Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin eine große Partei hinter mir. Die Sache geht ausgezeichnet, und es würde für mich eine große Störung sein, wenn ich in meiner politischen Tätigkeit jetzt durch eine ärztliche Untersuchung behindert werden würde." In seiner Begründung des Urteils führte der Vorsitzende aus, der Gerichtshof habe allerdings Bedenken gegen die geistige Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten, diese gehen aber nicht so weit, daß die freie Willensbestimmung ausgeschlossen erscheine. GrafPückler hat Berufung eingelegt, um die Begründung, der Gerichtshof habe allerdings Bedenken gegen die geistige Zurechnungsfähigkeit des Grafen, durch Gutachten von Psychiatern in der Berufungsinstanz zu widerlegen. -/V Essen, im August. Der Jahresbericht des Vereins israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens und der Pensionskasse desselben zeigt ein Bild des stetigen Fortschritts und der gesunden Entwicklung von Verein und Unterstützungskasse. Die Mitgliederzahl des Vereins ist wieder gestiegen, und zwar zählt derselbe zurzeit außer 9 Ehren- 181 ordentliche Mitglieder, insgesamt also 190 Mitglieder. (Zum Ehrenmitgliede wurde statutengemäß Herr Stadtrat Max Simon in Elberfeld neu ernannt.) Von diesen gehören 102 zugleich der Unterstützungskasse an. Freiwillig ausgeschieden aus Verein und Unterstützungskasse ist im Februar d. I. ein Mitglied. Unausgesetzt aus die Umwandlung der israelitischen Privatschulen in öffentliche Schulen bedacht, begrüßt der Vorstand es mit Freude, daß nunmehr auch die bisherige Privatschule in Eschweiler auf den Kommunaletat übernommen worden ist. Die Lehrer an den Privat- und Religionsschulen müssen aber, um zum Ziele zu kommen, selbst Hand anlegen. Gerade jetzt ist die günstigste Zeit, langgehegte Wünsche befriedigt zu sehen. Die in Krefeld beratenen Statuten der Pensionskasse find in erster Instanz, welche noch kleinere, nicht prinzipielle Abänderungen nach dem ministeriellen Musterstatut verlangte, genehmigt. Auch die zweite Instanz hat sie bis auf einen einzigen Satz in einem der 44 Paragraphen enthaltenen Satzungen genehmigt. Die Einnahmen der Kasse waren wieder ansehnlich, wenn sie auch nicht die vorjährige Höhe erreichten. Sie betrugen 13 477 M. 98 Pf. Nach Abzug, der Verwaltungskosten und der Rückzahlung der Beträge eines früheren Mitgliedes an seine Witwe verbleiben ca. 8000 Mark zu Unterstützungen. (Im Vorjahre waren wegen der übergroßen Zunahme der Unterstützungsberechtigten sogar ca. 9500 M. an Unterstützungsgeldern gezahlt worden.) Trotz alledem ist das Kapitalvermögen am 1. Januar d. I. auf 132438,55 Mark gewachsen. Da die Zinsen hiervon zu 3'*./, v. H. noch bei weitem nicht ausreichen, die große Zahl der Unterstützungsanteile angemessen zu dotieren, so ist es unabweisbare Pflicht, auch fernerhin mit allen Kräften dahin zu streben, daß die Einnahmen und die dav.on abhängige Quotenhöhe nicht verringert werden. Zu den Einnahmen des Berichtsjahres haben wie immer in erster Reihe beigetragen Herr Rabbiner Dr. Frank in Köln 2800 Mark durch Sammlungen, Frau Kommerzienrat Beer in Essen, das Werk ihres seligen Gemahls fortsetzend, 300 Mark, Herr Jacob Lippmann in Aachen wiederum 200 Mark, die Synagogengemeinde Krefeld bewilligte anläßlich der dort stattgefundenen Jahresversammlung 200 Mark. Der verstorbene Herr Emanuel Hirschland in Essen hinterließ testamentarisch zur sofortigen Verteilung durch den Vorsitzenden und den Rendanten 300 Mark. Der Vorstand besteht aus den Herren Lehrern Graf-Essen, Vorsitzender; Liepmannssohn-Minden, stellvertretender Vorsitzender; Baum-Rheine, Kaufmann-Gelsenkirchen, Fröhlich-M.-Gladbach. il. Würzbirrg, 7. August. Den Tod des am 24. v. M. hier verstorbenen Kommerzienrats Max Heim haben wir bereits kurz gemeldet. Aber es ist erforderlich, ausführlicher darauf zurückzukommen. Max Heim wurde am 1. März 1853 in Marktbreit geboren als Sohn des dortigen Kaufmanns und späteren Eisenbahnrats Heinrich Heim, der 1865 sein großes Eisengeschäft nach Würzburg verlegte, wo Max Heim das Gymnasium absolvierte. 1876 Teilhaber der Firma „Gebrüder Heim", übernahm Max Heim 1886 das Geschäft als alleiniger Inhaber, bis er es vor Jahresfrist krankheitshalber abgab. Sein Name wird in Würzburg als der eines Ehrenmannes unvergeßlich bleiben. Ein Zeichen für seine Beliebtheit war auch die große Teilnahme an der Beerdigung am 26. v. M. Die Würzburger „Neuner" spielten den von dem Verstorbenen selbst komponierten Trauermarsch der Sängerverein, dessen treues hochgeschätztes Mitglied £eim getoefen* .