Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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398 verzichten zu können, sie wollen weit mehr? -Und' der viel- - geschmähte, praktische, nüchterne und kalte Kaufmann wird mit einem Schlage zum erhabenen Idealisten, zu einem,Männe, der die moralische Seite viel/höher stellt denn die pekuniäre; aus den -Zahlenmenschen/ den Rechenmeistern'? werden warm- < herzige, .fühlende Menschenfreunde, glaubenstreue Juden. Vielleicht weil es Juden sind? Sicherlich, denn aus ihrem jüdischen Herzen, aus dem Zugehörigkeitsgesühl zu dem alten vielgeprüften Stamme, / aus ' ihrem edlen Gemeinschaftsbewußtsein heraus verhalten sie sich dem heißen Liebeswerben von Sergei Witte zunächst ablehnend gegenüber. Erst wenn sie die feste Zusicherung erlangt haben werden, daß. das schmachvolle. Verhalten Rußlands den Juden gegenüber wirklich ein Ende erreichen wird, daß das jeder Kultur und jeder Zivilisation spottende Festhalten an alten, lächerlichen und längst überwundenen Vorurteilen einem modernen, fortschrittlichen Geiste weichen wird, wenn aus den bedrückten, und geknechteten russischen Juden Menschen, Menschen in nnserm Sinne, geworden sein werden,/ dann erst wird Sergei Witte bei Jacob H. Schiff, Oscar Strauß und Jesse Seligmann Erfolg haben. Es ist ein unglückliches Zusammentreffen für Herrn Witte, daß gerade im Moment, wo er sich anschickt, den Herren Schiff, Seligmann und Strauß zarte Geständnisse über die finanziellen Kalamitäten Rußlands zu machen, sich in seinem Heimatlande wieder eine Serie jener Ereignisse abwickelt, die immer von neuem auf die schwierige Lage des dortigen > Judentums Hinweisen.. Herr Witte hat, zur Unterstützung seiner Anleiheverhandlungen, der amerikanischen Presse eine Anzahl Artikel in Aussicht gestellt, die „die amerikanische Oeffentlichkeit über die ganze Frage aufklären" sollen. Doch mehr als Worte, selbst wenn sie von einem noch so geschmeidigen Diplomaten stammen, sprechen die Tatsachen. Die neuesten Judenhetzen in Jekaterinoslaw, Revel und Kertsch, könnten die Absicht des Herrn Witte,- die öffentliche Meinung in Amerika im russischen Sinne zu bearbeiten, leicht vereiteln, namentlich wenn noch weitere Vorfälle ähnlicher Art sich ereignen. Denn jenen edlen Männern steht der Jude und das Judentum hoch über dem Kaufmann und dem Geschäfte. Ein gewaltiger Unterschied zwischen diesen amerikanischen Bankiers und ihren europäischen Kollegen, die leider verteufelt wenig darum fragen, was da hinten in Rußland Menschliches, Unmenschliches vorgeht! Sie hören nur das Rollen des Silberrubels. Die als nüchtern verschrieenen Amerikaner denken anders; die Tatsachen werden es nicht nur einen „Lokalanzeiger" lehren, der in seinen Sensationsberichten mit kühner Stirn behauptete, 'die jüdische Frage sei Nebensache, die Finanzangelegenheiten die Hauptsache. Auch der geriebene „smarte" Herr Witte wird sich wohl vor dem eisernen Willen der amerikanischen Juden beugen müssen, wenn sie ihm die eisernen Türen zu ihren Tresors öffnen sollen. Zwei von Haus aus gleichwertige - Gegner stehen sich da gegenüber; einer ist freilich im Vorteil, denn Recht und Gesetz, Menschentum und Menschenwürde stehen auf seiner Seite und das ist das Judentum, das die Herren Schiff, Seligmann und Strauß vertreten, bevollmächtigt und beauftragt, um im Diplomatenstil zu bleiben. Und sie werden siegen, denn sie kämpfen in einem guten Zeichen und für die Sache der Menschheit! Darum werden die Tage von Portsmouth, auch wenn ihre Folge nicht das Ende des russisch-japanischen Krieges und der Friede sein werden, eine kultur-historische Bedeutung haben in der Geschichte der modernen Humanitätsentwicklung. Dir Woche. Berlin, 