrlpondenM und Kschrichten. Deutschland. s. Berlin, 21. August. Ueber die Judentaufen in Preußen werden durch das „Kirchliche Gesetz- und Verordnungsblatt" des evangelischen Liberkirchenrats jetzt authentische Ziffern veröffentlicht, die aber nur unerheblich von denen abweichen, die nach anderweitigen statistischen Ermittlungen bisher bekannt geworden sind. Diese Ziffern lauten : im cvnfirp; Uebertritte zum Judentum im ^ayre 3ltr Landeskirche Uebertritte 1889 . 54 - 19 1890 50 10 1891 57 7 1892 74 - ■ 5 1893 76 7 1894 120 16 1895 122 5 1896 136 14 1897 157 10 1898 134 11 1899 163 3 1900 .. 170. 10 1901 240 .9 1902 348 ■ 7 1901 . 138 Das Bild, das uns diese Ziffern bieten, ist ein recht unerfreuliches, und zwar hauptsächlich deshalb, weil die Zunahme der Judentaufen mit der Abnahme des Antisemitismus Hand in Hand geht, wie dies von Einsichtigen schon zur.Zeit der Hochflut der antisemitischen Bewegung vorausgesagt wurde, zudem weil die Judentaufen mit den Jahren immer zahlreicher werden. Auch über den Anteil der einzelnen Provinzen geben die Tabellen interessante Aufschlüsse. Voran gehen Brandenburg und Schlesien, d. h. Berlin und Breslau. In Posen mit 50 866 Juden traten nach der Volkszählung von 1900 zur evangelischen Kirche nur 54 während derselben Periode über, während die Provinz Sachsen mit 7343 Juden einen Zuwachs von 79 gehabt hat. Das gesteigerte Verhältnis der Uebertritte zur Gesamtzahl der Juden (304,847 in den älteren Provinzen) brückt sich für die Jahre 1880—1902 durch 1 :1249 jährlich aus; in der Kirchenprovinz Brandenburg sind es . aber . 1 i 645, in Posen dagegen 1:10173. Sß Berlin, 20. August. Wir haben den Fall des jungen Physiologen Dr. Borchert,. der: sich,, weil er nicht als Privatdozent zugelassen wurde, das Leben genommen hat, bereits in der vorigen Woche besprochen. Die Sache hat aber noch ein Nachspiel, penn die Tagesblätter melden folgendes: In den letzten.Tagen wurde die Nachricht verbreitet, Professor Engelmann, der Ordinarius der Physiologie an der hiesigen Universität, sei schwer erkrankt. Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, ist die Nachricht glücklicherweise durchaus unbegründet. Es . handelt sich bei, Professor -Engelmann nur um. eine leichtere Indisposition, die ihn für einige Tage an das Bett fesselte. Jetzt geht es ihm viel besser. Aus den Zustand Engelmanns wirkte ein trauriges Vorkommnis ein. Einer seiner Assistenten Dr. Borchert hatte sich bei der hiesigen medizinischen Fakultät um die Zulassung als Privatdozent beworben. Sein Gesuch war zugleich mit derjenigen einer Reihe anderer Bewerber von der Fakultät abgelehnt worden. .Dies nahm sich Dr. Borchert so zu Herzen, daß er seinem Leben ein Ende machte. Der Tod des jungen Gelehrten ging Prof. Engelmann, der diesen persönlich wie.wissenschaftlich schätzte, sehr zu Herzen, und die daraus entstandene Gemütserregung beeinflußte seinen Zustand schädlich. — Was die Ablehnung Dr. Borcherts seitens der medizinischen Fakultät angeht, so ist gesagt worden, sie fei kurzer Hand erfolgt, weil Dr. Borcherts Gesuch nicht von einem Mitglieds der Fakultät unterstützt worden fei. Die Angabe wiederspricht sich aus den Tatsachen. Für den Kenner der Universitätsverhältnisse liegt ihre innere Unwahrheit offen zutage. Als Assistent an ^einer Universitätsanstalt, an deren Spitze ein ordentlicher Professor steht, konnte sich Dr. Borchert nicht.zur Dozentur melden, ohne sich dxr Zustimmung seines Chefs und damit dessen Förderung versichert zu haben. Dr. Borcherts Ablehnung wird vielmehr zu einem wesentlichen Teil auf die neuerliche Reform der