Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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407 er auch, es sei.Wohl besser, wenn er den Charakterlo sen möglichst unter den Augen behalte, damit er dessen Geschwätz etwas überwachen könne. Die ungleichen Männer sprachen dann noch länger miteinander, und als sie sich trennten, .schien wirklich aller Hader zwischen ihnen ausgeglichen zu sein. Alle Welt war freilich erstaunt, als es im Dorfe bekannt wurde, daß der rote Erdmann zu seinem Neffen-gezogen sei. Während einige diesen Großmut des Hofbesitzers für nicht angebracht hielten, lobten andere wieder „das gute Herz" des jungen Ehemannes. „Es war doch das Beste, daß Wichärd den heruntergekommenen Onkel zu sich nahm!" so hieß es dann; „nun kann er doch nicht ganz verwahrlosen!" Marie hätte freilich eher den Einfall des Himmels erwartet, als diese Wandlung der Dinge. Sie sah den Rotbart, der sie immer so frech anblickte, nicht gern in ihrer Nähe; sie fühlte sogar stets eine gewisse Beklemmung in seiner Gesellschaft. Als aber ihr Mann erklärte, der Umgänger laufe ja eigentlich zum Skandal der Familie umher, er könne ihn am Ende auch beschäftigen, und dann fei der halb Verkommene von der Straße weg, — da stimmte sie zuletzt auch mit in die Hofherrngründe ein. So kam der Lungerer wieder auf den elterlichen Hof. „Es sind aber arge Dinge, die in dieser Gegend Passieren!" Mit diesen Worten legte einige Tage darauf der Landbriefträger das Amtsblatt auf den Tisch. „Ein schrecklicher Mord! — Wilddiebe haben ihn verübt. Hier steht alles. Da lest nur!" Wichard saß mit seiner Familie beim Frühstück, als der Postbote diese Nachricht brachte.. Die Frau ergriff neugierig die - Nummer und las nach kurzem Ueberblicken der Seiten : das Folgende vor: Bekanntmachung. Heute während der Frühstunden ist. im Sandsteinbruch in der. Benderschen Gutsforst der Förster Vuschhard erschossen aufgefunden worden. Die ärzliche Untersuchung hat ergeben, daß der Leichnam schon einige Tage dort gelegen haben muß. Eine Beraubung des Ermordeten hat nicht stattgefunden, so daß es sich hier wahrscheinlich um einen Akt der Rache, handelt. Wer imstande ' ist, über die Täterschaft des Verbrechens derart Auskunft zu geben, daß der Mörder zur Bestrafung gezogen werden kann, erhält von der genannten Gutsverwaltung eine Belohnung von einhundert Talern. N. N., den 15. September-1870. Die Königliche Staatsanwaltschaft. „Geh' um Gotteswillen die Nacht nicht wieder fort!" wandte sich Marie voll Besorgnis an ihren Mann. „Wie leicht hätte man auch auf Dich schießen können." Der Angeredete war abwechselnd rot und bleich geworden. Er entgegnete halbkonfus ein paar nichtssagende Worte. Marie aber schrieb sein verstörtes Wesen dem momentanen Entsetzen zu. Der an dem Förster begangene Mord brachte die ganze Gegend in Aufruhr. Einige Wilddiebe, auf die sich der Verdacht gelenkt, wurden scharf ins Verhör genommen; das Gericht mußte sie jedoch, weil nicht die geringsten Beweise gegen sie zu erbringen waren, wieder entlassen. Die Gensdarmen forschten in den Dörfern' umher; auch der Staat setzte noch eine. Belohnung aus die Auskundschaftung des Mörders; alles vergeblich! (Fortsetzung folgt.) tzeringsdorker Disloge. . .' I. Personen: Frau Kommerzienrat Cohnberg aus Berlin. Frau Konsul Pappenheim aus Königsberg. . Ort der Handlung: Aus dem Brückensteg in Heringsdors. Frau E.: Ja, wir wollen im nächsten Winter unsere Beiden auch taufen lassen. . Frau P.: Und warum das? Frau C.: Aus ethischen Gründen. Frau P.: Das verstehe ich nicht, liebe Freundin! Hat Ihnen das jemand gesagt? Frau C.: Das nicht. Aber erstens muß man doch dafür sorgen, daß die Kinder im Leben gut fortkommen; das ist die höchste Ethik, hat Goldberg gemeint. Und dann, unter uns gesagt, alle Bekannten tun dasselbe. Wenn Sie am Mittwoch zu mir zum Jour kommen möchten — nicht eine. Bekannte, deren Kinder nicht schon getauft sind. Frau P.. Sie schämen sich also, Juden, zu sein? Frau C.: Das nicht. Aher eine.große Ehre ist es gerade auch nicht, hat Dr. Krön von der „Tagespost" neulich bei einem Diner bei Kornthals sehr richtig gesagt. Ueberhaupt die Sache ist jetzt , so leicht und ohne Umstände — man weiß gar nicht, was vorgeht und ist schon getauft. Sie müßten den Prediger Scheidler reden hören, sage ich Ihnen, so möchten Sie anders denken über die ganze Sache. Frau P.: Also der Prediger Scheidler hat Sie von der Richtigkeit dieses Schrittes überzeugt? Frau C.: Das nicht. Aber die Hirschfeld — Sie wissen doch, ihr. Mann ist der Vetter von Steinfelds in Posen! — war einmal in Gesellschaft mit Scheidler zusammen. Und der Dr. Krön sagt: der Mann tauft , mit Lachgas — schmerzlos! Frau P.: Und das nennen Sie ethisch? Frau C.: Das nicht. Aber praktisch. Und es ist nun einmal so. Wir zwei werden die Welt wirklich nicht mehr ändern. Frau P.: Aber was würde Ihr frommer Vater gesagt haben? Glauben Sie, daß er diesen Schritt etwa gebilligt hatte? Frau C.: Das nicht. Aber heute sind andere Zeiten, und die Hauptsache ist, man muß doch für die Kinder sorgen. Frau P.: Aber Ihre Kinder werden wohl kaum große Vorteile davon haben. Glauben Sie, daß Ihr Max etwa bald General werden oder daß Ihre Bertha eine bessere Partie machen wird? Frau C.: Das nicht. Aber Maxens Sohn kann vielleicht einmal General werden. Und wegen Berthel mach' ich mir keine Sorgen. Wissen Sie, Dr. Krön hat gesagt: Für Ihr Töchterchen müssen Sie einen netten christlichen Man< aus guter jüdischer Familie suchen! Frau P.: Ist das auch ethisch? .Frau E.: Das nicht. Aber was soll ich machen? Ich kann doch die Kinder nicht jüdisch bleiben lassen heutzutage! Frau P.: Und was sagt Ihr Mann dazu? Ist er einverstanden damit? - Frau C.: Das nicht. Aber er sagt: Tu was du willst und laß mich in Ruh. Ich Hab' mein' Kopf nötig für mein Geschäft.! Frau P.: War nicht der Vater Ihres Mannes Rabbiner in I Posen?-