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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-18 · Heft 33 (18.8.1905) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394 - dem Elieser sein Anliegen vorgebracht,' sagt uns der Vers 50 desselben Kapitels: „Da antwortete Laban und Bethuel: „Von dem Ewigen ist die Sache ausgegangen." Nascht beanstandet, daß Laban, der Sohn, vor dem Vater in einer so wichtigen Angelegenheit das Wort ergreift und, er sagt deshalb in seinem Kommentar: „Laban war kein frommer Mann, sonst hätte er nicht vor seinem Vater gesprochen." 1. Buch Mos. Kap. 49, Vers 5, 6, 7 tadelt der, sterbende Jakob seine beiden Söhne Simeon und Levi über früher von ihnen begangene Fehler, dabei heißt es wörtlich: „An ihre Versammlung schließe sich nicht meine Ehre." Deshalb kommentiert Raschi zur Stelle: ,-,Als Korah, ein Nachkomme Levis, das Volk aufwiegelte", wird von der Bibel 4. Buch Mos. Kap. 16, Vers 1 die Abstammung. Korahs nur bis Levi festgestellt, nicht aber hinzugefügt, Levi, der Sohn Jakobs, während es Chron. 1, Kap. 6, Vers 23 ausdrücklich heißt: Levi, Sohn Israels. Die Zurechtweisung dieser beiden Söhne schließt mit Vers 7 : „Verflucht sei ihr Zorn, denn er ist heftig." Hierzu bemerkt Raschi: „Nicht seine Kinder verfluchte Jakob, sondern ihren Zorn." Und nun möchte ich noch auf eine hagadische (homiletische) Erklärung Raschis Hinweisen. 1. Buch Mos. Kap. 8, Vers 11 handelt von der Taube, die Noah das Oelblatt überbrachte. An die biblischen Worte: „sie hatte es gepflückt mit ihrem Schnabel" knüpft Raschi die sinnitze Erklärung: „Die Taube habe damit andeuten wollen, daß die Nahrung, die sie sich selbstdurch ihre Arbeit erworben, und wenn sie auch noch so bitter sei wie das Oelblatt, ihr immer noch besser munde als diejenige von Menschen Hand gereicht, wenn auch noch so süß." Diese wenigen Proben zeugen ebensosehr von dem Scharfsinn Raschis als auch von seiner humanen Denkweise. So ist es fast natürlich, daß das Leben dieses schlichten Gelehrten durch viele Sagen und Legenden verklärt wurde, von denen zwei hier einen Platz finden mögen. Aus einer Reise nach dem Orient sei er mit einem Mönche zusammengekommen. Nach kurzer, friedlicher Unterhaltung entzweiten sie sich, weil dieser die. jüdische Religion herabsetzte. In der Herberge erkrankte der Mönch plötzlich. Als Raschi es erfuhr, ging er zu ihm, pflegte ihn brüderlich und gab ihm ein Heilmittel, das seine Genesung bewirkte. Der Mönch wollte ihm dafür danken, aber Raschi sprach: „Ihr seid mir keinen Dank schuldig; trennt uns auch der Glaube, so muß uns doch die von meiner Religion gebotene Menschenliebe verbinden. Lebt wohl! Und. wenn Ihr einmal einem leidenden Juden begegnet, so helft ihm, wie ich Euch geholfen habe!" Nach einigen Jahren kam Raschi auf der Rückreise nach Frankreich in Prag an. Die Juden empfingen den berühmten Gelehrten mit großen Ehren. Aber der Herzog Wladislaw vermutete in ihm einen Spion und ließ ihn verhaften. Die Prager Juden trauerten darüber; Raschi aber verlor im Bewußtsein seiner Unschuld nicht die Ruhe. Als Wladislaw über , den Unschuldigen das Todesurteil aussprechen wollte, trat der Erzbischof von Olmütz vor und ries: „Im Namen Gottes verteidige ich diesen Juden als einen hochgelehrten und edelherzigen Mann." Daraus erzählte er, daß der Angeklagte ihm, als er noch Mönch war, das Leben gerettet habe. Raschi wurde nun freigesprochen und mit Ehren überhäuft. (Gossel.) Die andere Sage findet sich in dem im Archiv der israelitischen Gemeinde Worms befindlichen „Maaseh Nissim"-Büche. Eine Geschichte von Raschi und woher das Sprichwort kommt: Drei Mann und ein Roßkopf. Ueber das Weichbild der ' Stadt Worms hinaus war der Ruf Raschis gedrungen