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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
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406 Stier im Stalle losgerissen, und beim Wiederanbinden ritzte mich das' Vieh mit dem spitzen Horn!" Der Arme wagte aber bei dieser Unwahrheit nicht, seine Frau anzublicken. Er hatte sonst niemals gelogen. „Wie hast Du mich erschreckt! — Verkaufe doch das gefährliche Tier, bevor es noch mehr Unheil anrichtet. Der Hirt klagt schon lange, daß er es nicht mehr bändigen kann/' T „Ja, das will ich auch!" sagte Wichard zustimmend. „Denke nur," setzte die wieder Beruhigte ihre Rede fort,, „unser böser Onkel, der Erdmann, war schon heute früh zweimal auf dem Hofe und verlangte Dich durchaus zu sprechen.:, Der Eheherr erbleichte. „Der Rote? — Was will der bei uns?" „Mir will er es nicht sagen. Vermeide jeglichen Zank mit ihm, Gustav! Er ist ja nun einmal unser naher Anverwandter. Vielleicht reut ihn sein wüstes Leben, und er will sich am Ende doch noch bessern." Da klopfte es an die Tür. Ohne das „Herein!" abzuwarten, trat der riesige Mensch grinsenden Antlitzes in das Zimmer und nahm unaufgefordert Platz. „Ich weiß es wohl, mein lieber Neffe, daß Du mich nicht sehr gern hast," begann er ohne weitere UrUstände spöttisch, „aber mein gutes Herz ist mit einemmal so versöhnlich gestimmt, daß mir der Friede mit Dir ein Bedürfnis wird. Warum sollen wir nicht auch wie Brüder miteinander leben? Liebet Eure Feinde! sagt ja schon die Schrift!" so faselte der Taugenichts in salbungsvollem Tone noch eine Weile fort. * Verwundert blickten die beiden Eheleute den Unverschämten an. So früh morgens war er sonst nicht trunken gewesen. ' Oder kam der Umgänger erst jetzt aus dem Wirtshaus? Erdmann mochte wohl erraten, was man von ihm dachte, denn bevor ihm irgend eine Antwort wurde, warf er lässig die Worte hin: „Bin infam solide gewesen — Hab' die ganze Nacht nichts als Wald tust gekneipt!" Der Schuldbewußte fuhr zusammen und richtete einen durchbohrenden Blick aus den unerwarteten, frechen Besuch. „Ich dachte es wohl," nahm der letztere von neuem, höhnisch feinen Vortrag auf und fixierte scharf den Verwundeten, „daß mein Neffe von demselben Gedanken beseelt ist wie ich und sich mit mir aussöhnen will. Doch meine liebe Verwandte," richtete sich mit einer Art von Galanterie der verachtete Oheim an die sprachlos dastehende Frau, „ich muß mit Deinem Manne vier Worte allein sprechen!" Dem Hofwirt stieg ein furchtbarer Gedanke auf: der Umgänger mußte von seinem Verbrechen wissen. Er winkte seiner Marie, indem er so gleichgültig wie möglich tat, mit den Worten: „Na, dann tu' ihm nur den Gefallen, wenn's sich auch nur um gleichgültige Dinge handelt." „Natürlich, um die gleichgültigsten von der Welt!" rief lachend der Rote der sich zögernd Entfernenden nach. Jetzt waren die beiden Männer allein. Erdmann stand auf: „Der Förster ist tot!" „Welcher Förster? Was kümmert's mich?" keuchte fassungslos der Gequälte. „Hast Du des Guten zu viel getan, so gehe hin und schlafe aus! Ich kenne keinen Förster!" „Laß das unnütze Narrenspiel, Du meisterhafter Schütze!" entgegnete kalt und schneidend der Spottende. „Daß ich nicht betrunken bin, weißt Du recht gut. Vergangene Nacht war ich auf der Erbsenbreite, keine hundert Schritte von Dir entfernt. Ich hütete mich aber wohl, einem derart kurz angebundenen Menschen wie Dir meine Gegenwart kund zu tun. Wer so