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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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404 am meisten not tut. Eine römische Kaisergeschichte, eine wirkliche, bleibt wohl auf absehbare Zeit hinaus ein unerfüllbarer Wunsch, es fehlt noch zu sehr an den Grundlagen. Es fehlt nicht an meisterhaften Vorarbeiten, es fehlt auch nicht, wenigstens nicht in weiten Fachkreisen, an dem rechten Wollen, an der Unbefangenheit des Urteils, auf die jetzt soviel ankommt, es fehlt nur oft genug an der Fähigkeit, überall, in jedem. Punkte, in jedem Moment des zu behandelnden großen Stoffes sich immerfort gegenwärtig zu halten, daß es die Aufgabe des Forschers ist, möglichst aus der Tiefe zu schöpfen. Wo er den Spaten einsetzt, muß er unbedingt bis auf den Grund gehen,- oder er werfe ihn vorher fort; halbe Arbeit ist hier weit schlimmer als gar keine. Eine interessante Studie über Kaiser Titus veröffentlichte Professor Wolff-Beckh in den „Neuen Jahrbüchern für klassische Philologie" usw. Er sieht in Titus, über den die widersprechendsten Nachrichten existieren, ein Problem, das er. nicht historisch, sondern pathologisch zu lösen sucht. Zu seinen interessanten Mitteilungen fügt P. I. Möbius in einem Nachwort ein ärztliches Gutachten über, den Geisteszustand des Kaisers hinzu. Er meint, der Gedanke an Geisteskrankheit dränge sich von selbst auf. „Ein 39 jähriger Mann, der sich bis dahin sehr energisch und rücksichtslos, zuweilen hart und grausam gezeigt hat, wird nach seiner Thronbesteigung mitteilsam, gütig bis zur Weichherzigkeit, freigebig bis zur Verschwendung, nachgiebig bis zur Schlaffheit. Mitder Zeit scheint sich eine eigentliche Verstimmung auszubilden, insbesondere weint der Kaiser bei geringfügigen Anlässen. Nach zweijähriger Regierung wird er ernstlich krank und stirbt rasch." Jetzt meint er, würde man aus solchen Symptomen auf progressive Paralysen schließen; diese kam aber im Altertum wohl überhaupt nicht vor; sie ist erst seit 1822 bekannt. Man kann nach Möbius auch an politische Ursachen für die merkwürdige Haltung des Kaisers vor und nach der Thronbesteigung denken, aber ohne Krankheit kommt man nicht aus. Woran ist Titus gestorben? Wir wissen es nicht. Aber von selbst stirbt ein einundvierzigjähriger Mann, der bis dahin eine Heldengesundheit gezeigt hat, nicht. Denken kann man sich allerlei. Es kann sich um eine schleichende Krankheit gehandelt haben (eine innerliche Neubildung, ein Aortaneurysma u. a.), die zwar nicht bestimmte Symptome, aber ein dauerndes und wachsendes Krankheitsgefühl erzeugte und so Energie, Lebensmut, Selbstfreude zerstörte. Auch an ein langsam wirkendes Gift kann man denken, das ihm etwa der liebe Bruder hätte beibringen lassen, oder an wiederholte, nicht gerade tötliche, aber doch die Lebenskraft brechende Vergiftungen. Titus selbst hat sich zuletzt wahrscheinlich für vergiftet gehalten; so scheint sein Ausruf, er bereue nur eins, die natürlichste Erklärung zu finden, d. h. mit Dio Cafsius erklärt zu werden: er bereue, den Mörder Domitian nicht unschädlich gemacht zu haben. Mag es so oder anders sein; daß ein körperlich kranker Mann, dem nichts mehr Freude macht und der keine Hoffnung hat, alles gehen läßt, wie es geht, sich damit tröstet, ein gutes Andenken zu hinterlassen, daß er weichmütig wird, ja ohne rechten Anlaß weint, das alles kommt vor und kann auch bei Titus vorgekommen sein. Vielleicht ist der Gegensatz zwischen dem harten strafenden Titus und dein weichen Kaiser gar nicht so schroff gewesen, wie die Schriftsteller sagen, denn jeder Gegensatz wird von ihnen gern gesteigert der Wirkung wegen. Alles in allem ist, glaube ich, bei der Unsicherheit der Berichte, ein sicheres Urteil nicht möglich: „non liquet.