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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-18 · Heft 33 (18.8.1905) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
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Der zeitlichen Folge nach, aber ihrer geistigen Bedeutung nach einander ubertreffend, waren es: I. Dankowitz, welcher infolge eines Zwischenfalls mit-der Regierung sein Amt niederlegte, Mord. Grünwald, der Plötzlich in London einem Schlaganfall erlag, und endlich Dr. M. Ehrenpreis, der noch jetzt im Amte ist. Dieser letztere wurde im Mai 1900 auf vier Jahre gewählt. Als seine Amtszeit abgelausen war, bestimmte man, daß sich ein aus den Vertretern aller Gemeinden bestehender Kongreß vereinigen sollte, um eine Neuwahl zu treffen oder aber den bisherigen Rabbiner wieder zu wählen. Dieser Kongreß tagte in Sofia. Lange vorher war er übrigens mit großem Tamtam in den jüdischen Zeitungen Bulgariens angekündigt worden, einer Presse, die, falls es erforderlich ist, recht lärmend sein kann. Die Tagesordnung des Kongresses war übrigens recht interessant; sie umfaßte u. a. folgende Punkte: 1. Rechnungslegung über seine vier Amtsjahre durch den Oberrabbiner. 2. Bureauwahl für die Sitzungen des Kongresses. 3. Mittel zur Bekämpfung der Ritualmordbeschuldigungen. 4. Organisation der Juden in Bulgarien. 5. Unterrichtsfragen. Bei Eröffnung des Kongresses waren von 33 Gemeinden 17 mit 28 Delegierten vertreten. Je nach, ihrer Bedeutung hatte , jede Stadt einen, zwei oder drei Delegierte abgeordneü Es waren vertreten Sofia, Rustschuk, Philippopel, Widdin, Dubnitza, Haskovo, Tatar-Bazardjik, Aambol, Lom-Palanka, Stara-Zagora, Nova-Zagora, Samakov, Stanimaka, Sliwno, Ferdinand, Schumla und Tschirpan. Bei Beginn der Sitzung verlas der Oberrabbiner seinen Bericht, der einen klaren und gleich einem spannenden Geschichtskapitel interessanten Einblick in die vier Jahre seiner Dienstzeit bot. Die Anwesenden, durch den Zauber des Redners hingerissen, hörten ihn bis zu Ende an. Sie billigten auch den Vorschlag des Oberrabbiners, zwei Telegramme abzusenden; eines an den Fürsten Ferdinand, und das andere an den Ministerpräsidenten, um ihnen die Eröffnung des Kongresses anzukündigen. Bis dahin ging alles gut. Doch, als man sich anschickte, die Bureauwahl vorzunehmen, brach ein Sturm los; man protestierte, schrie und pfiff, und zwar, weil gewisse Kongreßteilnehmer behaupteten, der Oberrabbiner wolle ihnen einen Präsidenten seiner Wähl aufdrängen. Die allgemeine Aufregung war so heftig, daß es niemandem möglich war, sich Gehör zu verschaffen. Die Wahl eines Leiters des Kongresses mußte vorläufig abgesetzt werden. Dies alles war der gegnerischen Partei, die um jeden Preis einen Streit herbeizuführen suchte, nur ein Vorwand, um mit dem Oberrabbiner anzubinden. Vergebens bemühte sich dieser, seinem Auditorium klar zu machen, daß gemäß der Geschäftsordnung des Konsistoriums von 33 Gemeinden mindestens 2/3, also 22 aus der Versammlung hätten vertreten sein müssen, um deren Beschlüssen Gesetzeskraft zu verleihen, daß nunmehr aber, da nur 17 Gemeinden ihre Vertreter entsandt hätten, notwendigerweise die Sitzung vertagt werden müßte. Die leidenschaftlich erregten Mitglieder der Opposition bekämpften heftig diese Ansicht, namentlich der Leiter der Opposition, der Rechtsanwalt Preciado Romano, der Führer des Zionismus in Bulgarien. Die Proteste waren so lebhaft, daß der Oberrabbiner gemeinsam mit den Delegierten vier anderer Gemeinden sich gezwungen sah, den Saal zu verlassen. Und nunmehr beginnt diese Versammlung winziger bulgarischer Gemeinden die berühmte „Gesetzgebende Versammlung vom Jahre 1789" nachzuäffen. Die stürmische Sitzung, von der hier