Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Unterrichtswesen nehmen wie im vorigen Jahresbericht auch , dieses Mab einen breiten Raum ein. In 21 Städten mit einer jüdischen Gesamtbevölkerung von 168495 wurden 40 Schulen mit 7530 Schülern resp. Schülerinnen subventioniert. Der.Unterricht erfolgt größtenteils, gratis, da nur 19,81 Prozent der Zöglinge das Schulgeld bezahlt haben. Daß die J. G. A. in Rumänien mit ihrem Schulwesen keine ökonomischen Zwecke verfolgt, beweist die Tatsache, daß von den 40 Anstalten nur in vier mit 496 Schülern-----16 yz Prozent der Unterricht im Handel, oder Gewerbe erteilt wird, während der überwiegende Rest im Lesen, Schreiben, Deutsch, Rumänisch und Hebräisch unterrichtet wird. c) Galizien. Darl eh ns lassen. Zu den sechs bestehenden Darlehnskassen ist im Berichtsjahre eine siebente in Smnbor hinzugekommen. Die Zahl der Mitglieder betrug im Berichtsjahre 5585 gegen 5006 im Jahre 1903. Die Zahl der verkauften Anteilscheine belief sich auf 9923. Im ganzen wurden 393723 Kronen ausgeliehen, wodurch die seit Begründung der Kassen ausgeliehenen Summen 2455992 Kronen erreicht haben. Davon wurden 1962269 Kronen zurückgezahlt. Die Reservefonds betragen gegenwärtig 271553 Kronen. Die Puppenfabrik in Tarnow hat sich trotz eines Zuschusses der J. C. A. wegen der großen Verwaltungskosten und des teuren Transports der Waren nicht halten können. Der Unternehmer hat daher die Fabrik nach Wien verlegt und den größten Teil der Arbeiter dahin mitgenommen. Die Tischlerwerkstatt in Stanislaus hat seit ihrem Bestehen 47 jüdische Tischler ausgebildet. Gegenwärtig zählt sie 20 Lehrlinge und es sind Schritte getan worden, um diese Werkstatt derartig zu erweitern, daß sie eine größere Zahl von Schülern auszubilden vermag. Von den 930 Hektar der Ackerbauschule in Slobodka Lesn a wird 251^2 Hektar verpachtet und 186^ Hektar in eigener Regie verwaltet. 261 Hektar sind bis jetzt drainiert und so anbaufähig gemacht worden. Die Ernte war sehr mittelmäßig. Die Schülerzahl betrüg 72 und wird im nächsten Jahre 80 betragen. Von den 20 Schülern, welche nach dreijährigem Unterricht eine Prüfung, bestanden haben, wurden 9 in Galizien untergebracht, während der Rest aus eigenen Wunsch nach Kanada ausgewandert ist, wo sie bei jüdischen Farmern gegen guten Lohn Beschäftigung gefunden haben. d) Divers es. Von der Tätigkeit der J. C. A. in westeuropäischen Ländern nimmt die Hilfsleistung an die Pariser Alliance den ersten Platz ein. In zweiter Reihe kam im Berichtsjahre das Londoner jüdische Board of Guardians, welchem eine Subvention gewährt wurde, um 224 jüdische Emigranten aus Ost-Europa nach Süd-Afrika, Australien und Kanada zu senden. Auch der Verein zur Bekämpfung des Mädchenhandels hat sich der Hilfe der J. C. A. zu erfreuen gehabt. In Bern wurden eine Anzahl jüdischer Studenten unterstützt und in Frankfurt a. M, mit Hilfe dieser Gesellschaft ein Lehrerseminar, in dem auch einige russische Juden ihre Ausbildung genossen, geschaffen. Der Baron Hirsch-Stiftung in Wien wurde ein Darlehen bewilligt zum Bau von 19 Schulgebäuden in Galizien. Ebenso erhielt die Ackereibauschule zu Ahlem von der 3. C. A. bie alljährliche Subvention. Kalter Titus und der Milche Krieg. lsauf der letzten Schulkonserenz bei Erörterung des Lehr- H" plans für Geschichte der Vorschlag laut wurde, der römischen Kaiserzeit einen größeren Platz einzurämnen, verhielt sich einer der Mitberatenden recht skeptisch. Einwürse, wie sie von anderen erhoben wurden, wie etwa der Mangel an sittlichem Bildungswert, oder das Fehlen des organischen Auflebens in diesem Geschichtsabschnitt kamen bei der Geistesrichtung dieses Einen wenig in Betracht. Der ehrwürdige Theodor Mommsen — denn er war es — fragte: Haben wir denn eine Geschichte der . römischen Kaiserzeit? Sein fünfter Band entrollt ein packendes und fesselndes Panorama der römischen Provinzialverwaltung