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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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—— 400 Lüm Lau des jüdischen krsHkrnhsules in SberWeken. Von Rabbiner Max Ellguther in Neiße. er Appell an den Wohltätigkeitssinn unserer oberschlesischen Glaubensgenossen, den vor einigen Wochen Sanitätsrat Dr. Kornfeld aus Gleiwitz in diesen Blättern veröffentlicht hat, ist nicht ungehört verhallt. Die Idee, für den Jndustritzbezirk Oberschlesiens ein jüdisches Krankenhaus mit allen Einrichtungen und Errungenschaften der neuesten Zeit zu gründen und auszurüsten, ist von vielen Seiten mit Begeisterung erfaßt worden, und der Plan ist gegenwärtig in dem Munde aller derer, die sich ein Herz für das geliebte Oberschlesien bewahrt haben. Bilden doch die Gemeinden Oberschlesiens eine einzige Familie, hängt doch ein jeder mit reger Teilnahme an dem Geschicke des anderen, ohne daß es bisher für nötig erachtet worden wäre, davon viel Wesens zu machen, und Oberschlesien gleicht den Frauen, die dann am tadellosesten sind, wenn man von ihnen am wenigsten . spricht. In den Diskussionen, die sich allerseits über die Frage des Krankenhauses entspinnen, kann man die allgemeine rückhaltslose Befriedigung wahrnehmen, die man über den Plan empfindet; nur . ein Bedenken verlautet, daß man sich nicht des Proletariats von jenseit der Grenze werde erwehren können. Doch dieses Bedenken kann von vornherein als beseitigt gelten, wenn man in dem zukünftigen Statut des Hauses mit diesem Faktor rechnet; schließlich darf man auch nicht vergessen, daß vor dem menschlichen Leid Grenze und Volksverschiedenheit keine entscheidende Rolle spielen dürfen. Nehmen wir hinzu, daß durch die Möglichkeit, die Kranken unter jüdischer Umgebung, mit rituellen Speisen genährt, von geschickten Händen jüdischer Krankenpflegerinnen gewartet zu sehen, eine raschere Heilung verbürgt ist, weil, wie man weiß, das physische Wohlbefinden, die Abwesenheit jeder Kränkung und jeden Aergers von den wohltätigsten Folgen für das Befinden des Körpers begleitet? ist, so erscheint uns, auch unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, der Plan der Verwirklichung würdig und bedürftige seine Aus-, führung unaufschiebbar und tunlichst bald zu beginnen, Die finanzielle Frage dürfte, wie man aus den verschiedenartigen Urteilen entnehmen kann, bei dem bewährten Edelmut der mit irdischen Gütern Gesegneten am leichtesten zu lösen sein. Zu warnen wäre nur vor Neid und Eifersucht bei der eventuellen Wahl der Stadt für den Sitz des Krankenhauses. Sämtliche Wohltätigkeitsvereine der'oberschlesischen Gemeinden, die Gemeinden selbst, die Logen des U. O. B. B. und die interkonfessionellen Kommunen würden zweifellos dem Werke mit dauernden Unterstützungen zur Seite stehen; genug, eine überaus freudige und schöne Perspektive eröffnet fich für das Gelingen des großen Werkes, . an dessen Zustandekommen bereits lebhaft gearbeitet wird. Es ist aber notwendig, daß die Frage nicht aus der Diskussion schwinde und daß sie auch andere einflußreiche und tüchtige Kämpfer auf die Wahlstatt der Oeffentlichkeit führe, die nicht ruhen und. ermüden, bis das große Werk geschaffen ist. Lrirk aus LrttrrrrLch. Anfang August. lljährlich, wenn auf den Feldern draußen die goldenen Aehren wogen, der Klang der Sensen ertönt und der Landmann die Ernte froh einheimst, sieht man durch die Straßen unserer Städte, die mit Mittelschulen, Gymnasien und Realschulen gesegnet sind, bleiche Jünglinge wandeln, deren blasse Gesichter noch mehr hervortreten infolge der schwarzen Gehröcke, dito Beinkleider und glänzender Zylinder^ hüte, mit denen sie bekleidet sind. Auch