Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 408 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Frau C. Frau P. Frau C. Frau P. Frau C. Frau P. Frau C. Frau P. 'Frau C. Das nicht.' Aber schreien Sie nicht so; was brauchen/ die Leut' dort drüben alles zu hören? 'Nrcht in Posen, aber in Schloppe war er Oberkantor. Und glaubeix Sie mir, er war' auch lieber Amtsgerichtsrat in Schloppe gewesen wie Kantor. : Was sagen nun Ihre Kinder zu der Sache?. Und haben Sie sie überhaupt gefragt? -E Das nicht. Aber sangen Sie mit dem Jungen an! Zum Herbst soll er dienen, hat er schon vorige Woche gesagt: Mama, wenn ich nicht Reserveoffizier werde, schieße ich mir eine Kugel vor den Kopf, Ui^ mein Berthel, wissen Sie, schwärmt schon seit lange für die sixtinische Madonna, und wenn sie einen Christuskopf sieht, ist sie wie verdreht. Schließlich kann sie ja auch, tvenns darauf ankommt, einen Juden heiraten. Wird sie sich nicht von Maybaum trauen lassen. Scheidler kann auch reden. : Ja, liebe Martha, das mag alles sehr richtig sein — aber ethisch ist doch das wahrhaftig nicht! : Das nicht. Aber wissen Sie, der Dr. Krön hat gesagt, das Judentum ist 'n überwundener Standpunkt. Für Schloppe und Mehlsack ist es n' ganz schöne Religion gewesen, aber für Berlin und Königsberg ist es eben überwunden. Was ist da zu machen?. Max ist im Automobilklub und verkehrt mit lauter Sportsleuten und Baronen — mein Mann hat ihm ein Auto gekauft, ich sag' Ihnen, Bteichröder hat kein besseres! Da kann er doch nicht Jude bleiben! Und schließlich, was ist der Unterschied gegen früher? Zur Totenfeier gehe ich jetzt so gut wie früher iy die Synagoge. Und wenn mein Mann wird einmal Lust haben, am Freitag abend Hecht mit Klöße und Barches von Dobrin zu essen, wird ihms die jüdische, Gemeinde auch, nicht verbieten können. Mein Max, wissen Sie, läßt sich für eine gute Apfelkugel reineweg hängen. Und so bleiben wir am Ende für uns noch ganz gute Juden! Nich? Ein merkwürdiges Judentum, das sich auf Hecht und Klöße oder auf Schaletkugel beschränkt! Da verstehe ich noch den Mann besser, der gesagt hat, daß er nichts vom Judentum halte — als die Grünseld< Konzerte! Ist das nicht zum Schießen?. Aber die ganze Sache ist doch am Ende zu wichtig, um sich mit Witzen darüber hinwegzutäuschen. Sagen Sie mir' nur noch das eine: Haben denn Ihre Kinder keinen Religionsunterricht gehabt? Das nicht. Aber Max hat sich ein Attest verschafft, das ihn vom Religionsunterricht dispensierte, weil er zu Hause einen Lehrer hatte. Mit diesem Lehrer aber hat er lieber Billard gespielt. Und Berthel ist sogar konfirmiert worden. Ich sage Ihnen: Ausgesehen hat das Kind — zum Küssen! Ich sehe schon, liebe Freundin, daß wir uns über diesen Punkt nicht verständigen werden. Schade, Sie waren in Ihrer Jugend so fromm — aber das' Berliner Thiergartenmilieu scheint keinen guten Einfluß auf Sie geübt zu haben. Das nicht. Ich bleibe eine Jüdin, solange ich lebe; aber die Kinder lass' ich doch taufen — und zwar, wie ich Ihnen schon zu Anfang gesagt habe, nur aus ethischen Gründen! 