Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Raschi-Stiftung sich trefflich entwickeln möge. Die jüdische Gemeinde, von Worms aber, auf die in diesen Tagen so viele Augen gerichtet sind, sie wird, nachdem sie die ihr während vieler Jahrhunderte anvertrauten Kleinodien so gewissenhaft bewahrt hat, auch treue Wacht halten an den Stätten, die uns jederzeit erinnern an den unsterblichen Raschi. Der alte Solmkrsn?. Eine altmärkische Dorfgeschichte von Hermann Robolskh. IV. ie Nacht war still wie das Grab. Nicht ein Lüftchen regte sich in den Zweigen des nahen Waldes. Des Mondes Strahlen webten geheimnisvoll in den dunklen Blättermassen und warfen seltsam gestaltete Schattenbilder auf die Felder herüber. Jetzt wurde der unschöne Lockton eines Rebhuhnes aus der fernen Roggenniederung hörbar: über den taghellen Pfad huschte geräuschlos ein Wiesel, das ebenso schnell im hohen Grünwerk des Ackerlandes verschwand. Vom Dorfturm schlug es 11 Uhr, und gleich darauf ließ der Nachtwächter sein Horn erschallen. „So ist es: wenn man auf das Viehzeug wartet, um ihm eine Lektion zu geben, kommt es nicht!" murmelte der einsame Posten gelangweilt. . . „Gehe ich jetzt nach Hause, so finde ich morgen sicher mein Feld zerwühlt!" Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, und es schien, als wenn es gar kein Wild im Walde gebe. Weichen Fluges war wohl eine Schleiereule an den Schätzen vorübergestrichen; aber er kannte die Nützlichkeit dieses, so verleumdeten Nachtvogels, und wenn er auch die Flinte übend an die Schulter gehoben und mit dem Lauf den Mäusesänger verfolgte, — an Schießen dachte der Landmann doch nicht. War ja auch der Grund seiner Wacht ein anderer, als unschuldige Tiere zu erlegen. An Mitternacht konnten nur noch einige Minuten fehlen; — dann trat ja die Stunde ein, wo nach einem lächerlichen Aberglauben sich alles das rührt, was hier das Tageslicht scheuen muß. Da beginnt auch der wilde Jäger, der nimmer zur Ruhe kommende Huckelberg, seinen grausigen Nachtzug. Unter mächtigem Hallo, Peitschenknall und Hundegebell zieht der tolle verwunschene Weidmann mit seinem gewaltigen Troß durch die Lüste über Wald und Feld, und mancher alte Hirt und Jäger schwört darauf, den nächtlichen Spuk gesehen zu haben. Wichard schickte sich zum Heimwege. an. Er warf die Flinte wieder über die Schultern. Der Gedanke an die Seinen war mit einem Male wie eine leise Sehnsucht in ihm wach geworden. „Gewiß," sprach 'er halblaut vor sich hin, „erwartet Dich Dein herzig Weib noch und hat am Ende Deinethalben die Ruhe noch nicht aufgesucht. Vielleicht fasse ich das böse Borstenvieh das nächste Mal!" Der Einsame hatte noch nicht zehn Schritte getan, da knackte es verdächtig im dicken Unterholze am Gatter. Aufhorchend blieb der Hüter seines Feldes stehen. Wieder brach und rumorte es im Dickicht. Scharfen Blickes spähte der Schütze nach der Einfriedigung.. Da arbeitete sich eine Bache mit ihren Frischlingen durch das Staket und begann dann sofort ihr Vernichtungswerk an der erst so sorgsam gepflegten Saat. „Warte!" schält der empörte Landmann, „ich will euch heimleuchten!" Und wieder hob der Ueberraschte die Flinte an die Schulter und visierte kurz. Blitz und Knall folgten schnell aufeinander; dann wurde ein furchtbares Schreien