gleichgültig mit den blauen Bohnen umzugeheu pflegt, dem kommt's auf eine mehr auch nicht an." Und dabei zog der Gefühllose pantomimisch den rechten Arm in Winkelstellung an die Wange, als ob er eine Flinte anschlagen wollte. „Also der Förster tot, wirklich tot?" rief Wichard verzweiflungsvoll. Dann sprang er auf und faßte seinen Oheim an die Schulter: „Aber Du hast's gesehen und kannst es bezeugen, daß ich schuldlos an der Tötung bin. Ein unglücklicher Zufall war's!" „Notwehr ist's gewesen!' — Du oder er! Dn warst der bessere Schütze. Freilich," setzte der Rote mit hämischem Grinsen hinzu; „freilich — die Gerichte! — Wirst einen bösen Stand haben. Zuchthaus und Wollspinnen ist ein schlecht Vergnügen. Ich kenne das Fach!" „Schurke!" donnerte der gehetzte Mann und faßte einen Stuhl. „Schurke, Du willst mich verderben! Du hast es mir schon lange'geschworen. Wenn ich mich nicht recht besänne „Gemach!" fiel ihm der Peiniger in die Rede und setzte sich in Verteidigungszustand. „Warum uns die Schädel einschlagen? Die Sache läßt sich ja in Ruhe und Frieden ordnen." Gustav ließ den zum Schlag erhobenen Schemel sinken. „Tot, und ich ein Mörder! — O, mein unglückliches Weib und meine armen Kinder! — Warum traf mich nicht sein Schuß besser! Dann wäre alles Elend nicht über mich gekommen! — Ich will hingehen und mich selbst der Polizei stellen, ehe man mich holen wird. O, die Schmach, wenn ich ins Gefängnis muß! — Das ertrage ich nicht! Lieber will ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen, dann hat doch aller Jammer ein Ende. Mußte es denn so weit mit mir kommen!" Ueber das Gesicht des sonst so abgestumpften Brandstifters glitt ein mitleidiger Zug, als er den Sohn seines Bruders von wilder Verzweiflung ersaßt vor sich sah. „Das wirst Du alles bleiben lassen!" sagte er milder. „Ich habe selbst dafür gesorgt, daß die Spur von Dir abgelenkt wird! — Ja, ja, mein gutes Herz!" verfiel der Unverbesserliche wieder in den spöttischen Ton, „es beherrscht mich vollständig!" — Und nun erzählte der Geriebene, wie vorsichtig er jedes verratende'Zeichen am Orte der Tat verwischt. „Der Regen tat uns dazu treffliche Dienste!" schloß er seinen Bericht. Wichard hatte, stumpf vor sich hinbrütend, zugehört. Wenn er nicht als Mörder entdeckt wurde? — Sein Oheim schien es wirklich besser mit ihmzu meinen, als er bisher geglaubt hatte. — Fragend warf er den umflorten Blick aus den Rotbart. „Falls Du Dich, nicht selbst verrätst, wird es niemand tun!" belehrte dieser weiter. „Du bist angegriffen und hast Dich mannhaft gewehrt; damit kannst Du Dich beruhigen!" Der Bedrängte atmete erleichtert auf. „Natürlich, mein Junge," begann der Robuste von neuem, „ist jeder Arbeiter seines Lohnes wert. Ich soll doch am Ende nicht all die Dienste Umsonst geleistet haben?" „Ah! Da hinaus willst Du? Nun, dann stelle Deine Forderung!" „Erstens fehlt mir immer das fatale Geld. Allerlei böse Klapperschulden haben sich angesammelt. Die mußt Du nun schon decken! Und ferner wirst Du mich von nun an anständiger wohnen lassen wie bisher. Sieh mal, es ist doch eine schaurige Budike, in welcher ich Hause!" „Es sei! — Bist Du nun fertig?" „Na, kurz und gnk: ich will wieder ans den Hof meiner Väter ziehen! Das ist mein rechtmäßiger Aufenthaltsort." Obwohl sich Wichard hartnäckig gegen die letztere Forderung sträubte, mußte er doch schließlich nachgeben. Dann glaubte

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