Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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390 MW Zweifel und mancher Zwiespalt in der Brust sich regt, und deshalb, gestatten Sie mir, mit dem Wunsche zu schließen, daß, so wie das Judentum sich stets zu finanziellen Opfern bereit finden läßt für-feine schwächeren Glieder, man auch an das Judentum in Preußen nicht vergeblich appellieren muß, daß man seine Opferfreudigkeit, seinen Opfermut nicht vergeblich anrufen wird, wenn es gilt, Opfer an der bisherigen Selbständigkeit, Opfer an der bisherigen Autonomie der Gesamtheit zu bringen. Von der Iubilgums-Gewerdesusltkllung in Kassel. as hochherzige Testament des unvergeßlichen Konsul Moritz Simon, das die reichgesegnete Lebensarbeit dieses Mannes wie in einem Brennpunkt gesammelt noch einmal weithin erstrahlen läßt, bestimmt nach den prinzipiell gehaltenen einleitenden Bemerkungen in dem ersten Punkte: „Aus den Einkünften der Stiftung sollen israelitische Kinder vom frühesten Alter an, namentlich in den Volksschulen, in jüdischen Waisen- und Erziehungsanstalten, auch insbesondere durch Handfertigkeitskurse oder in sonstiger Weise Handfertigkeitsunterricht erhalten re." Wenn es auch ausgesprochen werden muß, daß es nicht leicht sein wird, die Bestimmungen der Stiftung zu realisieren, die darauf hinzielen, das Handwerk „unter den Israeliten in größerem Umfange zu verbreiten", da in der Gegenwart gerade das Handwerk in sichtbarem Niedergange begriffen ist und durch neue Produktionsmethoden verdrängt wird, so muß andererseits der in obigem Passus ausgesprochene Wunsch, den Handfertigkeitsunterricht bei der jüdischen Jugend zu fördern, als höchst bedeutsam und beachtenswert hervorgehoben werden. Denn zahlreiche pädagogische Gründe, die vorteilhafte Beeinflussung der physischen Entwicklung der Geschmacks- und Willensbildung müssen immer von neuen: die Notwendigkeit einer Ergänzung des theoretischen Schulunterrichts durch praktische Beschäftigung illustrieren. Aber auch der Gewinn des Handarbeitsunterrichts für die intellektuelle Ausbildung muß ganz besonders betont werden, denn, wie Palurgren, der Direktor der praktischen Arbeitsschule in Stockholm, sehr richtig in seinem Vortrage „8ur 1'irnportarice du travail. manuel dans l’education“ bemerkt: „Le travail manuel occupe aussi une place eminente au point de vue de Teducation intellectuelle, d’abord parcequ’il force l’enfant ä concentrer ses pensees cxclusivement sur son courage.“; Alle diese Gesichtspunkte betreffs des erziehlichen Handarbeitsunterrichts kommen naturgemäß ganz besonders bei geschlossenen Erziehungsanstalten in Betracht. Denn so verschiedenen Charakters auch die Internate sein mögen, so stellt sich doch bei ihnen als gemeinsames Merkmal die Notwendigkeit dar, einen Ersatz für das Elternhaus zu schaffen und damit verbindet sich für sie die Forderung,, den Arbeitsunterricht an Stelle der mannigfachen körperlichen Arbeit, wie sie die Familie von selbst mit sich bringt, ganz besonders, zu Pflegen. Darum muß es immer wieder von neuem hervorgehoben werden, daß auch in den spezifisch jüdischen Erziehungsanstalten in dem Arbeitsunterricht gegenüber der einseitig intellektuellen Ausbildung ein Gegengewicht geschaffen werde. Wie schöne Erfolge nach dieser Richtung erzielt werden können und wie haltlos der immer wieder gegen das Judentum erhobene Vorwurf der Inferiorität aus dem Gebiete körperlicher Arbeit ist, beweisen die Leistungen des Israelitischen Waisenhauses in Kassel auf der