“ Aus dem jüdischen Kriege macht Wolff-Beckh interessante Mitteilungen: Gelegentlich seines ersten Aufenthalts in Ptolomais traf Titus mit Berenice, der Schwester des jüdischen Königs Agrippa, zusammen, der im Verdacht aufrührerischer Pläne gegen Rom stand und herbeieilte, um seine gute Gesinnung zu prästieren. „Nicht ohne tiefere Absicht wird er seine Schwester mitgebracht haben, denn diese glänzte nicht weniger durch ihre Klugheit und ihre diplomatische Gewandtheit als durch ihre Schönheit. Durch letztere bezauberte sie den mehr als 13 Jahre jüngeren Titus in dem Maße, daß er alsbald ein Liebesverhältnis mit ihr einging, das dann zwölf Jahre Bestand gehabt hat. Berenice war eine Tochter des letzten jüdischen Königs, der unter seinem Szepter ganz Palästina vereinigte, wenn auch nur als Lehen des römischen Kaisers Claudius; ja, sein Reich wurde durch Claudius aus dessen eigenem Besitz noch um Abila und die Gegend am Libanon unter dem gemeinsamen Namen Abilam vermehrt. Berenice muß in einem noch sehr jugendlichen Alter gestanden haben, als ihr Vater sie mit Marcus, dem Sohn des Alabarchen Alexander, eines kaiserlichen Prokurators, vermählte. Sie verlor jedoch ihren ersten Gatten bald und heiratete dann den Bruder ihres Vaters, Herodes, für welchen ihr Vater vom Kaiser Claudius die Herrschaft über Chalkis am Libanon erbat. Mit 21 Jahren wurde sie zum zweiten Male Witwe, indem ihr Gatte und Oheim, Herodes II., Fürst von Chalkis und Titularkönig von Judäa, das Zeitliche segnete.' Unter vielen Abenteuern hatte sie ihr vierzigstes Lebensjahr bereits erreicht, als sie in Ptolomais die Bekanntschaft des Titus machte. Den Ruf ihrer Schönheit und Jugendsrische wird sie durch künstliche Mittel aufrecht erhalten haben. Ueberdies erkannte Titus wohl auch, wie nützlich ihm Berenice durch ihr besonderes Unterhändlergeschick und ihre Reichtümer zur Erreichung seiner ehrgeizigen Ziele werden konnte. Und auch der alte Vespasian hatte sie wegen ihrer Freigebigkeit gern. Dieser Frau gab sich Titus so völlig hin, daß er sich, wie es scheint, sogar ihretwegen von seiner Gemahlin Marcia Furnilla, die ihm am Tage der Eroberung von Jerusalem eine Tochter gebar, getrennt hat. Allerdings kann man die Angaben Suetons auch dahin verstehen, daß die Trennung des Titus von seiner Gattin schon in einem früheren Jahre erfolgt, die Stadt Jerusalem aber an einem späteren Jahrestage der Geburt von Titus' Tochter gefallen sei." Wolff-Beckh schildert dann sehr eingehend, teils nach Josephus und Tacitus, teils nach neueren Darstellungen die einzelnen Phasen des blutigen Krieges, durch den man den Aufruhr der Juden zu dämpfen suchte. Von kühnem Ehrgeiz erfüllt, berannte Titus die Städte Palästinas und schonungslos trat er zu Boden, was seine Pläne kreuzte. Gleichzeitig behielt er die Vorgänge in Rom sehr wohl im Auge, schon von Neros Tode an mit ehrgeizigen Gedanken an den Kaisertron beschäftigt. Als Galba durch Mörderhand gefallen war, brach Titus selbst nach Rom auf, hielt es dann aber doch für geratener, auf den Kriegsschauplatz zurückzukehren. „Vermutlich war hierbei schon ausschlaggebend, daß er sein Ziel, Kaiser zu werden, jetzt auf einem anderen Wege zu erreichen trachtete, nämlich dadurch, daß sein Vater Vespasian vor ihm die Kaiserwürde erlangen sollte. Daß Titus aus Sehnsucht nach der Königin Berenice seine Rückkehr beschleunigt habe, wurde damals vielfach geglaubt, wird aber von Tacitus entschieden bestritten, indem er sagt, daß Titus zwar für Berenice geglüht und seine Jugend in heiterem Genuß verlebt, niemals aber seine Geschäfte deswegen vernachlässigt habe. Wenn man in Betracht zieht, mit welcher milden Rücksichtnahme der vornehme Römer Cornelius Tacitus seine Standesgenossen zu beurteilen pflegt, so muß

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