6. K. Litersnichr Mjttkilmigrn. . — Aus dem Nachlasse unseres unvergeßlichen Karl Emil Franzos sind im letzten Jahre einige Bände von Novellen und Reiseskizzen erschienen, die uns das Bild des unübertrefflichen Erzählers wieder von neuem vpr das geistige Auge führen,. Ein Band trägt den Titel „Neue Novellen." Er enthält vier Erzählungen: „Die Schlechtesten und. die Besten." — „Ein .Feigling." — „Mathias Zenner." — „Doktor Ripac." Obwohl diese Novellen nicht spezifisch jüdischen Inhalts sind, können sie doch getrost auch an dieser-Stelle allen Lesern auf das wärmste empfohlen werden. Dasselbe gilt von den Reiseskizzen aus dem Nachlasse von Franzos: „Aus den Vogesen". In solchen Reise- und Kulturbildern war der viel zu früh Heimgegangene Dichter geradezu ein Meister wie wenige andere. Er hat es verstanden, Reise- und Kulturbilder, anmutig und geschickt mit einander zu vereinigen und gern vertraut man sich seiner Führung auch durch den Elsaß an. Das Buch enthält folgende Worte als Geleit: „Am 28. Januar hat das Herz zu schlagen aufgehört, das ebenso tief das Leid dieser Welt empfand wie es dankbar ihre Schönheit genoß". Dieses innige Geleitwort, das mit wenigen Worten aber sehr treffend den Dichter charakterisiert, hat ihm seine treue und hingebende Gattin Ottilie Franzos, die bekanntlich unter dem Pseudonym F. Ottmer selbst einige, mit allgemeiner Anerkennung aufgenommene Erzählungen geschrieben hat, mit auf den Weg gegeben. Endlich ist noch die 7. Auflage der Novellen-Sammlung „Die Juden von Barnow"zu nennen. Einer Empfehlung bedarf dieses Werk nicht mehr, es hat seinen Weg bereits gemacht und ist ein klassisches Buch unserer Literatur geworden. Die erste der darin enthaltenen Erzählungen „Das Christusbild" ist im Jahre 1868 ent-, standen. In seiner Geschichte des Erstlingswerkes hat Französ in sehr liebenswürdiger Weise die Entstehung und die Schicksale dieser Novelle geschildert. Nur langsam konnte sich das Buch feinen Weg bahnen, nachdem es aber einmal durchgedrungen, gelangte es zu großem Ansehen nicht nur in der Welt, sondern man kann wohl sagen in der Weltliteratur. Es ist in mehr als 20 Übersetzungen, darunter auch mehreren hebräischen, und im Original, wie gesagt, in sieben Auflagen erschienen. Hoffentlich folgen noch viele Auflagen, Alle diese Bücher sind im Verlage der I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachf. in Stuttgart herausgegeben. Der neuen Auflage des letztgenannten sendet Frau Ottilie Franzos folgende Worte voraus, die niemand ohne tiefe Rührung lesen wird: „Der Funke, den er ins Düster geworfen,- um es lichten zu Helsen, wirkt fort im Strome der Aufklärung als sein unsterblich Teil." Sprechlaal. Geehrter Herr Redakteur! ■JSTVie beiden Artikel in Ihrem werten Blatt über Meyerbeers Mutter Np' geben mir Veranlassung, Ihnen die Fortsetzung des Familien" lebens von Meyerbeer zu berichten. Meyerbeer, der aus so frommem uud gottesfürchtigem Hause stammte, hinterließ drei Kinder, die er kurz nach der Geburt taufeu ließ, während er selbst Jude blieb. Die eine Tochter Cornelie heiratete den sowohl als Menschen wie als Maler sehr geschätzten Gustav Richter. Seine bekanntesten Schöpfungen sind die „Königin Louise" und „Die Erweckung der Tochter Jairüs" wozu die Frau des Künstlers selbst das Modell gab. Die zweite Tochter- Meyerbeers, wenn ich nicht irre Marie, heiratete den seinerzeit als Sälonlöwen bekannten Baron Korff, der später Oberst eines süddeutschen Ulanenregiments war. Diese Zeilen' werden Ihnen zeigen, daß die tiefe Religiosität in der Familie sich nicht lange gehalten hat. — Sic transit. Berlin, im August. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.