hiesigen Gewerbeausstellung. Schon die Aufstellung der Arbeiten wirkt nach jeder Richtung hin anziehend und geschmackvoll. Innerhalb der X. Gruppe, die das gewerbliche' Schulwesen, die gewerbliche Literatur und die Wohlfahrtseinrichtungenbefaßt, begegnen sie uns — bald am Eingang des Saales, weithin äußerlich erkennbar durch die Aufschrift: „Israelitisches Waisenhaus Kassel: Erzeugnisse des Handfertigkeitsunterrichts, Handarbeiten von den Schülerinnen rc." Nähern wir uns den ausgestellten Arbeiten, so staunen wir über die Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse, die die kleinen Finger der jüdischen Waisenkinder zustande gebracht haben. Es sind in erster Reihe Holzarbeiten, und zwar Kerbschnitzereien. Praktisch veranschaulicht sehen wir da zunächst den Lehrgang der Kerbschnitzarbeit in allen Phasen der Entwicklung. Und immer in bunter Abwechslung: Ornamente, Blattformen, Photographierahmen, verschiedene Kästchen, Untersetzer, Tischbretter, Schreibzeug, Schreibtischmappe, Tintenfässer, Lesepult rc. Vor allen Dingen erregt ein in feinstem Kerbschnitt ausgeführter Wandschrank die Bewunderung der Beschauer. Alle diese Arbeiten, die sauber und schön ausgeführt sind, erfordern eine weitgehende Vertrautheit mit der Bearbeitung des Holzes und der Zusammenstellung der Modelle. Auch die Handarbeiten der Mädchen müssen mit besonderer Anerkennung genannt werden. Die „Kasseler Ausstellungszeitung" schreibt von ihnen in der Besprechung der weiblichen Arbeiten: „An der Ausstellung des israelitischen Waisenhauses haben ersichtlich auch weibliche Hände mitgearbeitet. Gewiß rühren die sauberen hübschen Stickereien von den Waisenmädchen her, die für ihr Alter tüchtiges leisteten!" Auch muß hervorgehoben werden, daß diese Erzeugnisse sämtlich in freien Mußestunden entstanden sind, in denen eben nicht mehr das Buch als einziges wirkliches Erholungsmittel gilt. Neben diesem inneren Erfolge konnte der äußere, wie er sich bereits in obiger Kritik kundgibt, nicht ausbleiben. Der OberPräsidentvonWindheim hat diese Arbeiten bes anders rühmend hervorgehoben und die Ko m m i s so n d e r Ausstell ung hat zahlreiche Gegenstände zur Verlosung angekauft. — Die Verdienste, die sich der ausgezeichnete Leiter des Waisenhauses, Herr Inspektor Sch eye, um das Gelingen dieser Arbeiten erwarb, näher beleuchten, hieße dem vorausgreifen, was im Mai des nächsten Jahres, wo diese Musteranstält jüdischer Wohltätigkeit auf ein 50jähriges Bestehen zurückblicken wird, mannigfach in Wort und Schrift zum Ausdruck gebracht werden wird. Begnügen wir uns deshalb hier mit der Bemerkung, daß dieser treffliche Schulmann in seiner Persönlichkeit in besonders hohem Maße die Wahrheit des Ausspruches bestätigt: „Der Mensch hängt noch mehr an denen, welchen er Sorge und Liebe widmet, als an denen, von welchen er Sorge und Liebe empfängt!" J. W. Orirke aus dem Srienl. Bulgarien. in Sturm in einem Glas Wasser, diesen Titel einer Komödie aus dem Repertoir des „Theatre Fran^ais" möchte ich gern über eine kleine Geschichte setzen, welche sich unter den Juden Bulgariens abgespielt hat. Lassen Sie mich Ihnen den Hergang so kurz wie möglich erzählen. Die Juden Bulgariens haben einige Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung ihres Landes vom Jahre 1887 bereits dreimal Veranlassung gehabt, Rabbiner zu ernennen. Diese drei Rabbiner sind sämtlich aus europäischen oder vielmehr deutschen Seminaren hervorgegangen und auf den Posten eines Oberrabbiners des Zenträlkonsistoriums berufen worden.