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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
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-- 401 die Geschäftsleute in unserem Oesterreich über sehr' schlechten Geschäftsgang klagen. Auch die Aussichten auf eine Besserung sind sehr geringe. Daran sind meist unsere politischen Verhältnisse schuld: , der zu einer schleichenden Krankheit äusgeartete Politische Dualismus, an dem wir leiden, und dann die an dem Mark dieses uralten Staates'zehrende Sprachensrage, die man mit Recht als das Schiboleth Oesterreichs bezeichnen kann.- .. . Die Industrie will keinen Aufschwung nehmen, alles ist gelähmt durch die bange Frage ob der Zukunft unseres Staates, der Zwischenhandel leidet furchtbar, und was auch als sehr traurig bezeichnet werden muß, jeder Unternehmungsgeist ist geschwunden, und wenn er sich regt, wird er sofort wieder zum Schweigen gebracht durch den öden Antisemitismus, der alles Licht verdunkelt, jeden Fortschritt hemmt und insbesondere dem Geschäfte gewaltig schadet. Unsere antisemitischen Führer tun alles mögliche, um jede geschäftliche Regung zu hemmen und jede Unternehmungslust zu verleiden. Nichtsdestoweniger glauben wir, daß dem Handel und der Industrie die Zukunft gehört, daß sich auf diesen Gebieten ein Umschwung zum Besseren, wenn auch in noch ferner Zukunft, wahrnehmbar machen wird. Unsere Geschäftsleute meinten nun, es genüge für ihre Geschäfte, junge Leute zu engagieren, die so ziemlich auf anderen Gebieten Schiffbruch gelitten. Taugt jemand nicht zum Studium, gibt man ihn zum Geschäfte, das war bei uns die landläufige Ansicht. Auch hier zeigt sich jetzt ein Umschwung zum Besseren. Die jungen Leute maturieren, .absolvieren Handels- und Exportakademie. und erwarten nun bessere, ihrer würdige Anstellungen. Es wäre aber von seiten der Chefs großer geschäftlicher, industrieller und Bankunternehmungen sehr kleinlich gedacht, wenn sie den Jünglingen, die ernste Studien betrieben haben, dieselben Stellungen einräumen wollten, wie den Praktikanten, die bestenfalls eine Bürgerschule und vielleicht noch einen Kursus. irgend einer privaten Handelslehranstalt absolvierten. Und noch eins kommt dazu.. Wir machen in Oesterreich gar merkwürdige Beobachtungen. . Große industrielle Etablissements, große Banken und Bahnen, die notorisch durch jüdische Gelder begründet und erhalten werden, nehmen „prinzipiell" Juden nicht in ihrem Beamtenkörper auf. Wir kennen eine sogenannte Mittelbank in einer größeren Landeshauptstadt, die ganz von jüdischem Gelde erhalten wird, in deren Beamtenstatus kein einziger Jude ist. Von unseren „verjudeten" Bahnen mit den antisemitischen Beamten will ich gar nicht sprechen. Große jüdische Geschäftsleute weisen Juden zurück, weil sie, wie sie behaupten, die spätere Konkurrenz der jüdischen Angestellten .fürchten. Bei solchen Anschauungen sieht es' freilich mit der Zukunft unserer jüdischen Jünglinge, welche den angestammten Glauben nicht wechseln wollen wie die Beinkleider, sehr schlecht aus. Man kann sehr häufig in denSpalten der sogenannten liberalen Blätter Annoncen lesen, die christliche Angestellte für ein Haus anwerben wollen, dessen Chefs allerdings der weitverbreiteten Gilde der jüdischen Antisemiten angehören. .Auf dem Gebiete des Jus sind ganze Aemter Juden verschlossen, jüdische Mediziner werden nicht angestellt, auch die jüdischen Militärärzte haben einen schweren Stand, im Lehrfache beginnt sich wieder eine Ueberproduktion breit zu machen, die den, Juden wahrlich nicht zum Vorteile gereichen kann; was die Theologie anlangt, zu der ein idealer innerer Beruf gehört und gewisse Vorkenntnisse beansprucht werden, die unsere Jünglinge nicht mehr besitzen, ist es. bekannt, wie traurig die Stellung der Rabbiner in den meisten unserer Gemeinden ist. Wenn sich nun viele