Habilitationsbestimmungen für die Mediziner in Berlin zurückgeführt werden müssen. Dr. Borchert war Jude, und es wird erzählt, daß Geheimrat Engelmann ihn über die Niederlage mit der Versicherung getröstet haben soll, er werde binnen Jahresfrist doch Privatdozent sein. Es war aber leider zu spät. Ein hiesiges Blatt schreibt: „Man glaubt und hört vielfach, daß durch diese neuen Bestimmungen den jüdischen Aerzten die Zulassung zur akademischen Lehrtätigkeit. erschwert werden soll; es sollen einem Teil der Ordinarien zu viel Juden unter den Privatdozenten sein — und wenn man die Verhältnisse an den. Berliner königlichen Instituten näher kennt, so wird man die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit einer solchen Auffassung nicht von der Hand weisen können. Ganz abgesehen davon, daß kein Jude in den letzten Jahren ordentlicher Professor in Preußen geworden ist, findet man z. B. in den Berliner königlichen Kliniken und Instituten nur vereinzelte jüdische Assistenten und diese wieder nur bei einzelnen Professoren, die wegen ihrer Vorurteilslosigkeit in dieser Beziehung ebenso bekannt wie selten sind." Borchert war der Sohn eines Landgerichtsrats, der einige Zeit in Oels amtierte. Des Vaters patriotische Gesinnung war so über alle Zweifel erhaben, daß der Kriegerverein Oels ihn sogar zu seinem Vorsitzenden wählte. Der alte Borchert ist Landwehroffizier, welche Eigenschaft er sich im französischen Kriege erworben hatte. Auch er hätte es sicher noch viel weiter in seiner Karriere gebracht, wenn nicht eben die Zugehörigkeit zum Judentum hinderlich gewesen wäre. Ein Onkel des Verstorbenen war der berühmte Breslauer Botaniker Ferdinand Cohn, dessen Verdienste um die Wissenschaft außerordentliche sind. Der junge Borchert hatte mit 17 Jahren das Reifezeugnis des Gymnasiums undwar mit kaum 22 Jahren praktischer Arzt, gewiß eine nicht alltägliche Leistung. Borchert hatte allerdings nichts vom „praktischen" Arzt an sich. Er lebte'nur ganz seiner Wissenschaft. Wie sein Onkel, der Botaniker Ferdinand Cohn, verlangte es ihn, sein Schaffen selbstlos in den Dienst der Wissenschaft zu stellen. 8. Berlin, 22. August. Der Rabbinatskandidat Dr. Julius Cohen in Berlin und der Obertertianer Karl Glaser in Charlottenburg haben . am 29. Juli v. I. den Studenten der Medizin Georg Fischer aus Charlottenburg und am 11. August v. I. den Rabbinatskandidaten Theodor Pelz aus Berlin vom Tode des Ertrinkens gerettet. Der Regierungspräsident von Potsdam bringt diese Taten lobend zur öffentlichen Kenntnis. Bemerkenswert ist dabei, daß diesmal nicht nur der Mut und die Entschlossenheit, sondern ausdrücklich auch die Selbstverleugnung hervorgehoben wird, von denen die Taten zeugen. 8. Berlin, 18. August. Der verstorbene Rechtsanwalt Georg Poppelauer wurde am 13. d. M. auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee "unter großer Beteiligung beigesetzt. Der Bezirksverein des Köpenicker Stadtviertels, dessen Begründer und Ehrenpräsident der Atadtverordnetenvorsteher Dr. Langerhans ist, gab ihm in großer Zahl das letzte Geleit. Der Vorsitzende des Vereins, Landtagsabgeordneter und Stadtverordneter Leopold Rosenow, legte einen prächtigen Kranz am Sarge nieder. Auch Abordnungen anderer freisinniger Bezirksvereine und Rechtsanwälte nahmen an der Trauerfeier teil. Poppelauer war langjähriger Syndikus des Bezirksvereins des Köpenicker Stadtviertels und ein sehr tätiges Vorstandsmitglied. . LQ Berlin, 20. August. Graf Puck ler hat nun doch keine Revision gegen das ihn verurteilende Glogauer Erkenntnis vom

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