die Rede ist, fand in einem Klassenzimmer der israelitischeu Töchterschule in Sofia statt. Auf Befehl des Oberrabbiners mußte jedoch alsdann dieser Saal seiner ursprünglichen Bestimmung unverzüglich zurückgegeben werden. Unsere Mirabeaus und Sieyes' in verkleinerter Ausgabe mußten das Lokal räumen und — in Ermangelung eines Ballhaussaales — begaben sie sich ganz bescheiden zunächst in die deutsche Synagoge. Dort konnte natürlich aus leichtverständlichen Gründen die Sitzung nicht weiter fortgesetzt werden. Unsere Abgeordneten jedoch, sich berauschend an der Begeisterung jener Neophyten, gerieten hierdurch durchaus nicht in Verlegenheit und mieteten den Saal des Lass Odessa. Dort. hielt der sogenannte Kongreß, der infolge unzureichender Beschickung gesetzwidrig war, drei Tage hintereinander Sitzungen ab, faßte Beschlüsse, stürzte dieselben wieder um und richtete große Verwirrung an. Man ging sogar so weit, die amtliche Tätigkeit des Oberrabbiners als untauglich zu bezeichnen und beschloß, diesen Tadel dem zuständigen Minister offiziell mitzuteilen. Die Telegraphenagenturen des Orients, denen der Rechtsanwalt Romano und sein Anhang diesen Beschluß mitzuteilen sich beeilten, veröffentlichten ihn noch am selben Tage zum großen Aergernis aller rechtlich Denkenden. Man muß gestehen,. diese Politiker vom Schlage des 20. Jahrhunderts hätten wirklich ein wenig mehr aus ihre eigene und ihrer Wähler Würde Bedacht nehmen und ihrem hitzigen Temperament nicht in dieser Weise die Zügel schießen lassen sollen. Sie wären dann in der Tat vor dem Versuch zurückgeschreckt, einen Mann von so hervorragenden Verdiensten, wie der gelehrte Dr. Ehrenpreis es ist, inder Oeffentlichkeit bloßzustellen. Der Oberrabbiner selbst gab sich gar keine Mühe, gegen dieses Votum des Kongresses Einspruch zu erheben. Er begnügte sich damit, an die Vorsteher der Gemeinden ein Rundschreiben zu richten, in welchem er ihnen erklärte, daß der geplante Kongreß in Ermangelung der statutarisch festgesetzten Majorität nicht stattgefunden habe und vertagt worden sei. In der Tat entzogen noch im Verlaufe desselben Tages sieben Gemeinden: Widdin, Schumla, Hambol, Samakov, Haskovo, Sliwno und Sofia, die aschkenasische Sektion, durch Depesche ihren Delegierten das Mandat in Anbetracht der Umstände, unter denen die Versammlung bisher ihre Beschlüsse gefaßt hatte. Diese Telegramme wurden abschriftlich an den Oberrabbiner gesandt, und der Text derselben in dem amtlichen Organ „Evreiski Eko" vom 28. Februar veröffentlicht. So war also die Zahl der vertretenen Gemeinden schließlich von 17 auf 11, das heißt genau aus den dritten Teil der Gesamtsumme der Gemeinden verringert. So hat trotz aller Anstrengungen des Herrn Dr. Ehrenpris der Kongreß zu keinem Ergebnis gelangen können und einen so unwürdigen Verlaus genommen.- Unsere temperamentvollen Abgeordneten haben aus Aerger in gehässigen Artikeln, die an die einheimischen und fremden Zeitungen gesandt wurden, die Tatsachen bewußterweise gefälscht. Die Rabbinerkanzlei hat jedoch Sorge getragen, innerhalb des Landes diese Entstellung der Tatsachen zu dementieren. Die deutschen Leser, welche sich für die Bevölkerung des Balkans interessieren, werden die Wahrheit über diese Angelegenheit durch Vermittlung Ihrer geschätzten Zeitung erfahren. Wahrlich, diese Vorgänge sind tief bedauerlich! Man könnte von dem ausgezeichneten und geistvollen Oberrabbiner Ehrenpreis dasselbe sagen, was der Prophet Jeremias vor den Ruinen Jerusalems ausrief: „Wie hat sich reines Gold in gewöhnliches Blei verwandeln können?" Wie konnte man, von'Parteiwut ergriffen', so blind sein gegen die hervorragenden Verdienste, die dieser

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