Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Was dr>Seidenraupenzucht betrifft, so entwickelt sich diese Industrie, wie man nunmehr auf Grund der durch mehrere Jahre hindurch geführten Versuche urteilen kann, nur sehr schwer in Palästina; sie vermag nicht aus ihren Erträgnissen zu existieren und bedarf der Subventionierung seitens der Zentralverwaltung der Kolonien. Aus dem gleichen Grunde hat die Weberei von Nosch -Pinä ihren Betrieb einstellen müssen. Der Zionismus, welcher überall nur die schwärmerisch veranlagten Juden für sich einnimmt, fesselt in Palästina auch nur die in letzter Zeit eingewanderten, läßt aber völlig kalt die einheimischen Juden. Der Zionismus ist nämlich für Palästina weit mehr ein Ausfuhrals ein Einfuhrartikel. Am besten ist es noch, für Palästina zu arbeiten — ganz einfach, ohne jeden zionistischen oder anderweitigen Anstrich und dort Gutes zu wirken, nur um des Guten willen, so wie die Jewish Colonisation Association, die soeben nach den Kolonien die Herren Mahersohn und Wormser als Inspektoren entsandt hat, oder auch wie die Anglopalästinensische Bank, die, ermutigt durch die Erfolge, welche die vorhergehenden Jahre der Zentralstelle gebracht haben, jetzt in Jaffa und in Jerusalem Filialen errichtet hat. Die zahlreichen Attentate, die von den dortigen Arabern gegen unsere Glaubensbrüder verübt werden, verdüstern allerdings gegenwärtig die Lage der Juden in Palästina. Ich erwähne hier nur die Ermordung des Chajim Kurdi in dem unweit Nazareth belegenen Sedjera, die Attentate in der Umgegend von Safed und Hebron. Der polizeiliche Sicherheitsdienst in diesen Gegenden läßt leider viel zu wünschen übrig- Im letzten Vierteljahr hat es jedoch in Palästina auch nicht an komischen Episoden gefehlt. Ein gewisser Paul Deutsch, ein Gauner, der ganz Palästina durchreiste, gab sich überall als Abgesandter irgend einer Gelehrtenschule in Budapest aus und „seifte" seine naiven Zuhörer ordentlich in den Konferenzen, in den ihm gegebenen Diners und Dejeuners ein. Er erzählte ihnen allerhand Schönes: er habe von Budapest aus ganz Europa zu Fuß durchwandert und sei von sechs Souveränen in Audienz empfangen worden, nämlich von den Herrschern von Belgien, Oesterreich, Portugal, England und Rumänien und von dem französischen Präsidenten Mr. Loubet. Auch Marokko und Sibirien wollte er durchwandert haben, wo er einen Kampf gegen eine Herde Wölfe zu bestehen hatte und mehrere Tage von Feldkräutern sich nähren mußte. Dieser Paul Deutsch versicherte, seit Beginn seiner Reise am 1. September 1901 nicht weniger als 473 Paar Stiesel verbraucht zu haben, insgesamt in 774 Betten geschlafen, 36 422 Kilometer oder 199 Millionen Schritt zurückgelegt zu haben, und noch andere Ungeheuerlichkeiten mehr. Einige pfiffige Juden' in Beirut nahmen diesem Helden die Maske ab, der sich gerade, wie es sein Vorteil erheischte, bald als Jude, bald als Christ ausgab und unter den verschiedensten Vorwänden ziemlich runde Summen in seine Tasche wandern ließ. Man veranlaßte nunmehr diesen Deutsch, den Nachweis über die Echtheit der Papiere zu erbringen, die er vorgelegt hatte. Dieser Aufforderung konnte er natürlich nicht Nachkommen. So mußten denn die hebräischen Zeitungen in Palästina, die mehrere Wochen hindurch diesen Wundermann bis in den Himmel gehoben hatten, wohl oder übel ihren Reinfall eingestehen. Der gaunerische Wunderknabe verduftete schleunigst nach Aegypten, bevor man seiner habhaft werden konnte, und begab sich ins Wunderland der Pharaonen, wo er recht bald