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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-18 · Heft 33 (18.8.1905) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 mit dem Judentum und mit den Juden absolut nichts zu schaffen hat. Der Brite, obwohl er nicht so lange und nicht in dem Maße -wie der Jude gezwungen war, nur dem Handel sich zu widmen, aber durch die geographische Lage seines Landes einen besonderen Anreiz zum Handel hatte,- ist mindestens so unternehmend und geschäftstüchtig wie der Jude. Der Amerikaner hat den Geschäftssinn noch viel Ichneller und gründlicher ausgebildet und ähnlich andere Völker. Unehrlichkeit im Handel ist den Juden ebenso wie den Christen durch Religion und Gesetz verboten. Andererseits gibt es bei den Juden genau so wie bei anderen Völkern ganz und gar weltfremde und vollständig geschäftsunkundige Menschen. In diesen Beziehung stehen jüdische Gelehrte zu ihrem Schaden nicht um ein-Haar den träumenden germanischen Poeten nach, und nichtjüdische Dichter haben mehrfach diesem unpraktischen Sinn, dieser jüdischen Uneigennützigkeit und Weltfremdheit, manches literarische Denkmal gesetzt. Auch in der Literatur sollen die Juden einen eigenen Geist bekunden. Wir meinen, das, was man speziell als jüdische Geistesprodukte und jüdische Geistesart bezeichnet, haben bei allen Völkern unzweifelhaft „nationale" Schriftsteller und Dichter mindestens ebenso gut wenn nicht besser geleistet als jüdische Schriftsteller und Dichter. Die Franzosen, die Engländer, die Iren, Schotten, Russen, selbst Amerikaner haben ihre judenreinen zersetzenden Kritiken, Satiren rc., die antisemitische Literaten für „jüdisch" erklären würden. Es ist auch nur natürlich, daß Juden in literarischer Beziehung sich nicht von den nichtjüdischen Kollegen in den jeweiligen Ländern unterscheiden. Denn sie haben sich ja gerade an den Arbeiten der Nationaldichter exfreut und herangebildet und hätten ohne diese Vorbildung in der Literatur auch nichts leisten können, das Beachtung gesunden hätte. Der edle Don Quichotte hat wenigstens Windmühlen vorgesunden, die er bekämpfen konnte. Die Antisemiten aber, d. h. nur die wenigen ehrlichen unter ihnen, erfinden erst die Windmühlen, die sie bekämpfen zu müssen glauben. Wann endlich wird man einsehen, daß es einen aparten, zu bekämpfenden jüdischen Geist nicht gibt und daß das, was man zur Not als einen solchen ansehen könnte, am besten sich durch Entfernung aller vom früheren Verfolgungsgeist ersonnenen und auf unsere Zeit mehr oder weniger vollständig vererbten Schranken und Scheidewände bekämpfen und überwinden, und am schnellsten beseitigen läßt? Ein Patriot durch und durch, wie der verstorbene Fürst Bismarck, konnte sehr gut sich vorstellen, wie ein Jude von der hohen Intelligenz eines Heine, an den man doch wahrlich große Ansprüche stellen kann, den Feind und Ueberwinder seines Vaterlandes bewundern und verehren konnte, weil dieser die Schranken des Ghetto niedergerissen und den Juden Menschenrechte gewährt hat. Und ein Bismarck erwartete doch nicht wenig von den Bürgern, mutete sich nicht' wenig zu, und dennoch sagte er, er würde Wohl genau so wie Heine gehandelt'haben. Man höre auf zu unterscheiden und es wird keine Unterschiede mehr geben. Was an Unterschieden dann noch übrig bleibt, sollte nicht ausgerottet werden, nicht etwa bloß, weil die Geschichte lehrt, daß es unausrottbar ist, sondern weil es dem Staate und der Gesellschaft nicht schadet, sondern im Gegenteil nützt. Die Mache. Berlin, 15. August. )ie freie Dozentur an den deutschen Universitäten