22: Augüst. ie Existenz liber ale r /Ant-ise mit e n — und zwar nicht / bloß-in Preußen, sondern " auch in Bayern — ist in dieser Woche durch eine der. bei den Sozialdemokraten so beliebten Indiskretionen wieder einmal klar erwiesen worden. Die „Münchener Post" behauptet Nämlich, das führende-Blatt der. bayerischen Liberalen auf krummen antisemitischen Schleichwegen ertappt zu haben. Und zwar soll dies durch folgende Details erhärtet werden: - „Wir haben neulich festgestellt, Laß das liberale Blatt eine in einem ultramontanen Verlag in Böhmen erschienene Hetzschrift anti- . semitischer Tendenz warm empfohlen hat. Unsere daran geknüpfte Bemerkung, daß die „Abendzeitung" damit verschämt der antisemitischen Propaganda-Vorschub leiste, bezeichnet der pfälzische Korrespondent dieses liberalen Organs als eine „niedriger zu hängende Verleumdung". Die von uns berührte Vorgeschichte der Kandidatur Dr. Goldschmit sei eine „bewußte Unwahrheit". Die liberale Partei stelle ihre Kandidaten ohne'Rücksicht auf ihre Konfession auf. Dagegen sei der liberale Abgeordnete Goldschmit gerade wegen seiner jüdischen Abstammung von der gegnerischen Presse, insbesondere von der Münchener Post, beschimpft worden. * Der liberale pfälzische Korrespondent, der uns in solcher Weise anflegelt, scheint die Vorgänge in Bayern ebenso genau zu kennen, wie etwa die Redaktion des Berliner Lokalanzeigers. Was die angebliche Beschimpfung des Herrn Dr. Goldschmit betrifft, so stellen wir — um das gleich vorweg zu nehmen — fest, daß die sozialdemokratische Presse sich allerdings mitunter über diesen Herrn lustig gemacht hat, aber nicht etwa seiner jüdischen Abstammung wegen, sondern im Gegenteil deshalb, weil er furchtbar gern als Urgermane gelten und seine israelitischen Vorfahren ableugnen möchte.. Dann aber ist in der Wahlbewegung tatsächlich die israelitische Abstammung des Herrn Dr. Goldschmit abgeleugnet worden. Die Anhänger des jetzigen liberalen Abgeordneten, Lehrer Beyhl, hüben seinerzeit mit der Motivierung gegen Goldschmit gearbeitet, dieser sei ein Jude. Daraufhin ist unter den Liberalen ein Schriftstück verbreitet worden, in dem u. a. ausdrücklich bemerkt war, daß Dr. Friedrich Goldschmit II in München „kein Jude ist oder .jDar". Aus diesem Zirkular, das doch sicher nicht von den Gegnern des Herrn Dr. Goldschmit ansging, ist also zu ersehen, daß bei der Aufstellung liberaler Kandidaten eben doch auf die Konfession Rücksicht genommen wird. Uebrigens ist es auch nicht der erste derartige Vorgang. Als seinerzeit der jüdische liberale Landtagsabgeordnete Maison in München starb, sollte an seine Stelle ein jüdischer Rechtsanwalt treten. Dieser Herr wurde aber nicht gewählt, weil die liberalen Häuptlinge seiner Konfession wegen Bedenken gegen ihn hatten. Es entstanden deswegen Verstimmungen, die heute noch nicht ganz beseitigt sein sollen. Tout comme chez nous! Man erinnert sich der Vorgänge innerhalb der preußischen Fortschrittspartei bei den letzten und vorletzten Reichstagswahlen. * Der Ausschuß der deutschen Turnerschaft, der vorige Woche in Königsberg i. Pr. tagte, hat sich durch die mannigfachen. antisemitischen Anzapfungen von seinem bisherigen korrekten Standpunkt, daß konfessionelle und politische Streitigkeiten von den Turnvereinen unter allen Umständen ferngehalten werden müssen, nicht abdrängen lassen. In dem Geschäftsbericht, den der um die Sache der deutschen Turnerschaft hochverdiente greife Vorsitzende Dr. Goetz-Lindenau erstattete, heißt es u. a.: „Im letzten Jahre machten sich gewisse Parteibestrebungen in der deutschen Turnerschaft geltende Leider hat der Versuch, dem im 15. Kreise (Oesterreich) entstandenen Parteikampse, der zum Ausschluß