Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Dr. Freudenthal, daß man die Bildung deutscher Wörter durch Zusammenstellung hebräischer Buchstaben vermeiden müsse, wurde von fast allen Seiten zugestimmt. Doch in den Hauptpunkten des Referats konnte lange keine Einigung erzielt werden. Die Kollegen Geisenberg und Schreiber verteidigten die Horwitzsche Fibel; Kollege Mannheim stimmte dagegen dem Referenten in dem Urteil vollkommen bei.. Die Horwitzsche Fibel sei ein Produkk der 60er Jahre und enthalte viele pädagogische Fehler, die Fibel von Bruchtaler vermeide dagegen die Horwitzschen Fehler ganz, wahrend , eine ganze Reihe wertvoller Vorzüge schon durchgeführt ist. Um das Interesse beim Anfangsunterricht im hebräischen Lesen zu heben,, empfehle er neben einer guten Fibel den Marxschen Leseapparat. Die Kollegen Schreiber, Rh'närzcwski und Jungmann protestierten gegen die Fassung des Themas: „Die Umgestaltung des hebräischen Unterrichts", weil darin eine unverdiente Geringschätzung der bisherigen Leistungen liege. Sie konnten sich nicht für die neue Methode im Uebersetzen erwärmen, wollten vielmehr die Erfolge abwarten. Die Herren Geisenberg und Mannheim wären anderer Meinung. Wenn der Verbandsvorstand das Thema so gestellt hat, so war es den Herren auch klar, daß sich die Notwendigkeit einer Umgestaltung des hebräischen Unterrichts herausgestellt hat. Auch brauche man sich nicht zu scheuen, eine Methode zugunsten einer besseren fallen zu lassen. Das beweise auch die Geschichte der Pädagogik, welche die früheren Pädagogen gewiß nicht als minderwertig hinstellt, obzwar deren Methoden längst überholt sind. Kollege Mannheim trat dann noch kräftig für die Forderungen des Referenten ein und betonte besonders den Wert der sprachlichen Uebungen. Im letzten Jahre habe er diese Methode in der Unterstufe mit dem besten Erfolge angewendet. Gerade weil so wenig Zeit für das Hebräische zur Verfügung steht und der häusliche Fleiß viel zu wünschen übrig läßt, ist ein gründlicheres Eindringen in die hebräische Sprache dringend erforderlich. Nach einem Schlußwort des Referenten wurden die Thesen aufgestellt, welche folgenden Wortlaut erhielten: 1. Der hebräische Unterricht hat vor allem die Aufgabe, die Schüler zur verständnisvollen Teilnahme am Gottesdienst zu befähigen. 2. Die Umgestaltung der Methode hat bereits beim Leseunterricht zu beginnen. Bei diesem beachte man die allgemein anerkannten Grundsätze der Pädagogik: Gehe vom Leichten zum Schweren! Unterrichte interessant! Unterrichts gründlich!. 3. Der hebräische Unterricht sei Denk- und nicht Gedächtnisunterricht, deshalb darf der Lehrer nicht nach der memorialen Methode unterrichten. Man gebe den Kindern Vokabeln und grammatische Regeln und rege sie zur Selbsttätigkeit an. 4. Der Unterricht im Uebersetzen beginne nicht mit Gebetstücken, sondern mit Sätzen aus dem späteren Uebersetzungsstofs, die nach ihrer grammatischen Schwierigkeit zu ordnen sind. (Vorstufe für den späteren Uebersetzungsunterricht.) 5. Sehr vorteilhaft sind Uebungen im Anschluß an die Lektion. Mit dem Vokabelschatz bilde man neue Satzformen und lasse auch kleine deutsche Sätze ins Hebräische übertragen. 6. Erst im dritten Schuljahr beginne man mit kurzen Gebetstücken und schreite langsam vom Leichten zum Schweren weiter. Die Schüler müssen an der Hand eines Vokabulariums, in dem der Vokabelschatz der betreffenden Gebetstücke methodisch verarbeitet ist, die Gebete möglichst selbständig übersetzen. 7. Nach diesen Grundsätzen sind drei neue Bücher zu schaffen, eine Fibel, ein Lehrbuch für den ersten und ein Vokabularium für den späteren Uebersetzungsunterricht. Der Vorsitzende berichtete nunmehr ausführlich über den Verlauf des 3. Verbandstages in Kassel und erntete dafür den Dank der Versammlung. Im Anschluß hieran wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in welcher gegen die Dr. .Cahnsche Schmähschrift Protest eingelegt und eine Erklärung abgegeben wurde, daß der Verein treu zum Verband halten wolle. Der bisherige Vorstand, bestehend aus den Kollegen Geisenberg, Mannheim, Rynarzewski, Piski und Schreiber wurde einstimmig wiedergewählt. Auf Antrag des Vorsitzenden wurde beschlossen, eine Auskunftsstelle für die Provinz Weftpreußen mit dem Sitz in Graudenz zu errichten. Lehrer Mannheim hat die Verwaltung übernommen. Außerdem erklärte sich die Versammlung mit einem Antrag des Kollegen Piski-Elbing einverstanden, nach welchem mindestens alle zwei Jahre ein Vortrag aus dem Gebiet des Kantorenfachs gehalten werden soll. . Sn: Salzbrnnn, 