der betr. vier Jahrhunderte. Den vierten Band schrieb er nicht, weil er nicht geschrieben werden konnte. Es waren mehrere Gründe, die es unmöglich machtem Sie sind teils bekannt, teils lassen sie sich erraten. Sie im Einzelnen zu erörtern, würde den Rahmen eines Aussatzes wie des vorliegenden weit überschreiten. Das epigraphische Material wächst von Tag zu Tag an, doch das gilt auch in hohem Grade für die republikanische Zeit. Ein Gesamtbild hätte sich stach den bisher Vorhandenen recht wohl geben lassen. Hinzu kommt aber, daß von Augustus an die Oekumene ein ganz anderes Ansehen gewinnt, als sie vorher hatte, daß etwa von diesen Zeitpunkt an mit Unterftrömungen, Tendenzen und Komplikationen zu rechnen ist, von denen vorher wohl schon Spuren vorhanden gewesen waren, die aber unter dem Prinzipat von entscheidender Bedeutung für das gesamte öffentliche Leben wurden. Um zu verstehen, was damit gemeint, muß man Hermann Gunkels bedeutsame Schrift „Zur Religionsgeschichte und Literatur des NeuenTestaments" lesen, wo vom Standpunkt des Theologen aus die Anpassungsfähigkeit des damaligen Denkens an fremde Anschauung, die unbegrenzte Rezeptivität für starke Phantasie- und Gemü'tseindrücke hervortreten. Ist das Christentum, wie Gunckel sagte, eine shnkretistische Religion, so ist das nur eine Sondererscheinung des damals allumfassenden Synkretismus. Ein anderes Moment ist die freilich seit langem betonte Tatsache, daß die Porträtkunst der römischen Historiker, um einen Ausdruck des verstorbenen Ivo Bruns zu übernehmen, mannigfachen Bedenken unterliegen kann. Es genügt, an Adolf Stahr und Hermann Schiller zu erinnern. Alles Hin- und Herstreiten in. dieser Sache, hat zu einem festen Abschluß noch nicht geführt. Es gibt jetzt Historiker des Altertums, Träger klangvollster Namen, die sich anheischig machen,'das Altertum darzustellen in großartigem Sinne, als Einheit, gewiß unendlich dankenswert! Nur besteht die befremdliche, wohl aber auch aus der Natur der Sache erklärbare Tatsache, daß methodische und geschichtsphilosophische Grundfragen, die ja nun doch trotz all- und alledem einmal das A und O aller Geschichtsschreibenden sind, ifür Mittelalter und Neuzeit viel besser beantwortet, viel stärker berücksichtigt werden, als das bei'weitem wichtigere Altertum. Wie ist es möglich, in unserem siöoie eclaire das noch immer zu verkennen, daß der geschichtsphilosophische Standpunkt der einzig entscheidende ist und daß nach ihm das Altertum den wesentlichsten Bestandteil aller Geschichte darstellt! Ich suche nicht was ist, und ich will nicht wissen was ist, sondern was sein wird, und das kann ich nur schließen, wenn ich zusammenfasse, wie alles geworden ist. Je unbegrenzter Empirie, um so sicherer der Schluß. Von wie verhältnismäßig kleinlichem Gesichtspunkte aus wird also, beiläufig bemerkt, das abgemessen und zugeschnitten, was für die Heranwachsende Jugend als! „wissenswert" erscheinen soll. Doch genug von dieser leider so vergeblichen Klage. Das eine ist wohl gewiß, wer die Hebel der Geschichte in den Höhen und nicht in den Tiefen sucht, i wer militärische Evolutionen, wer Staats- und Fürstengeschichte bei seiner Darstellung in den Vordergrund stellt, irrt hoffnungslos im Dunkeln. Mit Vertretern solcher Ansichten zu streiten, ist eitle Mühe, die Herren sind nicht zu bekehren. Das Fühlen, Wollen und Suchen des Volkes ist Geschichte, und keine Tyrannis ist so absolut von den Pharaonen bis auf den heutigen Tag, daß sie hier nicht ihre Grenze fände,-daß sie nicht zu Zeiten durch diesen Faktor bis in ihre Grnndvesten erzitterte. Auf ein. Paktieren und Kompromißschließen mit diesem Jmponderabile kommt es bei aller Regiererei doch schließlich heraus. Also als Volks- und Wirtschaftsgeschichte verlangen wir das Altertum dargestellt zu sehen. Was nützt alles Zusammensaffen der verschiedenen Länder, wenn das entbehrt wird, was