unserer, mit dem Reifezeugnisse einer Mittelschule versehenen jungen Leute, technischen und? geschäftlichen Berufszweigen zuwenden/ ist es heiligste Pflicht der jüdischen Großhändler, Fabrikbesitzer und Bankdirektoren, diesen strebsamen Jünglingen die Wege zu bahnen, und sie nicht abzuschrecken. Es werden doch neue große geschäftliche und industrielle Unternehmungen entstehen; wir glauben, es sei ein Verbrechen, wenn die Chefs solcher großer Häuser tüchtige junge Männer, die ihnen ihre Dienste anbieten, deshalb zurückweisen — weil sie Juden sind. Welch ein kleinlicher Geist ödesten Vorurteils offenbart sich in solchen Anschauungen! Wir sind des Glaubens, das Gebiet des Geschäftes und der Industrie sollte die Stätte sein, auf der sich Begabung und Talent frei entfalten kann! Mag also die Klage über Geschäftsstockung derzeit bei uns eine wohlberechtigte sein, wir meinen, es liege in der Hand derer, die einen weitausschauenden Blick haben, dieser Stauung entgegenzutreten und dem geschäftlichen Rückgang entgegenzuarbeiten. Unsere Geschäftsleute sollten sich wirklich an ihren Kollegen im Auslande ein Beispiel nehmen. Der Geist des Kleinmuts und der Kleinlichkeit ist nirgends so wenig am Platze, wie auf dem Felde der geschäftlichen Tätigkeit. Aber auch den jungen Leuten, die etwas gelernt haben, gebe man freie Bahn sich zu entfalten. Wir sind überzeugt, es werde dann manche bange Frage wegen der Zukunft unserer Jünglinge verstummen. Sind uns gewisse Tore versperrt, laßt uns neue öffnen, und schreiten wir durch diese mit Mut und Zuversicht. Iwri. Der Jahresbericht der „Iewilh Lolomlstirm Moristmn" pro 1904. Von I. T uro ff-Berlin. III. Europa, a) Rußland. » Rußland arbeitet die 5. G. A. durch Vermittlung ihres Petersm burger Zentralkomitees, welches seinerseits vom Vorstand des „Vereins zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland" beherrscht wird. Wohl aus diesem Grunde wendet die Gesellschaft immer mehr Mittel für das Schulwesen an. Dieses Schulwesen selbst hat im Laufe der Jahre eine radikale Umwandlung erfahren. Zu bim Erziehungsanstalten in Gestalt von Ackerbau- und Handwerksschulen sind seit etwa drei Jahren 'die reinen Bildungsanstalten resp. Primärschulen hinzugekommen, deren Unterhaltung die jüdischen Millionäre in Rußland sachte und allmählich auf die „reiche Tante" (Wie die J. C. A. in Rußland im Scherz und Ernst genannt wird) abzuwälzen wissen. Es tut uns leid zu sehen, wie die jüdische Kolonisationsgesellschaft, deren Aufgabe es doch ist, die Juden zur Auswanderung geeignet zu machen, in Rußland langsam von dem von ihrem Stifter vorgeschriebenen Wege abweicht und die von den besten Elementen im Judentum verurteilten Bahnen der- Pariser Alliance zu wandeln beginnt. Würden andere Männer als die Vorstandsmitglieder des „Vereins zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden" maßgebende Berater der J. G. A. sein, sie hätte die Unterhaltung von Primärschulen den zahlreichen jüdischen Millionären überlassen und die dafür verausgabten Summen für die innere Emigration, d. h. für die Auswanderung jüdischer Handwerker nach Zentral-Rußland ausgegeben. . 1) Das Buch über die Juden in Rußland. Die J. G. A. hat im vorigen Jahre eine sehr wertvolle Arbeit geleistet, für welche die Nationalökonomen als die Statistiker unter uns ihr lebhaften Dank wissen werden. Wir meinen die im Berichtsjahre erfolgte Herausgabe eines voluminösen zweibändigen Werkes, enthaltend eine Sammlung von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland. Das Werk, welches von uns an dieser Stelle im September vorigen Jahres eingehend besprochen wurde, ist ein unentbehrliches Handbuch für alle diejenigen, welche sich für die Lage der 6 Millionen russischer Juden mehr als gewöhnlich interessieren. Dasselbe ist in

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