und Grunzen laut, und das ganze Rudel Schwarzwild verschwand wieder im dunklen Walde. „Einen gehörigen Denkzettel hat das alte gefräßige Vieh gekriegt; sobald kommt es nicht zurück!" jubelte der Schütz und machte nun, innerlich zufrieden, Kehrt. Da erscholl hinter ihm eine mächtige Stimme: „Halt! Stehen bleiben!" Was'war das? — Der Angerufene drehte sich kurz um und lebhafter pochte sein Herz. Er konnte es kaum fassen, daß er mit dem Befehl gemeint sei. Doch sah der Erschreckte deutlich eine hohe Jägergestalt, welche, die Flinte erhoben, am Waldrande drohend sich ihm zugewandt hatte. „Ihr habt mir höchstens gar nichts zu befehlen!" rief Wichard, sich allmählich fassend, zurück. „Der Acker gehört mir, und wenn Euer Wild mir die Saat ruiniert, wird's auf den Trab gebracht. Wenn Ihr glaubt, im Rechte zu sein, so zeigt mich an, und muß ich Strafe bezahlen, so kostete noch keine Kuh und das Geld wird bezahlt! — Verstanden?" — Mit diesen Worten drehte sich der junge Hofwirt um und schritt ruhig dem Dorfe zu. „Wilddieb! Stel/ oder ich geb' Feuer!" donnerte der Förster dem unschuldigen Manne nach. Dieser stutzte allerdings bei dem Worte „Wilddieb", doch hatte er nicht Lust, mit dem groben Schutzbeamten anzubinden und ging deshalb, als habe er das Schimpfwort nicht verstanden, still weiter. Auf die Drohung des Schießens gab Wichard erst recht nichts, denn er hielt sie nur für leere Schreckworte. „Steh, Hallunke!" hallte es zum dritten Male vom Forste her. Gleich darauf krachte ein Schuß durch die stille Nacht, und der harmlose Erbsenhüter fühlte plötzlich einen ftecheudeu Schmerz am linken Unterarm. Die Schrotkugeln hatten ihm das dicke Fleisch gestreift. An seiner Hand herunter rieselte warm das Blut. „War das so gemeint?" schrie in aufwallendem Zorn der Geschossene, und seine Büchse am Lauf fassend und den Kolben hoch geschwungen, sprang er dem Förster entgegen, der seinerseits einen zweiten Hahn aufzog und seine Flinte zur Verteidigung bis zur Schulter hochzog. Wichard war verloren. Doch blieb dem Förster keine Zeit zu einem zweiten Schüsse. Aus Wichards Büchse krachte es und der Forstbeamte stürzte mit einem gellenden Aufschrei zu Boden. Gustav stutzte. An dem Schuß war er unschuldig. Die hocherhobene Büchse hatte einen schwankenden Zweig getroffen und dadurch war sie losgegangen. Als aber der Geängstigte nach Verziehen des Dampfes den Förster nicht mehr stehen sah. überkam ihn ein namenloses Entsetzen. Wie ein gehetztes Wild stürzte er über Aecker und Gräben, ohne Beachtung des Weges seinem Dorfe zu. Hatte er sich vorher recht auf den liebevollen Empfang seines Weibes gefreut, so atmete er förmlich leichter auf, als er zu Hause schon alles schlafend fand. Notdürftig verband der Verwundete seinen Arm, verwischte sorgfältig alle Vlutspuren an Zeug und Flinte und ' legte sich dann in furchtbarer Aufregung ins Bett. Der Morgen graute indessen schon und noch hatte der Arme kein Auge zugetan. Als ihn endlich doch der Schlaf übermannte, verfolgte den Gequälten fortwährend im Traum das totenbleiche Gesicht des Försters, der drohend die Hand gegen ihn erhoben hatte und aus eine klaffende Wunde am Kopfe wies. Laut stöhnend warf sich der Schläfer auf die andere Seite aber immer neue Schreckgespenster ängstigten ihn.