Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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405 man aus diesen Aeußerungen auf ein überaus flottes Genußleben des jungen Titus schließen. Andererseits sind damit aber auch seine Pflichttreue und Tatkraft aufs beste bezeugt. Der Ehrgeiz leuchtet auch hier wieder als die bei Titus alles beherrschende Triebfeder hervor." Höchst spannend sind dann die Schilderungen von der Belagerung Jerusalems, bei der Josephus, der Geschichtsschreiber des Krieges, eine sehr zweideutige Rolle' spielte. Eine Mauer nach der andern wird nach wütendem Kampf durchbrochen. Hunderte von Juden läßt Titus zur Abschreckung kreuzigen. Endlich ist auch die Oberstadt erreicht, nur der Tempel, das schönste Heiligtum des Altertums, trotzt noch den Römern. Vergebens sucht Josephus den Titus in jeder Beziehung als milde und gutmütig hinzustellen, die Wahrheit schimmert überall durch seine falsche Darstellung durch. Ein Soldat warf endlich einen Fackelbrand in das „goldne Fenster" des Tempels. „Das Aufwirbeln der Flammen begleiteten die Juden, welche fest an die Unzerstörbarkeit ihres Gotteshauses geglaubt hatten, mit einem Schrei des Entsetzens." Alles war verloren, umsonst hatte man das römische Belagerungswerk durch Feuer und Schwert durchbrochen, umsonst in tollkühnen Ausfällen mit lodernden Fackeln und blitzendem Schwert unter den Belagerern Schrecken verbreitet und' zahlreiche römische Legionszeichen erobert, die Ueberzahl trug den Sieg davon. „Titus betrat das Allerheiligste des Tempels und war von der Pracht, die noch alle unter den Heiden verbreiteten Vorstellungen davon übertraf, geradezu geblendet. Auch in das Allerheiligste wurde von den zügellosen Legionären ein Brand gelegt, und das prächtigste Gotteshaus der Erde sank in Trümmer. Das Gemetzel an diesem Tage war ein furchbares. Alles wurde niedergemacht oder gab sich selbst den Tod. — Von den benachbarten Bergen hallte, wie Josephus erzählt (VI 5, 1), der Lärm der zusanunenstürzenden Bauwerke und das Geschrei der Unglücklichen wieder." Die Gefangenen wurden zum Teil grausam behandelt. 11000 starben „aus Mangel an Nahrung, da einzelne Wächter aus Haß ihnen nichts zu essen gaben, sie auch zum Teil keine Nahrung annahm en." Titus zog dann nach Cäsarea Philippi, wo er zum Teil auf das härteste mit den Gefangenen verfuhr, „Bei einem Fest, das dort Titus zur Feier des Geburtstages seines Bruders Domitian am 24. Oktober gab, mußten mehr als 2500 Juden die Zuschauer durch ihr Sterben ergötzen." So durchzog er ganz Syrien und gab überall in den Städten blutige Schauspiele. Nach Rom zurückgekehrt, wurde Titus Mitregent seines Vaters Vespasian und Befehlshaber der Prätorianer, in welcher Stellung er sehr gewalttätig vorging. Wer dem Herrscherhause feindlich gesinnt war, fiel ihm zum Opfer. Aulus Cäcina ward zur Tafel geladen, nach dem Mahl fiel er an der Tür unter Dolchen. Titus wies einen hochverräterischen Brief des Ermordeten zur Entschuldigung seiner Tat vor. Man glaubt, der Brief war von ihm selbst gefälscht. Die Philosophen wurden aus der Hauptstadt verjagt, Helvidius Priscus wurde von Titus hingerichtet, obwohl Vespasian sein Todesurteil noch vorher widerrufen hatte. Als dieser am 23. Juni 79 starb, war Titus allgemein verhaßt und verachtet. Und nun die völlige Sinnesänderung, der völlige Umschwung in