5. August. Ich kann Ihnen heute zu meiner Freude berichten, daß die projektierte Kuranstalt für arme Kranke nunmehr begründet worden ist. Infolge der Anregung, die Schreiber dieser Zeilen ün Gemeinschaft mit'dem Rabbiner Dr. Nordheimer im vorigen Jahr gegeben, haben sich eine Anzahl der angesehensten Männer in Berlin, und Breslau zusammengetan und, einen Verein „Jüdisches Hürhospital Bad Salzbrunn" begründet. An'der Spitze dieses Vereins steht Dr. Rothenberg aus Berlin, der hier Badearzt ist und seine-ganze Kraft in den Dienst dieser edlen Sache stellt. Trotz seiner umfangreichen Praxis widmet er jede freie Stunde diesem edlen Werke wahrer Menschenliebe. Geh. Medizinalrat Professor Dr. Senator ist Ehrenvorsitzender. In der kurzen Zeit des Bestehens hat der Verein schon recht Lobenswertes geleistet. Bis jetzt hat er au Einzelspenden 8000 Mark, außerdem zählt er bereits 302 Mitglieder mit Beiträgen von 3 bis 100 Mark. Einstweilen sollen die Kranken in einer vom Vorstande jedes Jahr zu bestimmenden Anzahl, bis zur Fertigstellung des Krankenhauses, in Privathäusern untergebracht werden. Der Verein hat bereits in diesem Jahr 6 Kränke vollständig versorgt, außerdem für eine größere Anzahl einen Teil der Kurkosten bestritten. Auch der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin hat verschiedene Kranke nach Salzbrunn geschickt, für welche der Verein Mittel beigesteuert hat. Allen Kranken aber wird in liebenswürdiger Weise von dem Vorsitzenden des Vereins Dr. Rothenberg ärztliche Hilfe unentgeltlich zuteil, und für die Unterbringung ist gesorgt. Die Geschäftsführung in Berlin, wo der Sitz des Unternehmens ist, wird von dem auf dem Gebiete der Wohltätigkeit sehr versierten Frl. Dr. Frieda Samter und dem ebenso bekannten Herrn Kosterlitz versehen, die ihren ganzen Einfluß einsetzen, um dem Verein neue Freunde zu verschaffen. Dr. Rothenberg plant, im Oktober in Berlin ein großes Wohltätigkeitskonzert zu veranstalten, dessen Ueberschüsfe dem Verein zugute kommen sollen; mögen aber auch die mit Glücksgütern Gesegneten diesem noch jungen Werke ihre Zuwendungen machen, damit das jüdische Kurhospital in Bad Salzbrunn sich allen ffeinen Schwesternanstalten, die so viel Segen schaffen, bald würdig anreihen kann. Gr. Glogait, 10. August. Heute fand hier endlich der Prozeß gegen den Grafen Pückler wegen Beleidigung und Bedrohung Patt. Derselbe wurde zu einer Gesamtstrafe von 350 Mark verurteilt. Für uns sind nur folgende Momente aus der Verhandlung von Interesse. Pückler sagte in seiner Verteidigungsrede u. a.: „Deutschland braucht tüchtige Kerle. Denn das Vaterland muß errettet werden von der furchtbaren jüdischen Gefahr, von der es bedroht wird. Auf die Dauer kann das Vaterland die, jüdische Herrschaft nicht ertragen. Wenn der Geldsack noch weiter regiert, dann wird bei uns bald die Stille des Grabes herrschen. Ja, meine Herren, Sie müssen das Herz auf dem rechten Fleck haben. Ich bin vielleicht, meine Herren, der einzige Mann, der mit Gottes Hilfe eine Besserung der traurigen Verhältnisse herbeisühren kann. Ich glaube sicher, daß ich allein imstande bin, das zuwege zu bringen." Trotzdem erklärte der Sachverständige Dr. Petersen: „Es läßt sich nicht ohne weiteres diese Frage beantworten, ob der Angeklagte geistig zurechnungsfähig ist, und ob ihm der § 51 zur Seite steht. Ein Urteil läßt sich nur darüber abgeben, wenn der Geisteszustand durch längere Beobachtungen festgestellt ist. Er habe den Angeklagten nie untersucht, und auch das Aktenmaterial, das ihm zur Verfügung stand, sei nicht vollständig gewesen. Der Angeklagte sei ein exzentrischer Herr und ein eigentümlicher Charakter. Er war, wie er einmal selbst gesagt hat, zu- Zeiten mit seinen Nerven fertig. Der Angeklagte war zutyeilen mehr als hochgradig MövDs, das beweise sein ganzes Auftreten und zum Beispiel die VergiftUttgsgeschichte in der Schweiz." Er schließt seine Ausführungen damit, daß er erklärt, kein positives Urteil über den Geisteszustand des Grafen abgeben zu können. Er kommt auch noch daraus zurück, daß Pückler von seiner göttlichen Mission gesprochen und erklärt habe: „Das kann nur einer sagen, der Christus kennt- Er hatte auch erklärt, er würde den Kampf überhaupt nicht führen, wenn nicht Christus bei ihm gewesen Ware." — Zum Schluß bat Pückler noch dringend davon abzusehen, ihn zur Beobachtung seines Geisteszustandes in einer Heilanstalt unterbringen zu lüfsen. „Mit meiner sogenannten „Verrücktheit" geht es nun schon drei Jahre so. Neunzehnmal habe ich schon vor Gericht gestanden. Jetzt habe ich in