--rix'--,' , > trug das Lied „Um Friede" vor. Hinter dem Leichenwagen, welchem sich die Leidtragenden anschlossen, folgte Herr Rabbiner Bamberger mit dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Bürgermeister Hofrat von Michel mit mehreren Magistratsrüten, Musikschuldirektor Hosrät Kliebert. der Ausschuß des Verschönerungsvereins, die Neuner- Kapelle mit ihrem Musikdirektor, die freie schlagende Verbindung „Salia" mit ihren Chargierten und Philistern, der Sängerverein mit Fahnen u. v. a. Am Friedhof hielt Distriktsrabbiner Bamberger eine ergreifende Grabrede. Er schilderte die vorzüglichen Eigenschaften des Verstorbenen, sowohl seine strenge Geschästsreellität, liebevolles Benehmen und aneiferndeu Fleiß, als auch seinen seltenen Wohltätigkeitssinn und seine kräftige Beteiligung bei allen Vereinen und Institutionen zur Hebung und Förderung gemeinnütziger Zwecke und Ziele, endlich seine besondere Liebe zur Musik, die stets seine treue Begleiterin im Leben, seine Genossin im Dasein, seine Gefährtin bei allen Gelegenheiten gewesen. Ebenso wirkte er auch schöpferisch aus diesem Gebiete, indem er vielfache Kompositionen verfaßte, die sich alle fachmännischen Beifalls zu erfreuen haben und ihm als Tonkünstler einen hochgeachteten Namen verschafften. Hierauf ergriff der erste Chargierte der „Salia", Herr I. Frank, das Wort, dem Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf zu widmen. Nachdem auch vom Sängerverein Worte der Anerkennung und der Freundschaft gesprochen waren, trat der Kgl. Direktor der Musikschule, Hofrat Dr. Kliebert, vor, und widmete mit Rührung und herzlicher Teilnahme einen kurzen Nachruf. Nach der Verrichtung der üblichen Gebete wurde der Sarg in das Grab gesenkt. Gesterreich-Ansarn. □ Wien, 14. August. Soeben ist der Bericht über die hiesige Israelitisch-Theologische Lehranstalt erschienen. Voran geht eine gediegene, strengwissenschaftliche Abhandlung des Rektors Professor Schwarz über Maimunis Mischneh Thora. Dann folgt der Bericht des Kuratoriums, das in diesem Jahre zwei Mitglieder verloren hat, den kaiserlichen Rat Heinrich Klinger in Wien und Dr. Moritz Lichtenstern in Prag. Das Kuratorium besteht jetzt aus folgenden Herren: Moriz Edler von Kuffner, Präsident; Theodor Ritter von Taußig, I. Vizepräsident; Dr. Emil Byk, II. Vizepräsident; Emil Karpeles, Kassierer; Hofrat Professor Dr. K. S. Grünhut, Oberrabbiner Dr. Moriz Güdemann, David Ritter von Gutmann, k. k. Landes- , schulrat Dr. Gustav Kohn, Wilhelm Freiherr von Königswarter, Landesrabbiner Dr. B. Placzek in Brünn, Dr. Arnold Rosenbacher in Prag, Rabbiner Dr. Abraham Adolf Schmiedl, Dr. Adolf Stein, Dr. Alfred Stern. Der Bericht des Rektors stimmt bewegliche Klage über den Mangel an Vorbildungsanstalten für den Rabbinerberuf an. Darin sei es auch begründet, daß auch im 12. Jahre des Bestehens der Anstalt keine Rabbinerprüfung zu verzeichnen sei. Eine Anstalt, deren Jünger nicht zur rechten Zeit ihr Examen abzulegen in der Lage find, sei mit einem Uebel behaftet, und darauf hinzuweisen war die Pflicht des verantwortlichen Rektors. Im letzten Jahre wurde Dr. Zwick, bisher Rabbiner in Horn, nach Mähr.-Kromau, die Herren Dr. Zimmels und Dr. Arje noch vor ihrer Rabbinerprüfung, der erste nach Polna, der zweite nach Dobris als Rabbiner berufen. Die Anstalt zählte im Berichtsjahr-25 Hörer. Italien. — Mailand, 4. August. Hier ist am 2. dieses Monats der Llteratur- .Historiker Senator Tüll0 Massarani im Alter von 79 Jahren gestorben. Massarani, der aus einer wohlhabenden und angesehenen jüdischen Familie stammte, war in Mantua geboren, ließ sich aber 'in jungen Jahren in Mailand nieder und schloß sich den Männern an, die die politische Wiedergeburt Italiens vorbereiteten. Nachdem in den „Lingvo Giornate“ die Oesterreicher verjagt worden waren, trat Massarani in die Redaktion des „XXII. Marzo“ ein, eines Blattes, das eben so rasch verging, wie es entstanden war. Massarani mußte mit den anderen Redakteuren ins Ausland flüchten 'und schickte von Frankreich und von England aus republikanische Flugblätter nach Italien. Später war er Redakteur an ' dem von Carlo Tenca geleiteten „LrepusovI^" und noch später Mitarbeiter an dem „Nipote di Vestaverde“. In seinen Mußestunden widmete er sich unter der Anleitung von