Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Kehren wir nun erst wieder ans kurze Zeit aus die Unglücksstätte zurück. Der Förster, erst seit kurzem in der Gutsforst angestellt' war ein über die Maßen strenger, manchmal sogar herzloser Beamter. Ertappte er arme Leute beim Holzsammeln, die sich , nicht im Besitze des nötigen Erlaubnisscheines.befanden, so zeigte er sie rücksichtslos zur Bestrafung an. An jenem Abend hatte ein Patrouillengang den scharfen Wächter zufällig in jene Gegend geführt, in welcher Wichard auf das Schwarzwild schoß. Eiligen Fußes folgte der eifrige Weidmann, der Wilddiebe vermutete, dem Schälle des Schusses, und kam gerade an das Gatter, als der sorglose Dorfbewohner wieder nach Hause gehen wollte. Schwer getroffen war der. Förster zusammengebrochen. Die Schrotkugeln hatten in dichter Garbe das rechte Auge total zerstört und die Stirn durchschlagen. Das Gesicht dem Boden zugewendet, beide Hände krampfhaft in das Gras gegriffen, lag der Unglückliche auf dem Rasen und rührte sich nicht mehr. Bleich dämmerte jetzt das Mondlicht, von dünnstrichigen Wolken matt verschleiert, auf die stille Gegend herunter, und vom Dorfe herüber erscholl das Geschrei der Hofhühne. Schon als Wichard aus das Wild gefeuert, hatte sich, wie vom tiefen Schlaf erwacht, ein Mann aus dem nahen Haselgebüsch erhoben, der ungesehener Zeuge des eben geschilderten Auftritt gewesen war. Vorsichtig trat die Gestalt aus ihrem Schlupfwinkel hervor und näherte sich bedächtig dem still Daliegenden. Jetzt blickte der Mond auf ein paar Minuten wieder klarer hervor und beleuchtete das Antlitz des schleichenden Nachtwandlers. Die mächtige Figur, der lange feuerfarbene Bart verrieten unverkennbar den roten Erdmann. „Muß doch mal. sehen, ob mein Neffe wirklich solch' ein Teufelschütze ist!" sprach der Forschende, indem er sich über den Körper des Försters hinbeugte. Er wird doch nicht gar — —? — Alle Wetter, was ist das? — Bombenelement! Der Mensch ist ja tot!" — Mit diesen Worten hob Erdmann die Arme des stillen Mannes in die Höhe; sie sielen schlaff zurück. Er wendete den Regungslosen um und wischte ihm notdürftig das Blut aus dem Gesichte. „Wirklich erschossen, und zwar von Deinem eigenen Neffen. Das ist eine ganz verflixte Geschichte!" stotterte er, doch nicht ohne eine gewisse Bangigkeit. „Der hat's nicht schlecht im Kriege gelernt; das muß ich ihm als Feind nachsagen." „Wie wär's, wenn wir nun abrechneten, mein stolzer Herr .Verwandter?" setzte voll Bitterkeit der Grinsende das Selbstgespräch fort. „Jetzt hätten wir ja den glücklichen Ehemann und Mörder, den Besitzer des schönstes Weibes in Händen!" Ein rohes Auflachen des höhnischen Menschen verriet seine Aufregung. Er schwankte, was sollte erbeginnen? Das Rachegefühl mahnte den Erbosten allerdings zur Denunziation des Täters. — „Der rote Erdmann ist nicht so dumm!" rief er plötzlich beruhigter. — „Es soll niemand wissen, wer den Förster erschoß! — Das wird mir zum Vorteil dienen!" „Läuft das so davon und. läßt alles stehen und liegen! — Nein, was ist die Well heutzutage leichtsinnig!" begann der Gefühllose von neuem voll Hohn. „Bleibt die Leiche hier liegen, so hat man den Täter auch bald heraus, und das darf nicht sein!" — Der Rote packte den Förster, hob ihn wie einen Spielball in die Höhe, warf ihn griffgerecht, als hantiere er mit einem Stück erlegten Wildes, auf seinen breiten Rücken und verschwand mit dem Toten im dunklen Walde. Etwa eine Stunde mochte verstrichen sein, als der Leichenträger wieder