und auch nichtjüdische Persönlichkeiten suchten die Nähe des großen Mannes auf, um seine Ansichten über wichtige Dinge zu hören. So kam denn eines Tages auch der Herzog 'von Lothringen (jedenfalls Gottfried von Bouillon) im Jahre 1096, im Begriffe gegen die Türken zu ziehen und Jerusalem zu erobern, nach Worms. Er suchte Raschi auf uud wünschte dessen Ansicht über seinen Kriegsplan zu hören. Nach kurzem Besinnen verkündete ihm Raschi, daß er die Türken besiegen, Jerusalem und noch andere Orte erobern werde. Viele Schätze werden in seine Hände fallen und sein aufgenommenes Werk werde dadurch gekrönt, daß man ihn zum Könige von Jerusalem ausrufen werde, doch von nicht langer Dauer werde das Glück sein. Die Türken werden die erlittene Schmach nicht lange ertragen. Mit verstärktem Heere werden sie gegen euch ziehen. Das Glück, das euch anfangs so hold war, wird sich von euch ■ abwenden. Die Türken werden wieder Herr von Jerusalem werden. Viele von euch werden durch das Schwert fallen, andere durch eine Epidemie dahingerafft werden. Während ihr in so stattlicher Zahl von hier auszieht, werden die Zurückkommenden nur aus „drei Mann und einem Roßkopf" bestehen. Du wirst meinen Rat, fügte Raschi hinzu, den Zug nicht zu unternehmen, zwar nicht befolgen, aber du wirst dich doch noch überzeugen, daß ich wahr gesprochen habe. Mit großem Erstaunen und immer wachsender Bewegung lauschte der Herzog den Worten Raschis; doch schienen besonders die letzten Worte: „Drei Mann und ein Roßkopf" ihn sehr nachdenklich zu stimmen. Er mochte noch so sehr in Raschi drängen, ihm doch den dunklen Sinn dieser Worte zu erklären; immer erhielt er bereits das Gesagte ohne jegliche Deutung zur Antwort. Der Herzog, durch die prophetischen Mitteilungen Raschis, daß das Glück sich anfangs ihm sehr zuwenden werde, noch mehr bestärkt, beschloß, den Kriegszug sortzusetzen. Gottfried verließ mit feinen Truppen Worms. Der Kampf mochte im heiligen Lande noch so sehr toben; immer begleitete den Herzog die ehrwürdige Erscheinung Raschis, denn das Glück war ihm bei seinen Unternehmungen so hold, daß alle Prophezeiungen Raschis vollkommen eintrafen. Doch auch das Unglück stellte sich in solchem Maße ein, daß er nur mit vier Mann und einem Pferde gen Worms einzuziehen vermochte. Schon schmiedete er in seinem Innern verwerfliche Pläne, weil die Prophezeiung Raschis sich nicht in vollem Mäße erfüllte, da war er an dem Stadttore angekommen. Doch kaum öffnete sich für ihn dasselbe, als ein Balken des Tores herunterfiel, einen Mann tötete und auch das Pferd, dessen größerer Teil außerhalb des Tores lag, während drei Mann und der Roßkopf sich in der Stadt befanden. Jetzt fühlte er mit wuchtiger Schwere - die Bedeutung der Worte Raschis und schnell eilte er nach dessen Wohnung, um ihn, wie er versprochen, fürstlich zu belohnen. Doch Raschi war in der Nacht — gestorben. Wie gern hätte er ihm so vieles Wichtige aus dem heiligen Lande erzählt. Jsak Halevi aus Worms schrieb einst an Raschi: „Durch Dich ist das Zeitalter nicht verwaist; solcher, die Dir gleichen, möge es viele in Israel geben." Dieselbe Hochachtung und Verehrung, die damals ein Wormser durch diese Worte zum Ausdrucke gebracht hat, sie lebt auch heute noch in den Herzen all derer, die sich mit den Kommentaren Raschis beschäftigen. Und wir begreifen deshalb den Stolz, den die hiesige jüdische Gemeinde empfindet, daß sie die Hüterin der Stätte ist, in der dieser hervorragende Gelehrte einst zu Füßen seiner Lehrer gesessen. Ich möchte diese bescheidene Skizze mit dem Wunsche schließen, daß die zur Erinnerung an den großen Toten aus Anregung des Lemberger Gelehrten Salomon Buber gegründete

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