sie sollen ein^Erntefest feiern, man nennt es Schlußkneipe, vorerst aber sich der Reifeprüfung oder dem Maturitätsexamen unterziehen. Da werden jene Jünglinge, die.8 Jahre, manchmal aus allgemeines Verlangen auch länger die Schulbänke gedrückt und mit allerlei Wissenschaften sich die Köpfe angefüllt haben, auf Herz und Nieren noch einmal geprüft. Ihre Lehrer haben sich zu einer hochnotpeinlichen Prüfungskommission zusammengeschloffenan deren Spitze ein Abgesandter des Landesschulrats steht. Es sind wahre Marterqualen, denen die Mitglieder der Kommission bei einer solchen Prüfung nicht weniger. ausgesetzt sind als die Prüflinge selbst, und Prüfende, Beisitzer, Zensoren ebenso, wie natürlich die Geprüften und „Dürchgekommenen" sind herzlich froh, wenn diese Prüfungstortur vorüber ist, über die gewöhnlich die heiße Julisonne herniederlacht, beleuchtend die Wissenden, ebenso wie die Unwissenden. Die Prüfung ist zu Ende, denn was ginge in diesem menschlichen Leben nicht zu Ende, die „Maturanten oder Abiturienten" haben das Zeugnis der „Reife" in der Tasche, es ist wohlgestempelt und bezeugt einem jeden, in welchem Gegenstände er genügendes, befriedigendes, lobenswertes oder gar vorzügliches geleistet, des bleichen Jünglings Antlitz rötet sich wieder, er dünkt sich der glücklichste aller? Sterblichen — da, welches menschliche Glück wäre vollkommen — da pocht mit dumpfem Schlage die große Frage an die Türe des so vielfach Geprüften, welchem Berufe er sich zuwenden solle, und das noch größere Fragezeichen ängstigt die armen Eltern, in welchem Berufe der Sohn wohl am raschesten zu seinem Ziele kommen werde? Ernste Fragen sind dies,-es sind die großen Lebensfragen, welche die Schwierigkeiten der Schulfragen weit überragen. — Gerade in diesen Tagen, da die Reifeexamina bei uns beendet wurden, tönte es wie ein Warnungsruf in unseren großen Blättern: Eine angesehene Vereinigung der Kaüfleute mahnt unsere jungen Leute davon ab, sich dem Handelsstande zuzuwenden, auch hier sei alles überfüllt und es sei keine Aussicht vorhanden, daß es in absehbarer Zeit besser werde. Nun ist dieser Mahnruf wirklich sehr beachtenswert in einer Zeit, in der sich insbesondere viele jüdische Jünglinge, nachdem sie die Mittelschulen absolviert, dem Handelsstande zuzuwenden wünschen, da ihnen in den sogenannten höheren Berufen, z. V. auf den Gebieten des Jus, der Medizin, ja auch, im Lehrfache, von der Theologie gar nicht zu sprechen, so wenig gute Aussichten erblühen. Man wirft es ja von seiten unserer Gegner so gerne den Juden vor, daß sie zuviel studieren, daß die jüdischen Studenten die Universitäten „überfluten"; wir wollen es den Herren Judenfeinden gerne zugestehen, daß es altjüdische Ueberlieferung sei, sich Wissen und Kenntnisse zu erwerben, da diese als stärkste Waffe in dem für uns Juden doppelt schwierigen Lebensfeldzuge erkannt wurden. Aber wir können auch folgende Beobachtung machen: Da die Juden immer mehr einsehen, daß trotz aller Tiraden von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, trotzdem ihnen staatsgründsätzlich. die Staatsbürgerschaft gewährleistet wird, sie es in. gewissen Aemtern doch nicht weiter bringen, wenn sie nicht hingehen und den Geburtsschein für den Taufschein eintauschen, so wenden sich ihrer, nach zurückgelegten Mittelschulstudien, viele dem Handelssache zu, und wie muß es sie erschrecken,' wenn es heißt, auch hier sei alles überfüllt, der Wall der Stellensuchenden sei so groß, daß die Zahl der Stellenfindenden nur eine sehr kleine sein könne! Bleiben wir hier ein wenig stehen und untersuchen wir die Frage etwas genauer. Es ist : unzweifelhaft richtig, wenn

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