an Ort und Stelle war. Jetzt besah er aufmerksam den Boden, so gut das beim Mondschein möglich war, und stampfte auf dem Rasen herum, der hier und da von Blut gerötet erschien. Dann warf er alte vertrocknete Tannennadeln, Moosstückchen und trockene Erde überall umher. Die Flinte hatte er dem erschossenen Waldwärter in die Hand gegeben. Die größte Ueberwindung kostete es dem sonst so Gewissenlosen, dem Erschossenen die schöne silberne Uhr und das halbgefüllte Portemonnaie zu lassen. Wer ein instinktives Gefühl der Vorsicht veranlaßte den hartgesottenen Sünder, die hervorgelangten Wertgegenstände wieder in die Kleider des Beamten zu stecken. „Jetzt soll's schon jemand erraten, wo der Grünrock erschossen wurde!" lachte der Beschäftigte. „Eine halbe Stunde von hier, am Sandsteinbruch, da mag's meinetwegen passiert sein. — Mag doch die Polizei, die immer so klug fein will, sehen, wie sie das Verbrechen herausschnüffelt. Von mir bekommt sie einstweilen nicht das geringste zu erfahren!" (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Einen Predigtzyklus zum Gedächtnisse Schillers hat Rabbiner Dr. I. Loevy in Graudenz am ersten und letzten Tage des Passahfestes und am Nemnondssabbat gehalten. Derselbe ist jetzt in Gustav Röthes Verlagsbuchhandlung in Graudenz unter dem Titel „Schiller, die Worte des Glaubens" erschienen. Die Begriffe Freiheit, Tugend und Gott, wie sie Schiller in dem Gedichte „Die Worte des Glaubens" als seine bürgerliche, sittliche und religiöse Ueberzeugung hingestellt hat, sind von dem Redner diesen schwungvollen Betrachtungen zugrunde gelegt worden. Die Lebensideale des deutschen Dichters werden mit den Mahnungen unäForderungen des größten israelitischen Propheten, Moses, wie sie aüs der Thora hervorleuchten, in Vergleich gezogen. Die drei Kanzelreden sind' erfüllt von dem Worte eines jüdischen Weisen: „Gute, edle Menschen gewinnen, wenn man ihres Todes gedenkt, erst das rechte Leben"; die Reden atmen zugleich die Freude des jüdischen Predigers, der mit Recht bedeutenden Wert darauf legt, daß seine Glaubensgenossen sich als fester Bestandteil der großen dentschen^Nation fühlen, welcher Schiller durch Geburt und Wesen angehörte. Die kleine Schrift ist ein würdiger, in Form und Inhalt erhebender Nachtrag zur Schillerfeier im Deutschen Reiche und verdient Beachtung und Verbreitung sowohl innerhalb wie außerhalb unserer religiösen Gemeinschaft. * — Die Oxford University Preß hat jüngst eine Sammlung von sechzehn englischen Essays veröffentlicht, bie ,Hebrew Humour and Other Essays“ betitelt sind, und den langjährigen Mitarbeiter an diesen Blättern, Rev. Dr. Chotzner, zum Verfasser haben. Letzterer weist in diesen Essays auf die Tatsache hin, daß in verschiedenen hebräischen Werken altern und jüngern Datums hie und da Humor und Satire sich vorfinden, die häufig höchst pikant und anziehend sind. Dr. Chotzner zieht in den Kreis dieser Werke, nebst der Bibel, dem Talmud und dem Midrasch, vorzugsweise auch die humoristischen Schriften, die von Alcharizi, Immanuel, Kalonymos ben Kalonymos, Jbn Chasdai, Isaak Erter und Juda Loeb Gordon verfaßt worden sind. Mehr oder weniger ausführliche Biographien der besagten hebräischen Dichter sind in der fraglichen Sammlung enthalten, welcher Umstand ihr einen nicht zu verkennenden literarischen Wert verschafft. Dieselbe ist auch recht schön ausgestattet und hat Messrs. Luzac & Co., (Great Ruffel Str., British Museum, W. C. London) zum Verleger. X. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.