seiner ganzen Lebensweise. Kein Todesurteil wurde mehr unterschrieben, keine Klage wegen Majestätsbeleidigung mehr angenommen. Die liederlichen Zechgelage hörten auf, ebenso andere weit schlimmere Dinge. Auch von Berenice, mit der er 12 Jahre gelebt und der er die Ehe versprochen hatte, trennte sich Titus jetzt. Das Volk murrte, daß es eine Ausländerin als Kaiserin begrüßen sollte. So entließ Titus Berenice aus Staatsrücksichten. Wir erblicken hierin so recht deutlich die kaltherzige Berechnung des Titus. Oder war er am Ende froh, die inzwischen 52 Jahre alt gewordene Geliebte aus gute Art loszuwerden? Die Trennung vollzog sich also weit anders, als Racine sie idealisierend in seiner Tragödie darstellt. Titus wurde jetzt die Milde selbst. „Der Schatz stand offen und wurde von den Unwürdigsten ausgebeutet. Die Zügel der Regierung wurden schlaff, die Staatsangelegenheiten wurden vernachlässigt, die Verwaltungsbeamten schlossen die Hände, die Richter die Augen. Es gab nur Feste, Schauspiele und Lustbarkeiten." Worauf beruht diese Sinnesänderung? Domitian trachtete ihm nach dem Leben, Titus brach oft in Tränen aus, Krankheitserscheinungen traten immer deutlicher hervor. Auf einer Fahrt in das Sabinerland schlug er einmal die Vorhänge seiner Sänfte zurück und klagte wiederholt mit zum Himmel erhobenen Blicken, er habe es nicht verdient, daß ihm das Leben genommen werde, denn es gebe keine Tat, die er zu bereuen habe, mit Ausnahme einereinzigen. Er starb dann am 13. September 81 im 42. Lebensjahre. Ob diese Tat, die er bereute, darin bestand, daß er seinen Bruder Domitian zu milde behandelt habe, der ihm nach dem Leben trachtete, wie Cassius Dio meint, oder daß er, wie Hadrian in seinen Denkwürdigkeiten berichtet haben soll, der Mörder seines Vaters war, oder in anderem, steht dahin. „Das Vorhandensein einer geistigen Erkrankung bei Titus seit seiner Thronbesteigung kann jedenfalls gar nicht zweifelhaft sein." Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die sonst unerklärliche Wandlung in Titus Wesen auf eine allmählich fortschreitende geistige Umnachtung zurückzuführen sei, wenn mit Gewißheit auch nichts behauptet werden kann. L. S. Der alte Aolrnkran?. Eine altmärkische Dorfgeschichte von Hermann Robolsky. V. ls Wichard sich ermunterte, war es heller lichter Tag geworden. Draußen fiel ein feiner Regen vorn grauen Himmel und die Tropfen pochten monoton in der Zinkrinne von dem Dach herunter. Der Erwachte rieb sich die Augen. Hatte er nur schwer geträumt oder war alles, was ihm wüst in dem Kopf herumging, Wirklichkeit? Da fiel sein Blick auf den verbundenen Arm. „Also doch?" stöhnte er. „Ich glaubte, meine Sinne hätten mich getäuscht. Gott, ach Gott! was Hab' ich getan!" Auf das neckende: „Schön guten Morgen, Herr Langschläfer!" womit seine Kornblume — Marie ihn begrüßte, hatte der Verwirrte kaum eine Antwort gegeben. Er wollte ' den wunden Arm recht verbergen und hielt ihn dabei so ungeschickt, daß die Frau jene Blessur nun gerade gewahr wurde. „Gustav, was ist mit Dir geschehen? — Du hast Dich doch nicht geschossen?" so bestürmte die Geängstigte den schwer geprüften Ehemann, welcher gedankenvoll gegen die Decke der Kammer schaute, als ob er sich durchaus nicht besinnen könnte. „O! Nichts, mein Schatz, — nichts!" rief er, sich zusammennehmend. . „Als ich die Nacht heimkam, hatte sich der