Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No. 34. mA Berlin, 25. Angnst 1905. citung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljShri. 3 ITC. Reöaklerrr: Gustav Aarpele». Begründet von Rabbiner D*> Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag non Rudolf Masse, Berlin. Drr „lmsrte" Herr Wille. Berlin, 22. August, ie Verhandlungen von Portsmouth dauern fort; ein weltgeschichtliches Ereignis, dessen historische Größe und Bedeutung richtig zu beurteilen späteren Geschlechtern Vorbehalten bleiben muß, spielt sich auf dem Boden Amerikas ab. Im Lande der Freiheit kämpfen die geistigen Vertreter zweier Nationen; mit den Waffen der Klugheit und der List, der Verschlagenheit und der Schlagfertigkeit, den erlaubten .Kampfesmitteln der hohen Diplomatie, wird dort gegeneinander gefochten. Und die endgültige Entscheidung wird und muß Einfluß haben auf die Gestaltung der Welt. Eine andere Frage ist es freilich, ob in Portsmouth selbst schon die Würfel fallen, ob dort, an der Küste des atlantischen Ozeans, das kleine Japan seinem gewaltigen Gegner die Bedingungen abzwingen wird, die das „Land der ausgehenden Sonne" für seine Entwicklung und sein Gedeihen erforderlich hält. Aber selbst wenn es den dankenswerten Bemühungen des „ehrlichen Macklers" Roosevelt nicht gelingen sollte, wenn die Friedenskonferenz ohne Ergebnis beendet wird und der kampfeslustige Marschall Oyama die Fahnen Japans auf den Feldern AsienAzu neuen Siegen trägt, dann wird immer noch die Tagung von Portsmouth von bleibender Bedeutung sein,, die auch an dieser Stelle und für den Jnteressenkreis unseres Blattes Beachtung verdient. Zwei Momente verdienen eine Hervorhebung. Wenn man den Zeitungsberichten Glauben schenken darf, so bilden drei Männer eine von allen Seiten höchst beachtete und mit der größten Zuvorkommenheit behandelte Gruppe, drei Männer, die weder der russischen, noch der japanischen Nation angehören, deren Beglaubigungsschreiben nicht geprüft werden können, weil sie nicht vorhanden sind, die der Friedenskonferenz nicht als Bevollmächtigte beiwohnen, die nichts sind als Juden. Allerdings reiche Juden. Jacob Schiff, Oskar Strauß und Jesse Seligmann heißen sie und sie gehören zu den angesehensten und bedeutendsten amerikanischen Bankiers. Damit tritt ^wieder einmal die Tatsache in Erscheinung, daß die Juden am Ende doch auch ein weltbedeutender Faktor sein könnten, daß ihre Stimmen sogar zuweilen ausschlaggebend sein könnten für das Wohl und Wehe der Allgemeinheit, wenn sie sie nur als Juden in die Wagfchale werfen wollten! Darin steckt nichts, was den Juden zur Unehre gereichen würde. Wie haben sich die Zeiten geändert, wie rasch sind überall die jüdischen Handels- Herren einer gesunderen Entwicklung gefolgt! Dex Begründer ' des Welthauses Rothschild vermittelte einst für den Landgrafen von Hessen den berüchtigten Kauf der hessischen Soldaten an England; Fürst und Hofjude fanden in diesem Handel nichts Schmähliches, der den damaligen Anschauungen und Verhältnissen eben entsprach; mit dem Wandel der Zeiten änderten sich dann auch die Beziehungen zwischen den Fürsten und den Finanzgrößen. Die Geschäfte waren andere geworden, der Jude ist dieser großen national-ökonomischen Entwicklung mit tiefem Verständnis gefolgt. Nichtsdestoweniger hat sich merkwürdigerweise die politische und soziale Lage der Inden gerade in der Periode des wachsenden Völkerverkehrs verschlimmert, während ihre ökonomische sich steigerte. Ein Bismarck konnte 1871 nicht ohne Gersoü Bleichröder auskommen, und selbst das brutale, gewaltige Rußland muß heute demütig vor jüdischen Bankiers das stolze Haupt beugen, muß um die Gaben vom Tische der Reichen flehen. Von jeher abhängig von ihren westlichen Bankiers, den Mendelssohns und den jüdischen Direktoren anderer großen Bankhäuser, macht Rußland heute noch einen großen Schritt weiter. Sergei von Witte, der russische Ministerpräsident, bald .von seines Kaisers Gunst getragen, bald verbannt aus den Strahlen der höfischen Sonne, ist der Vertreter Rußlands, -er Wortführer, der Vertraute des Kaisers, der, mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, eingreist in die Weltgeschichte, dessen Hand mit kühnen Strichen das Weltenbild verändern kann. Sergei von Witte kommt nicht gedemütigt durch die Niederlagen seines Volkes, nicht als Bittender kommt er, stolz und herrisch soll sein Auftreten sein, soweit er sich nicht den ausgleichenden und versöhnenden Regeln der Diplomatie zu unterwerfen hat, ein Sieger fast erscheint er — wenigstens den Japanern gegenüber. Aber der russische Großwürdenträger kommt noch in einer zweiten Mission. Und da erklingt ein ander Lied. Montecucculi sprach einst das berühmte Wort: „Zum Kriege gehören dreierlei .Dinge, erstens Geld, zweitens Geld, drittens noch einmal Geld." ' Witte variiert heute diesen bekannten Satz: „Zum Frieden gehören dreierlei Dinge, erstens Geld, zweitens Geld, drittens noch einmal Geld ..." " Witte will seinem Vaterland deshalb in Portsmouth in zweierlei Hinsicht dienen; er sucht möglichst günstig ans der Affäre mit Japan herauszukommen und sucht nebenbei noch den finanziellen Zusammenbruch Rußlands zu verhindern. Und deshalb tauchen denn auch die drei Männer im Feuerofen von Portsmouth auf. Sie sind bereit, die Anleihe zu vermitteln. Weshalb auch nicht? Rußland ist noch immer ein ganz annehmbarer Geschäftsfreund — aber es ist ihnen nicht nur um den materiellen Gewinn zu tun, sie sind reich genug, um darauf