und die Lage des PrivatdozententumS überhaupt, ist wieder einmal Gegenstand lebhafter Kontroversen. Man erzählte sich schon längst in eingeweihten Kreisen von schweren Schäden der Privatdozentur speziell an der Berliner Universität — soweit wenigstens die medizinische Fakultät in Frage kommt — man sprach von einer Neuregelung, die selbstverständlich mit einer Verbesserung identisch sein mußte, man flüsterte leise dies und jenes, aber jetzt erst fängt man laut darüber zu reden an. Vor einigen Tagen hat sich nämlich ein junger Mediziner, der Assistent am hiesigen physiologischen Institut gewesen, das . Leben genommen. Ein eigentümlich tragisches Geschick hat sich an ihm erfüllt, er ist das erste Opfer einer neuen Richtung geworden. Fragt sich nur, ob diese neue Richtung, die vielleicht nur einer augenblicklichen Stimmung der medizinischen Fakultät ihren Ursprung verdankt, überhaupt ein Opfer wert ist. Sicherlich nicht. Aber wenn es selbst der Fall sein sollte, so ist es mit dem Tode eines hoffnungsvollen Gekehrten, der nicht nur seiner Familie, sondern auch der Wissenschaft entrissen ist, tausend und aber tausend Mal zu hoch bezahlt. Die neue Richtung .... Gewiß, die Verhältnisse in der medizinischen Fakultät sind ganz unhaltbar. Aber eine einschneidende Besserung müßte an einer ganz anderen Stelle vorgenommen werden. Das Uebel sitzt doch ganz wo anders. Es ist nämlich bei der ganzen Kontroverse bisher ein Moment absolut unbeachtet geblieben, das sich leider heute in jede Frage des öffentlichen Lebens eindrängt: das konfessionelle! Der Unglückliche war ein Jude, und von den 150 Dozenten der Berliner Fakultät besteht ein großer Teil ebenfalls aus Juden! In dieser selben medizinischen Fakultät ist aber jetzt eine zweifellos antisemitische Richtung zu 'maßgebender Bedeutung — das pfeifen schon seit dem Tode Virchows die Spatzen von allen Dächern — gekommen. Würde man den Juden nicht alle öffentlichen Aemter verschließen, so wäre der Zudrang ihrerseits zum medizinischen Studium nicht ein so großer. Das Unwesen des Titularprofessors haben sie nicht verschuldet. Hingegen sucht man mit Vorliebe sie mit diesem Titel abzufinden. Wenn fortab nicht mehr die wissenschaftliche Qualifikation, sondern der „Lebenslauf" über die Zulassung zur Habilitation entscheiden soll, so weiß man, was unsere Jugend davon zu erwarten hat. Es wäre nur zu wünschen, daß das Berliner Beispiel diesmal an den anderen deutschen Universitäten keine Nachahmung fände. $» Die englische Fremdenbill ist am 8. d. M. im Oberhause in dritter Lesung debattelos angenommen und somit zum Gesetz erhoben worden. Ueber die Verhandlungen der zweiten Lesung berichtet man uns: Lord Belper, welcher den Eintritt in die zweite Lesung der Bill beantragte, brachte in seiner ausführlichen Rede alle die bekannten Plattheiten vor, die, obgleich immer wieder und wieder als falsch und erlogen nachgewiesen, von den Antialienisten dennoch unverfroren von neuem vorgebracht werden. So wiederholte er unter anderem die Behauptung, die Zahl der sich in England niederlassenden Fremden beläuft sich mindestens auf 20 000 jährlich, während die Fremdenkommission selber diese Zahl höchstens auf 7000 fixiert hat. Ebenso wiederholte er die Beschuldigung, Me' in Ost-London herrschende Wohnungsnot sei ausschließlich durch den Fremdenzuwachs verursacht worden. Auch die bekannte Klage von der Zunahme des Verbrechertums unter den Fremden wurde von ihm wiederholt. Endlich scheute er sich nicht, die ungeheuerliche Behauptung auszusprechen, die

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