in Vergessenheit geraten dürste. M. F. Salchi. Von S. Rothschild-Worms a. Nh. er Reisende, der nach Worms kommt, um die Altertümer der alten Reichsstadt anzusehen, versäumt gewiß nicht, auch einen Gang nach der Judengasse zu machen, um hier die altehrwürdige Synagoge mit der Raschikapelle und dem Raschistuhl zu besichtigen. Schon der Umstand, daß vor einer Reihe von Jahren selbst die politische Gemeinde einer Straße den Namen „Raschi st r aße" beilegte, läßt darauf schließen, daß es sich hier um' einen Mann handelt, der aus irgend einem Gebiete sich besonders ausgezeichnet haben muß?) 800 Jahre sind dahingegangen, seitdem Raschi die Augen für immer geschlossen, und nichts vermochte den Nuhmeskranz zu bleichen, den die Mitwelt ihm geflochten. Die Nachwelt wetteiferte mit der Mitwelt in der Verehrung und Hochachtung eines außergewöhnlichen Genies. In früheren Jahrhunderten hatten die Juden noch keine Familiennamen; sie trugen mit ihrem Namen den ihres Vaters, welche beide Namen durch Zusammenziehung der Anfangsbuchstaben gekürzt erschienen. So wurde aus dem Namen Rabbi Schelomo (Salomo) Jizchaki der Name Ra Sch I. Das Leben Raschis ist rasch erzählt. Er wurde 1040 zu Troyes (Frankreich) geboren; sein Leben fällt also in die Zeit des ersten Kreuzzuges. Wie es damals Sitte war, verheiratete er sich sehr früh, besuchte die berühmten Schulen zu Mainz, Speyer und Worms, wo er, wie er selbst schreibt, talmudischen Studien oblag, „in Mangel an Brot und ordentlicher Kleidung, obwohl in der Ehe lebend." Hin und wieder besuchte er, wahrscheinlich zu den Feiertagen, seine Gattin, kehrte aber immer wieder zu den deutschen Lehrstätten zurück. Als sich endlich selbst seine Lehrer vor seinem Urteile beugten, trat er im Alter von 25 Jahren die Rückkehr nach Troyes an, wo sich bald eine große Schülerzahl um ihn sammelte, so daß daselbst ebenso wie in den vorgenannten deutschen Städten bald ein berühmtes Lehrhaus entstand. Von einer seiner drei Töchter entstammten zwei hervorragende Gelehrte. Raschi lebte trotz des Unglücks, das damals durch die Kreuzzüge über die Juden Frankreichs hereingebrochen war, ungestört bei seiner Lehrarbeit, bis ihm der Tod die Feder aus den Händen nahm; er starb 1105. Kehren wir zur Lebensarbeit Raschis zurück. Raschi war weder Philosoph noch Dichter, er war ein Volkslehrer, besonders durch seine meisterhafte Erklärung der Bibel und des Talmuds. Er verdient mit Recht den Namen eines Volkslehrers, denn von allen Bibelkommentaren ist keiner so volkstümlich geworden als der RaschP. Was ihn besonders auszeichnet, ist das später auch von Lessing geforderte „Streben nach Wahrheit." Dabei zeigen sich auch die genialen Geistesgaben Raschis im Verein mit einer innigen Frömmigkeit und wahrhaft rührenden Bescheidenheit im schönsten Lichte. Raschi bemüht sich immer den einfachsten Sinn des Bibelwortes zu erklären, stellt auch zuweilen die, wenn auch von der seinigen abweichende Erklärung anderer Gelehrten neben die seinige und läßt dann den Leser selbst urteilen. Zuweilen fügt er der natürlichen Erklärung auch eine solche der Hagada an. Einige wenige Beispiele mögen die Art, wie Raschi die Bibel erklärt, veranschaulichen. Im 1. Buch Moses Kap. 24 wird erzählt, wie Elieser, der Knecht Abrahams, Rebekka am Brunnen trifft und später in deren Haus einkehrt, um sie als Braut für seinen Herrn mitzunehmen. Nach- 1) lieber diese Stätten hat A. Epstein mit eindringender Kritik in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" (1884, 1901) geschrieben. Die Red.